Hartmut Emrich

Autor und Herausgeber

Buch der Woche KW 08 und 09 / 2021

Auf dieser Seite stelle ich gelegentlich Auszüge aus einem meiner Bücher als kleine Leseprobe ein. 

Der Auszug aus einem meiner Bücher stammt auch in dieser Woche aus dem Buch 'Wen die Götter strafen wollen...' aus der Reihe 'Tellerwelten' 

Kapitel 3

Wen die Götter strafen wollen…

 … den belohnen sie auf sonderbare Weise


Ungefähr 2.502 Jahre nach der Katastrophe

… sechs Tage nach der Eroberung Ringstadts

Sie legt die siebte Rolle aus der Sammlung 'Handgemalte Karten von Benomas dem Jüngeren’ zur Seite und wieder gehen ihr Gissors Worte durch den Kopf. Mit einem Regenwurm hatte der sie vor fünf Tagen verglichen. Das war ihr erst später durch den Kopf gegangen und sie hatte sich anfangs über diesen Vergleich maßlos geärgert. Die halbe Nacht hatte sie deswegen nicht geschlafen und am Morgen danach bereits die Pferde gesattelt, um jenes Lager vor der Stadt zu verlassen. Sie hatte sich in der Nacht überlegt, ob sie den Weg nach Rotbergen wieder finden würde und dann würde sie mit jenen acht Wallachen, die sie hätte mitnehmen wollen, zumindest einen Anfang für einen Pferdehandel machen können. Für eine Zucht würde ihr aber mindestens ein guter Hengst und ein paar gute Stuten fehlen und wieder hatte sie sich über diese Idioten von den Panzergarden geärgert, die in ihrer Maßlosigkeit und ihrer brutalen Ignoranz, die schönsten und besten Stuten von Drei Eisen geschlachtet hatten.

Aber rückblickend hatte Gissor mit seinem Regenwurmvergleich tatsächlich recht gehabt. Jene Idee mit ihrer Rückkehr, wäre der Versuch des Regenwurms gewesen, wieder in seine Erdscholle zurückzukehren. Eine Erdscholle, die es in dieser Form aber längst nicht mehr gab. Drei Eisen ist für sie auf keinen Fall die Zukunft. Ob allerdings Ringstadt für sie eine Zukunft ist, kann sie noch nicht sagen, denn im Augenblick ist die Stadt noch immer nicht zur Ruhe gekommen. Es sind keine Dämonen, die hier für Unruhen sorgen. Es sind Menschen, die laut Verlo und Gissor noch vor einem viertel Zyklus auf den großen Landgütern auf den Ebenen arbeiteten und die ihre Herren getötet und die Güter verlassen hätten. Einmal davon abgesehen, dass es jetzt niemand gäbe, der ein Interesse daran hätte, die Ernten einzubringen, würden diese Männer und Frauen ihr Glück in Ringstadt suchen. Vielleicht denken die, es wäre nun genug Platz hier. Noch vor zwei Umdrehungen hätten alleine in Ringstadt mehr als 35.000 oder gar 40.000 Menschen gelebt. Sie hatte sich jene Zahl erst einmal erklären lassen müssen, denn sie hatte, und hat im Prinzip noch immer nicht, keine Vorstellung von der wirklichen Bedeutung. Es sind auf jeden Fall deutlich mehr gewesen, als es nun der Fall ist. Und diejenigen, die jetzt hier leben wollen, kämpfen mit denen, die hier bereits vorher lebten, um das Wenige, was aus der Zeit vor der Herrschaft des Dämons übrig ist. Es gibt natürlich auch jenes Stadtviertel, wie jenes in dem sie sich befinden, in denen nicht gekämpft wird. In dem Stadtviertel beim sogenannten Strohtor, in dem sich auch das Haus mit der unglaublichen Bibliothek von Gissor Ferall befindet, befindet sich auch die Kaserne der schnellen Fußtruppen. Die sorgen hier und auch in anderen Stadtteilen in der Nähe, für eine stabile Ordnung. Das ist ihr vor allem auch wegen der restlichen fünf Pferde wichtig, die ihr jetzt noch nach dem Überfall geblieben sind. Gleich am ersten Tag nach ihrer Ankunft, als sie noch nicht damit rechneten, war es zwei Dutzend Plünderern gelungen, vier Pferde zu stehlen und zu töten. Aber nicht nur Pferde waren denen wichtig gewesen. Auch Vorräte, die sie hier in den Lagerhäusern noch vorgefunden hatten, waren von denen gestohlen worden, weswegen Gissor die Plünderer mit einer eher einfachen Beschwörung ausfindig machte und Hauptmann Warlos dafür sorgte, dass die das nicht mehr wiederholen würden. Aber ihre vier Wallache waren da bereits tot.

