Hartmut Emrich

Autor und Herausgeber

Buch der Woche KW 15-16/2021

Auf dieser Seite stelle ich gelegentlich Auszüge aus einem meiner Bücher als kleine Leseprobe ein. 

Aus: 1+2=12  alle Wege führen nach ... Trier

Kapitel 0+1=01 Die Offenbarung

London calling … To the far away towns


‘London calling to the far away towns - now war is declared and battle come down - London calling…‘

Joe Strummer, der Gitarrist und Sänger der britischen Punkband ‚The Clash‘, der vor zwölf Jahren mit ziemlich genau 50 Jahren plötzlich an einem angeborenen Herzfehler starb, dröhnt aus den Kopfhörern von Johannes und er singt den Refrain laut mit „London calling to the far away towns - now war is declared and battle come down.“

London calling… Soll er tatsächlich in die Offensive gehen und diesem Unternehmen von diesem Denis M. Weest einen Besuch abstatten? Soll er diesem offenbar mächtigen Kerl, von dem er lediglich den Namen kennt und der sich von Directors und einer Reihe von Managern vertreten lässt und der ihn vermutlich noch nicht mal kennt, erklären, dass es ihm leidtut, was er mit dem BMW angestellt hat? Nein, eigentlich nicht. Es hatte ihm nur wegen des Autos an sich sehr leidgetan. Aber nicht, weil er es getan hatte. Aber diese Situation muss bereinigt werden, denn irgendwie stört es ihn gewaltig, Opfer dieses Netzwerkes geworden zu sein…. Opfer eines Netzwerkes! Das ist es! So wie dieses gewaltige Netzwerk, das die Familie Volerus bedroht und vielleicht sogar endgültig ausgelöscht hat. Johannes hatte bisher nur oberflächlich im Internet nach Drusilia Voleria und ihrer Familie gestöbert. Recherchiert kann man ja dazu nicht sagen. Aber es ist zumindest auffällig, dass über diese Person der Drusilia, die angeblich im dritten nachchristlichen Jahrhundert vieles beeinflusst und bewegt haben soll, keinerlei Informationen vorhanden sind. Oder Marcus Volerus Gallius. Zumindest der Hinweis als Senator oder Legat mit besonderem Status oder als der Mann, der Pescennius Niger getötet hat, sollte doch irgendwo etwas festgehalten sein, wenn sonst jeder Kleinkram irgendwo ungefragt zu lesen ist. Aber über den und seine Familie? Nichts. Absolut nichts! Heute ist der dritte Juni und Johannes muss nur noch die Sachen, die er in den letzten Wochen hier in Herschwiesen im Gebrauch hatte, in seinen Mercedes räumen. Eine Hand legt sich auf seine Schulter und die Stimme einer Frau plärrt laut „Was hast du jetzt vor?“

Johannes fährt zusammen und lässt die leere Flasche Jameson fallen, die er eben in den Karton für das Altglas stecken wollte. Die grüne Flasche zerbirst auf den hellen altmodischen Fliesen in viele kleine grüne Glasscherben.

„Verdammt Nora! Musst du mich so erschrecken!“

„Ich denke mal, das kommt davon, dass du ständig diese scheiß Kopfhörer trägst. Du hättest sicherlich auch eine Autohupe überhört! Bleib da stehen und beweg dich nicht. Ich hole einen Besen, damit wir die Scherben zusammenfegen können.“