„Kora? Wo bleibst du?” es ist die ungeduldig klingende Stimme des alten Gissor. Der hat sie bereits vorhin aufgefordert, nach unten zu kommen.

„Ich bin eigentlich schon unterwegs.” ruft sie, richtet sich auf und klettert über die schmale und steile Treppe nach unten, wo der alte Gissor in ungewohnter Kleidung auf sie wartet. Ein dunkles bodenlanges Gewand, das mit hellen runden und gezackten Flecken bestickt ist und eine Kopfbedeckung, die aussieht, als ob ein Vogel ein Nest gebaut hat, lassen den völlig verändert aussehen.

„Ich dachte, du wolltest dir eine saubere Tunika und einen Rock anziehen?” fragt der verärgert und tatsächlich war das ursprünglich der Grund dafür gewesen, warum sie noch einmal nach oben in das sogenannte Studierzimmer gegangen war. Sie hat sich dort mit ihren wenigen Habseligkeiten eingerichtet, seit es Gissor mit der Hilfe von ein paar angeblich einfachen Levitationsbeschwörungen und der Hilfe zahlreicher Männer der schnellen Fußtruppen, gelungen war, die Ruine wieder bewohnbar zu machen. Er benutzt häufig das Wort Provisorium für dieses zweistöckige Haus, das um die unbeschädigte Bibliothek herumgebaut ist. Sie hatte sich die Bedeutung dieses Wortes erklären lassen und kann es auf ihr eigenes Leben anwenden. Und auf die Auswahl ihrer Kleidung, denn die Reithosen, das Hemd und die Weste sind ihre einzigen halbwegs sauberen Kleidungsstücke. Das erklärt sie auch noch einmal dem Alten, worauf der dann sagt „Seis drum! Wir müssen uns jetzt sowieso beeilen. Die werden mit der Zeremonie zwar nicht ohne mich anfangen, aber es wäre trotzdem ärgerlich, wenn wir zu spät kommen. Es könnte als schlechtes Omen aufgefasst werden und das sollten wir auf jeden Fall vermeiden.”

Die Bedeutung des Wortes Omen kennt sie bereits von Evila, die oft darauf bedacht ist, bestimmte Dinge nicht zu tun, weil die Unglück bringen würden. Aber Evila hatte es nichts ausgemacht, sich an der Zerstückelung der jungen Frauen zu beteiligen, mit denen Verlo zusammengelebt hatte. Seit sie denen ihre Meinung sagte und Tonio aufforderte, zukünftig einen großen Bogen um sie zu machen, hat sie auch nichts mehr von denen gehört. Darüber ist sie auch nicht unglücklich.

Sie begleitet Gissor dann aus dem Haus und folgt dem durch ein paar enge Gassen, die voll mit Schutt liegen, bis sie jenen Platz erreichen, der bei ihrer Ankunft vor fünf Tagen, einen fürchterlichen Anblick bot. Zahllose abgeschlagene Köpfe hatte man auf Spieße gesteckt, die man zuvor in das Pflaster getrieben hatte. Jetzt ist davon nichts mehr zu sehen. Bunte Tücher, die man an hohe Stangen gebunden hat, flattern im Wind und der Platz ist voller Menschen, die in Gruppen zusammenstehen und laut miteinander plaudern und scherzen. Deren Blicke sind fast ausschließlich nach vorne gerichtet, wo auf einem Podest etliche Männer herumstehen und auf etwas zu warten scheinen. Rule Scharfschwert, der in eine prächtige und golden glänzende Rüstung gekleidet ist, überragt die alle. Noch bevor die Zeremonie begonnen hat, ist der bereits auch im übertragenen Sinn die herausragendste Persönlichkeit auf dem ganzen Platz. Verlo, der in dessen Nähe steht, sieht dagegen aus, als ob der gar nicht dazu gehören würde. Da nützt auch der prächtige Umhang nichts, den Gissor für den aufgetrieben hat. Kora folgt Gissor durch die Menge, die dem alten Magus bereitwillig Platz macht. Als der Alte auf das Podest steigt, bleibt sie stehen und blickt sich um. Sie würde jetzt ungern hier alleine unter ihr unbekannten Leuten stehen, von denen die meisten Männer sind, denen sie niemals weiter trauen würde, als sie einen Amboss tragen könnte. Warum hat der sie jetzt hier einfach alleine gelassen?

„Was ist?” ruft Gissor vom Podest aus.

„Das könnte ich jetzt auch fragen.” ruft sie verärgert und alleine gelassen.

„Komm endlich herauf, oder brauchst du eine Einladung?” ruft der und wegen dieses kurzen Gesprächs haben sie jetzt die ganze Aufmerksamkeit der umstehenden Leute. Sie verzichtet darauf, mit dem alten Magus zu diskutieren und besteigt ebenfalls das Podest. Hier befinden sie wenigstens Leute, die sie kennt. Neben Verlo, Gissor und dem alles überragenden Rule, sind das auch Warlos Kettenhemd und Roger Langaxt. Sie drängt sich hinter Verlo, denn auf keinen Fall möchte sie jetzt ganz vorne stehen. Ihr reichen bereits die Kommentare aus der Menge, die ihr zugerufen werden. Sie zupft Verlo am Ärmel der prächtigen blauen Tunika, die mit gelben Stickereien versehen ist und fragt „Was soll das jetzt hier? Ich dachte, es ist Rules Zeremonie?”

„Na ja, zum Teil und zum Teil auch nicht.” sagt der und damit ist Kora noch verwirrter als zuvor.

Bevor sie nachfragen kann, ruft einer der ihr unbekannten Männer auf dem Podest nach Ruhe und wiederholt die Aufforderung noch ein paarmal, bis tatsächlich fast alle Gespräche auf dem Platz verstummen.

„Ihr alle kennt Rule Scharfschwert als tapferen Kämpfer und fähigen Heerführer.” ruft der gleiche unbekannte Mann jetzt mit einer sehr lauten Stimme, die vermutlich von Gissor mit einer Beschwörung verstärkt wurde.

„Rule Scharfschwert erhebt den Anspruch auf den Thron der sieben Ebenen und die neuen Vertreter der Ebenen haben über seinen Anspruch beraten und haben diesem Anspruch einstimmig zugestimmt. Das alles wisst ihr vermutlich bereits, denn es ist ja unmöglich, so eine Nachricht vor euch zu verbergen.”

Der Mann macht eine kurze Pause, um den vielen Zuhörern und den eher wenigen Zuhörerinnen, die Möglichkeit für ein eher höfliches Lächeln zu geben.

„Wir haben uns heute hier versammelt, um Rule feierlich als Rule, Fürst von Ringstadt und den sieben Ebenen zu bestätigen und uns seiner Herrschaft - möge sie lange und erfolgreich sein - zu unterwerfen.”