Johannes legt sich den Kopfhörer um den Hals und verzichtet auf den Einwand, dass es eher unwahrscheinlich ist, in dem Zimmer von einem Auto angehupt zu werden. Aus den kleinen Lautsprechern hört er jetzt Leigh Stephen Kenny, die ersten Sätze des Faithless Songs ‚In the End‘ sprechen. ‚My baby was born in a bed - with white sheets, machines and heat…’ Der Song, der die ungleichen Chancen beschreiben soll, die sich Kindern aus unterschiedlichen sozialen Schichten bereits bei der Geburt bieten. Irgendwie ist es verdammt schwer, seinem Schicksal zu entkommen. Er muss dafür noch nicht einmal besonders Klug sein, um in seinem eigenen Lebenslauf zu erkennen, dass seine eigenen Bemühungen wie der Sinusverlauf einer Wechselspannungskurve aussehen müssen. Sein Vater Friedrich war ebenso ein hervorragendes Beispiel für die ausgeprägten Höhen und Tiefen im Leben. Seine Familie hatte vor dem Krieg durch eine Betrügerei kaum etwas besessen und man kann behaupten, die Familie Dillemut aus Dietrichshain war eine arme Vogelsberger Bauernfamilie. Johannes weiß nur das Wenige, was ihm seine Mutter und seine Großmutter erzählten, denn sein Vater sprach kaum über die Vergangenheit. Friedrich ‚Fritz‘ Dillemut war es durch Fleiß und Mut gelungen, sich durch Akkordarbeit auf Baustellen im Ausland und später als Bauleiter im Inland einen bescheidenen Wohlstand anzusparen. Aber dafür musste er täglich dreizehn und mehr Stunden als Maurer körperlich schwer schuften. Ihm war nichts geschenkt und bei diesem Unfall im Frühjahr 1986 alles genommen worden. Dabei ist seine Familie uralt, wenn man die Geschichten glauben darf, die ihm seine Mutter erzählte, als er noch klein war. Aber davon kann er sich auch nichts kaufen. Was nützt ihm das grobe Wissen um die französische Herkunft seiner Familie? Seine Schwester Anna hatte sich schon immer mehr dafür interessiert, als er es getan hatte. Annas romantisch verklärte Vorstellungen, die damit zu tun hatten, seine Familie würde von französischem Adel abstammen! Er kann sich undeutlich an die Erzählungen seiner Großmutter erinnern, die davon sprach, es hätte zwei Linien der Dillemuts gegeben, die in seiner Familie wieder vereint worden wären und all dieses wirre Zeug um seine direkten Vorfahren, die sich noch vor dem 30 jährigen Krieg als hugenottische Familie De la Motte in Hanau angesiedelt hätten und die es dann durch die Wirren des 30-jährigen Krieges in die Wetterau verschlagen haben würde. Es mag vielleicht an seinem Großonkel liegen, was ihm das Interesse an der Familiengeschichte verleitete. Sein furchtbar entstellter Großonkel Wilhelm Dillemut, den er alleine bereits wegen dessen Zugehörigkeit zur Waffen-SS verabscheute, hatte sich vor dem Krieg mit Ahnenforschung beschäftigen müssen. Johannes war diesem schrecklichen Mann als kleines Kind zum Glück nur zweimal begegnet. Offenbar hatte für diesen gehässigen und garstigen alten Mann der Krieg nie aufgehört und der war nach wie vor überzeugter Nazi. Und der war stolz auf seine arische Abstammung, die der wegen der Waffen-SS hatte nachweisen müssen. Nach dessen Tod waren die Unterlagen von Wilhelm Dillemut seinem Vater zugeschickt worden und dabei befand sich auch jener Stammbaum, der zwar mit dem Namen Wilhelm Dillemut endete, aber im Ergebnis sind die Daten natürlich auch für Johannes Familie gültig. Vor allem, weil sein Großonkel Wilhelm die Familienwurzeln der De la Mottes bis in die Zeit der ersten Jahrtausendwende zurückverfolgen konnte. Ein gewisser Etienne Penicillus de la Motte wurde als Mönch und Sohn eines nicht namentlich erwähnten armen Landadligen aus der Gegend um Villeneuve-Saint-Georges in der Abtei Saint-Germain-des-Prés erwähnt. Besagter Mönch wurde um 970 aus dem Orden ausgeschlossen und hatte eine Familie gegründet. In dem kleinen Dorf Dietrichshain im südlichen Vogelsberg, in dem Johannes seine Kindheit verbracht hatte, hänselten ihn die gleichaltrigen Kinder wegen des Großonkels, der vor dem Krieg und während des Krieges überall damit geprahlt hätte, von französischen Adligen abzustammen oder fränkischen Edelleuten, wie der sich ausdrückte. Johannes kannte die beiden Fotografien, auf denen jener Wilhelm Dillemut, der Bruder seines Großvaters zu sehen ist. Beides waren kleine Schwarzweißaufnahmen. Einmal für einen Personalausweis und einmal ein Mitgliedsausweis in einem Veteranenverein. Wer dann den Mut hatte, sich die Bilder näher zu betrachten, konnte sich nicht vorstellen, dass es sich bei jenem Mann mit der abgeschnittenen Nase, seines fehlenden linken Ohres und der anderen Narben im Gesicht um einen Spross eines uralten fränkischen Adelsgeschlechts handeln könnte. Das Einzige was von den Nachforschungen als roter Faden blieb, ist der Eindruck, dass es der Familie Dillemut oder De la Motte in den vergangenen mehr als tausend Jahren nie so wirklich richtig gut ergangen war.

„Bitte sehr!“

Johannes zuckt erschrocken zusammen, weil er Eleonora wieder nicht kommen hörte. Zu sehr war er in Gedanken versunken und blickt jetzt auf die kleine Frau, die mit einem Eimer, einem Besen und einer Kehrschaufel bewaffnet vor ihm steht. Johannes nimmt den Besen, den sie ihm beinahe vor die Nase hält. Fegen hat etwas Meditatives, hat Johannes einmal gelesen und so schildert er Eleonora seine Gedanken über sich und seine Familie, während er die Scherben zusammenfegt, die auf dem ganzen Fußboden verstreut liegen. Er kippt die letzten Glasscherben in den Eimer, als er seine Ausführungen zu Ende bringt: „… deshalb habe ich schon manchmal den Eindruck, dass es beinahe so aussieht, als ob es jemand gäbe, der dafür sorgt, dass wir irgendwie nie so richtig hochkommen. Selbst in meinem eigenen Lebenslauf ist das so. Die letzten 35 Jahre fahre ich auf einer Achterbahn und je höher ich auf der einen Seite steige, desto steiler und rasanter ist der Fall.“

„Du willst mir jetzt doch nicht sagen, dass du an eine Verschwörung gegen deine Familie glaubst, oder?“

„Nein! Natürlich nicht. Das wäre ja Blödsinn, denn so wichtig sind wir ja schließlich nicht. Aber auf der anderen Seite gibt es da schon ein paar Ungereimtheiten. Vor allem habe ich bis heute keine Ahnung, warum mich dieser Mistkerl Denis Weest feuerte. Damit begann ja die Misere, in der ich nun stecke und die ihren absoluten Tiefpunkt fand, als ich feststellen musste, dass mich Monika total ausnahm.“

„Hast du diesen Weest denn einmal gefragt, warum er dich entlassen hat? Ich meine, das wäre so die erste Frage, die mir einfallen würde.“

„Hast du deinen Mann gefragt, warum er dich abserviert hat?“

„Das ist doch was völlig anderes! Da brauche ich doch gar nicht zu fragen! Die Neue sieht aus, wie von der Playboy Titelseite und hat einen Notenschnitt von knapp 5,5 und einen IQ, der ungefähr deren Lebensalter in Jahren entspricht. Was will ‚Mann‘ mehr! Dumm fickt eben gut!“

„Also hast du auch nicht gefragt und setzt einfach voraus, dass deine Vermutungen zutreffen. Aber zu deiner Frage von vorhin… was ich jetzt vorhabe… nun, ich habe kein wirkliches Konzept und das macht mir Angst. Ich bin offen gestanden überfragt, was ich machen soll und habe ein paarmal überlegt, ob ich nicht nach London gehen und ihn aus dem 29. Stock der Essiggurke werfen soll.“

„Häh? Der bitte was? Von was sprichst du? Was für eine Gurke?“

„Kennst du nicht ’The Gherkin‘? Das Gebäude in St. Mary Axe, das wie ein überdimensionales Fabergé Ei aussieht?“

„Ach so, du meinst den Swiss Re Tower! Sag das doch gleich! Da stand ich vor vier oder fünf Jahren davor und fand es ganz witzig, als ich mir überlegte, dass man daraus und dem Torre Agbar in Barcelona, ein tolles Raumschiff für eine Science-Fiction Geschichte machen könnte. Außerirdische, die dann mit dem Swiss Re in der City und dem Torre Agbar in Barcelona zeitgleich starten, um in ihre Heimat zurückzukehren.“

„Toller Gedanke. Diesen Denis Weest, dessen Texaner und die anderen halbgaren Idioten könnten sie dann gleich mitnehmen!“

Sie lachen beide über diese Vorstellung und aus dem Lachen entsteht eine verlegene Pause.