Wieder macht der eine Pause und jetzt schweigen die Menschen auf dem Platz. Wenn jetzt jemand weiter hinten in der letzten Reihe furzen würde, könnte man das vermutlich bei ihnen hier hören. Dann brüllt eine Stimme laut „Lang lebe Fürst Rule! Lang lebe Fürst Rule!” und allmählich fallen auch andere Stimmen ein. Auch auf dem Podest wird der sich ständig wiederholende Ruf aufgenommen, bis dann der Mann, der bereits zuvor sprach, die Arme hebt und wieder um Ruhe bittet.

„Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, dass unser neuer Fürst auch eine Ansprache halten möchte.” ruft der Mann, dreht sich dann in Rules Richtung um, verbeugt sich und ruft „Bitte sehr, mein Fürst.”

Kora kann erkennen, wie sich Rule streckt und dann in Gissors Richtung nickt. Dann streift sein Blick über sie und sie kann eine erstaunte Veränderung in dem seinem Gesicht sehen, bevor der einen Schritt an den Rand des Podestes geht.

„Männer und Frauen der sieben Ebenen, Mitstreiter zahlreicher Kämpfe und Schlachten. Wer sich heute, oder in den letzten Tagen, in Ringstadt und den Ebenen ringsum ein Bild über die Zustände machen konnte, der weiß, dass ich ein schweres Erbe antrete. Es waren zum Teil Ledolces und Nistars Versäumnisse, die uns in diese Lage brachten…” aus den Reihen der Zuschauer erschallen zahlreiche Schmährufe gegen die beiden Genannten, deren Namen Kora zwar bereits hörte, im Augenblick aber nicht zuordnen kann. Dafür erkennt sie zwei derjenigen, die für die Schmährufe verantwortlich sind. Das sind Leute aus dem direkten Umfeld von Rule und sie versteht, dass der offenbar nichts dem Zufall überlassen will. Die stehen mit Absicht in der Menge, um die in seinem Sinn zu beeinflussen.

„… aber die waren das freilich nicht alleine. Wir alle können uns noch gut an diesen Dummkopf Lorente Federkiel erinnern, der gemeinsam mit diesem Verräter Keltor Harnisch, dem Mörder unseres geschätzten Heerführers Cornel Weißschild, die Macht an sich reißen wollte und dieses Chaos letztlich erst entstehen ließ. Mit großem Mut und persönlichem Einsatz hat der junge Magus Verlo Orphan jenen Dämon besiegen können, der von Lorente Federkiel beschworen wurde und der sich unserer Stadt bemächtigte. Dabei hatte der natürlich die Unterstützung seines Mentors Magister Gissort Ferall…” Rule macht eine kleine Pause und vereinzelt ist bescheidenes Händeklatschen zu hören. „… des Hauptmanns Warlos Kettenhemd von den schnellen Fußtruppen…” in der folgenden Pause ist lautes Johlen und lautes Klatschen zahlreicher Menschen überall auf dem Platz zu hören und Kora nimmt an, dass es größtenteils die Männer und Frauen der schnellen Fußtruppen sein werden, die hier zu hören sind. „… und der Panzergarde unter dem Befehl von Roger Langaxt, der hier stellvertretend für die Panzergarde steht…” wieder wird laut geklatscht und gejohlt. „… und ich darf eine junge Frau nicht vergessen, die uns bereits mit Verlo Orphans Unterstützung im Kriegslager half und auch nun wieder einen großen Anteil an unserem überragenden Sieg über die Truppen des Dämons hatte.”

Dieses Mal dauert es einen Moment, bis hier und da vereinzeltes Klatschen zu hören ist, das dann ein wenig anschwillt, um dann in vereinzelte Rufe überzugehen, die Kora auffordern, nach vorne zu treten. Es sind wieder Rules Leute. Das kann sie deutlich erkennen und bevor sie sich einen Reim darauf machen kann, klatscht Rule laut in die Hände und fordert Ruhe. Der wartet dann, bis tatsächlich ein wenig Ruhe eingekehrt ist und sagt dann „Es wird in den nächsten Tagen und Umdrehungen etliche Veränderungen geben, die manch einem von euch nicht gefallen. Wir werden es nicht dulden, wenn geplündert und gemordet wird. Wir werden dafür sorgen, dass auf den großen Gütern wieder angebaut, gesät und geerntet wird und wir werden uns persönlich darum kümmern, dass die sieben Ebenen wieder das sicherste Reich auf Agri sind. Aus diesem Grund ist es für mich als der neue Fürst der sieben Ebenen wichtig, eine Familie zu gründen und sich um den Fortbestand einer klugen und starken Herrscherfamilie zu kümmern. Wer käme da besser in Frage, als eine kluge und mutige Frau wie Kora?”

Dieses Mal ist der Lärm deutlich größer. Aber das nimmt Kora nicht wahr. Ihre Gedanken hängen nach wie vor an den Worten Familie, Fortbestand und Kora. Was soll das jetzt? Hat der zulange in der Sonne gesessen? Sie blickt sich entsetzt nach Gissor und Verlo um, denen es im Gesicht anzusehen ist, dass sie ähnlich überrascht sind. Aber Rule ist mit seiner Rede noch nicht fertig und das verkündet der auch laut „Kann ich noch einmal eure Aufmerksamkeit haben!” fordert der und sagt dann, noch immer von Gissors Beschwörung in der Lautstärke unterstützt „Wir alle haben in den letzten Tagen erleben müssen, wie gefährlich es ist, wenn Dämonen beschwört werden. Jeder von uns hat geliebte Menschen verloren, weil sich ein machtgieriger Mann überschätzte und keine Rücksicht auf seine Mitmenschen nahm. Unser Ziel ist es, jeden einzelnen Magus und Beschwörer auf Agri zu finden und ein für alle Mal unschädlich zu machen.”

Während Rule seine Kampfansage gegen die Magusse verkündet, poltert es schräg hinter Kora und dann wird Rules Stimme deutlich leiser. Kora dreht sich um und kann sehen, wie Verlo und Gissor zusammenbrechen und auf die grob gesägten Dielen stürzen. Sofort eilen Wächter herbei, die den beiden Magussen Tücher vor deren Münder binden und dann grob und brutal die Arme und Beine mit Stricken fesseln.

„Und ihr seht, dass ich dabei keine Ausnahmen mache. Denn jeder kleine Fehler bei einer Beschwörung, würde uns wieder in eine Situation bringen, wie wir die eben gerade überstanden haben.”

Eine Weile ist es jetzt auf dem Platz wieder so still, dass nur das Flattern der bunten Tücher an den hohen Stangen zu hören ist. Dann ist aus den Reihen vor dem Podest die Stimme eines Mannes zu hören, die Kora sofort bekannt vorkommt. Es ist Melino, der laut ruft „Und jeder von uns kann sich an die Schlacht auf dem Kartoffelacker erinnern, wo es nicht die Kampfstärke von Kriegern war, die ganze Kompanien guter Männer auf beiden Seiten in der Aufstellung rücksichtslos vernichtete. Es war ein einzelner Magus.”

Rule hebt seine Arme und das einsetzende Gemurmel auf dem Platz verstummt. „Richtig, mein Freund von den Panzergarden.” ruft der, oder er brüllt es vielmehr. „Das ist ein weiterer wichtiger Punkt, warum wir jeden einzelnen Magus auf Agri finden müssen. Nicht ein einziger darf entkommen.”

Irgendjemand aus der Menge ruft dann „Rule! Rule! Rule!” und alle anderen fallen in den Ruf ein, der dann von den Gebäuden ringsum reflektiert wird und als mehrfaches Echo über den Platz hallt. Dann dreht sich Rule zu ihr um und winkt sie zu sich. Weil sie sich nicht sofort in Bewegung setzt, wird sie dann von zwei kräftigen Männern in die Richtung von Rule geführt. Der große Mann legt dann seinen linken Arm um ihre Schulter und drückt sie fest an sich. Ihr Kopf wird an dessen Brustpanzer gedrückt und ihr rechtes Ohr dabei umgedrückt. In der Menge vor dem Podest kann sie die Gesichter von Melino, Tonio und von ein paar der roten Panzergardisten ausmachen und vor allem hat sie den Eindruck, Tonio würde zufrieden aussehen. Ohne sich dagegen wehren zu können, wird sie von dem großen, aber nun nicht mehr ganz so großartigen, Rule Scharfschwert in einem Schwung herumgedreht und geht, nach wie vor fest an den gedrückt, mit dem zum hinteren Rand des Podests. Hier stehen weitere Panzergardisten in ihren kompletten Rüstungen.

„Bringt sie in den Palast und sorgt dafür, dass sie gewaschen wird und ein paar vernünftige Kleider trägt.”

Ohne sich auch nur ansatzweise wehren zu können, wird sie von kräftigen Armen gepackt vom Podest gehoben.

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Nackt in einem großen Bottich aus Stein sitzend, lässt sie es über sich ergehen, von einer alten Frau mit einer Bürste geschrubbt zu werden. Die linke der beiden Panzergardistinnen an der Tür, würde es nicht zulassen, wenn sie sich jetzt gegen die Alte zur Wehr setzten würde. Das hatte die bereits deutlich gemacht. „Wir haben unsere Anweisungen, Kora. Du weißt, dass wir unsere Anweisungen immer gewissenhaft befolgen.” hatte Sliva emotionslos gesagt. Evila, die an der rechten Seite der Tür steht, ist es manchmal anzusehen, dass es der nicht gefällt, was hier gerade passiert. Die und Sliva hatten sie von dem Podest zum Palast gebracht und die hatte ihr auf dem Weg zum Palast zugeflüstert „Es tut mir wirklich leid. Das ist nicht das, was ich mir für dich vorstellte.”

Das hilft ihr in ihrer Lage kaum weiter. Rule wird sie heute Nacht zu seiner Frau machen. Ob sie das überhaupt möchte, stand zu keiner Zeit zur Diskussion und auch wenn es zur Diskussion gestanden hätte, würde sich am Ergebnis nichts geändert haben. Morgen soll es dann eine offizielle Feier geben, bei der auch Rule offiziell von den Göttern als Fürst der sieben Ebenen bestätigt werde wird. Das sei eine neue Zeremonie, denn in der Vergangenheit war der Magister Magus dafür zuständig. Nun wird das ein kleiner Mann durchführen, der vorhin bereits kurz in den Baderaum kam, sie stumm musterte und dann kommentarlos wieder verschwand.

„Meinst du nicht, dass es jetzt langsam gut ist? Du reibst mir mit deiner verdammten Bürste meine ganze Haut wund. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Rule gefallen wird, wenn ich nachher überall blutig wund bin.” sagt Kora, der diese Bürsterei jetzt wirklich genug ist.

„Sie hat recht, Ottilia.” stimmt ihr Sliva zu ihrer Überraschung zu „Reibe sie jetzt noch ein wenig mit dem Duftöl ein und dann sollten wir uns allmählich beeilen. Wenn Aqui über dem Rapsöltor aufgeht, dann will sie unser Fürst in seinem Gemach haben.”

Sie wird abgetrocknet und dann mit jenem Zeug eingerieben, das Sliva zuvor vermutlich meinte, als die von Duftöl sprach. Als dieses Zeug dann auf ihrer Haut wie heiße Flammen zu brennen beginnt, schlägt sie der alten Frau das kleine Fläschchen aus der Hand und flucht laut „Scheiße! Was habt ihr denn mit mir vor? Zuerst wird mir die Haut wund geschrubbt und dann reibst du mich mit flüssigem Feuer ein. Ist das eine weitere Belohnung von Rule, die der sich dafür einfallen ließ, dass wir für den die Arbeit machten und der sich nun als Fürst feiern lassen kann?”

Ihre beiden Wächterinnen kommen laut scheppernd zu ihr gelaufen und Kora kann es an Slivas erhobenem Arm sehen, dass die ihr jetzt am liebsten einen Schlag verpassen möchte.

„Na los! Schlag zu! Am besten ins Gesicht. Na los.”

Sliva senkt ihren Arm ein wenig und blickt sie verärgert an. „Ich hätte fast vergessen, wie schnell du lernst.” sagt die und setzt dann nach „Aber du solltest es nicht überziehen. Spätestens, wenn Rule deiner überdrüssig wird, sprechen wir uns wieder.”

„Warte mal Sliva!” Evila deutet auf ihre Brüste, ihren Bauch und ihre Hüften, also dorthin, wo dieses Öl wie Feuer auf ihrer Haut brennt „Sieh dir das mal an.” und dann gibt die ihr einem Block Seife und sagt „Setz dich noch mal ins Wasser und wasch dir das Zeug ab.”

„Warum?” fragt Kora nach und nun Evila antwortet „Tu es einfach und hinterfrag nicht immer gleich jede Anweisung. Sliva und Melino haben völlig recht. Du wärst niemals eine von uns geworden.”

Evila drückt sie mit brutaler Kraft ins abgekühlte Wasser und sagt dann leise in ihr rechtes Ohr „Ich glaube, man wird deinen jungen Freund und den alten Gissor morgen ebenfalls mit Öl einschmieren. Aber es wird kein Duftöl sein. Und die Beiden werden morgen ebenfalls den Eindruck haben, zu brennen. Aber bei denen werden es richtige Flammen sein.”

Während sich Kora mit der Seife einseift, um das Brennen auf der Haut zu lindern, denkt sie über Evilas Worte nach. Es ist nicht nur die Nachricht, dass man morgen Verlo und Gissor verbrennen wird. Es ist auch der Umstand, dass Evila gar nicht überrascht zu sein scheint, dass sie das Gefühl hat, als ob ihr Körper jetzt in Flammen steht.

„Was habt ihr beiden da zu flüstern?” fragt Sliva und Evila sagt im gleichen Tonfall „Hier! Sieh dir doch mal diese Scheiße an. Wenn das nicht gleich ordentlich behandelt wird, dann kann Rule die Idee mit der lauschigen Nacht vergessen.”

„Und jetzt?” fragt Sliva und es kommt Kora vor, als ob die plötzlich versteht, dass diese Situation auf die beiden als ihre Wächterinnen zurückfallen kann. Und vermutlich ist es genau das, was Evila beabsichtig hat, wenn die denn wirklich dafür verantwortlich ist.

„Eine Beschwörung.” schlägt Evila vor „Der junge Magus muss das für uns richten, bevor man dem und Gissor nachher die Zungen herausreißt.”

Alleine bei dem Gedanken zuckt Kora erschrocken zusammen. Aber andererseits ist das natürlich nur folgerichtig, oder? So wird es für die beiden Magusse unmöglich, Beschwörungen zu sprechen. Aber andererseits liegt hier ein gewaltiger Denkfehler Rules vor, oder? Hatte der nicht alle Magusse vernichten wollen? Ist sie denn nicht auch bereits eine Art Magus? Mit all dem Wissen von Verlo in ihrem Kopf? Wer weiß davon, dass sie nach wie vor über Verlos Gedächtnis verfügen könnte, wenn sie es noch einmal versuchen würde, tief in sich zu gehen? In den letzten Tagen, als sie sich in der Bibliothek verkroch, um sich neben den von Verlo übersetzten geheimen Schriften des Albert Baldwin Junior, auch mit dem kleinen Handbuch für die Astronomie und schließlich mit den Weltkarten von Benomas dem Jüngeren und ähnlich unglaublichen Werken zu beschäftigen, hatte sie es völlig verdrängt. Das hatte nach der Lektüre und dem kurzen Studium dieser unglaublichen Geschichten, mit einem Mal jede Bedeutung verloren und das war es ja auch, was Gissor mit diesem kurzen Aufschub bezweckte, den sie ihm gewährt hatte. Der listige Alte und sein Beispiel mit dem Regenwurm. Wenn jetzt nicht etwas geschieht, wird der nicht nur seine Zunge und sein Leben, sondern die Welt auch einen klugen Kopf verlieren. Der weiß deutlich mehr, als ein Rule Scharfschwert und seine ganzen Leute zusammengenommen, jemals vergessen können. Wobei der eines ganz offensichtlich nicht bedacht zu haben scheint. Rules hinterlistigen Plan, um sich die beiden Magusse vom Hals zu schaffen. Sie muss noch einmal an die heutige Zeremonie denken und wie Rule die Verdienste von Verlo und Gissor hervorhob. Was für eine niederträchtige Art das doch war, oder?

„Eine Beschwörung? Hast du jetzt den Verstand verloren?” Sliva sagt es laut und fast ängstlich. „Das kommt gar nicht in Frage. Wenn das jemand erfährt, kommen wir nicht so glimpflich davon, wie Jenaro.”

Jenaro? Sie hat jetzt eigentlich ganz andere Sorgen, aber sie mag den Riesen trotz allem, was der vielleicht bei jenem Überfall auf das Hofgut Kornfeld getan haben mag. Deshalb fragt sie „Was ist mit Jenaro passiert? Ich habe den ja heute nicht bei dieser beschissenen Zeremonie gesehen.”

„Der Idiot hat scheinbar was für dich übrig. Der hätte beinahe den schönen Plan unseres neuen Fürsten an dich verraten. Roger hat den gestern Mittag besoffen gemacht und ihn dann in den Kerker werfen lassen. Aber vorher hat der dem die Eier abgeschnitten. Persönlich.” Kora wird aus Sliva einfach nicht schlau. Einerseits kann sie den Hass von der spüren, den sie mindestens diesem Arsch Roger entgegenbringt. Aber andererseits befolgt die offenbar jeden Befehl, den der ihr erteilt.

„Was machen wir nun mit Koras Haut? Sieh sie dir doch mal an!” bringt Evila ihre Gedanken wieder auf das ursprüngliche Problem. Kora hatte das Brennen und Jucken ganz vergessen, aber jetzt setzt das wieder ein.

„Das entscheiden nicht wir.” entscheidet Sliva „Ich werde nach Rule schicken lassen. Das soll der entscheiden. Der ist der Fürst, es sind seine Gefangenen, es ist seine zukünftige Frau. Punkt!”

„Also gut. Dann soll Rule entscheiden.” Sagt Evila und Kora hat für einen Moment den Eindruck, die wäre mit dieser Entwicklung ganz und gar zufrieden. Während Sliva dann vor die Tür tritt, sagt Evila leise „Warlos sagt, du weißt, was auch sein Sohn weiß. Kannst du jetzt etwas tun, oder nicht? Also ich meine, ob dir jetzt eine Beschwörung einfällt, die uns weiterhilft. Das ist jetzt die letzte Gelegenheit.”

Kora verzichtet jetzt darauf, Evila zu fragen, ob sie hinter all dem mit dem brennenden Öl steckt. Es ist ja offensichtlich. Wegen der Frage zuckt sie mit den Schultern und versucht sich zu konzentrieren. Aber das ist gar nicht so einfach. Vor allem, wie soll man etwas finden, von dem man gar nicht weiß, wie das aussieht und wo man suchen soll? Schließlich schüttelt sie mit dem Kopf. So wird das nichts. „Ich kann das nicht, Evila.” sagt sie verärgert und enttäuscht. Aber Evila zuckt nur mit den Schultern „Wir können ja noch immer hoffen, dass Rule die Idee mit deinem Freund Verlo aufgreift.”

© Hartmut Emrich