„Du gehst jetzt einfach, nicht wahr.“

„Nora! Ich habe dir schon neulich gesagt, dass ich selbst nicht weiß, was ich machen werde. Für euch habe ich ja für 20 Euro am Tag bei freier Kost und Logis die spannendste lateinische Lektüre übersetzt, die ich überhaupt kenne und es war für euch doch von vornherein klar, dass ich nur der Übersetzer bin. Ich gebe zu, dass hier etliches angesprochen wurde, was den gängigen Überlieferungen oder Geschichtsbüchern nicht zu entnehmen ist und ich bin neugierig geworden, was aus Drusilia und ihrer Familie geworden sein mag. Aber das ist ja nun eure Baustelle. Ich muss sehen, wie ich mein Leben wieder auf die Reihe bekomme.“

„Vielleicht könnte ich aber deine Hilfe und dein Wissen um Sprachen brauchen, denn ich möchte genau wie du wissen, was mit diesen Menschen nach den Jahren 245 oder 246 passiert ist. Ich habe mal ein paar Namen gegoogelt und was glaubst du, was ich fand?!“

„Weißt du Nora, ich hasse Fragen, die ich unmöglich beantworten kann. Das ist wie bei meinem Prof in technischer Mechanik während des Studiums damals. Der liebte es regelrecht, sich durch solche Fragen aufzuwerten.“

„Na gut, dann stelle ich die Frage eben anders. Was sagen dir die Namen Bat-Zabana, Bat-Zabbei und Zenobia?“

„Bat-Zabana… natürlich, das war die Kleine aus Palmyra mit der üppigen Oberweite, die dann mit Cloes Karawane nach Indien zog und später ein Kind mit Vitus hatte, oder?“

„Das war mir fast klar, dass du dir das mit der Oberweite der Dame gemerkt hast. Aber du hast recht. Und jenes Kind von der und Vitus war ja ein Mädchen, oder? Der Name des Mädchens wird in dem letzten großen Manuskript mit Bat-Zabbei oder Zenobia angegeben. Und diesen Namen habe ich auch gegoogelt. Ich habe das Ergebnis mal als PDF ausgedruckt.“

Nora hält ein Tablet in der Hand und liest vom Display ab:

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie:

Septimia Zenobia (palmyrenisch spṭymy’ btzby,griechisch Σεπτιμία Ζηνοβία;* um 240 in Palmyra; † 272/73 oder nach 274 in Rom) war von 267/68 bis 272 n. Chr. die Herrscherin Palmyras und des römischen Orients. Sie war die zweite Gemahlin des Exarchen der Oasenstadt Palmyra, Septimius Odaenathus. Ihr aramäischer Name lautete Bat-Zabbai (al-Zabba' bint Amr ibn Tharab ibn Hasan ibn 'Adhina ibn al-Samida’ oder الزباء بنت عمرو بن الظرب بن حسان ابن أذینة بن السمیدع Nach Odaenathus’ Ermordung (267) dehnte Zenobia das palmyrenische Reich durch Eroberungen weiterer unter römischer Herrschaft stehender Länder, so Arabien und Ägypten, noch mehr aus. Dies führte zum Konflikt mit Kaiser Aurelian, der sie in einem Feldzug 272 n. Chr. besiegte. Aufgrund widersprüchlicher Quellenangaben ist unklar, ob sie auf dem Transport nach Rom starb oder die Reise dorthin überstand und in Italien weiterlebte. Dass es eine Frau war, die Palmyra zu einer Rom herausfordernden Machtentfaltung führte, machte Zenobia zu einer der bekanntesten antiken Frauengestalten…

„Zeig mal her….!“ Obwohl es nicht kalt ist, fröstelt es Johannes auf einmal.

„Kannst du dich an die Stelle erinnern, an der Bat-Zanaba jener Cloe, also der Tochter von Drusilia, ihre Vision beschreibt?“

„Was meinst du? Ich bin mir nicht sicher.“

„Sie erzählt, dass sie mit anderen Menschen hinter einem Wagen angebunden durch die Straßen einer großen Stadt gezogen wurde und zum Schluss in einer Arena Löwen und Tigern gegenüberstand.“

„Aber Bat-Zabana war doch die Mutter von Zenobia. Außerdem ist das mit diesen Visionen doch ziemlich strange, meinst du nicht auch?“

„Also ich weiß es nicht, was ich davon halten soll. Zum einen kann es natürlich ein Stilmittel sein, um unlogischen Handlungen wieder einen Sinn zu geben, aber andererseits haben es die Geschichten an sich ja überhaupt nicht nötig, mit so etwas zu arbeiten. Genauso, wie das mit diesen Pfeilen der drei Brüder im Chattengebirge, welches ja mein Vogelsberg zu sein scheint. Auch die Erscheinung von dieser Cai Jing auf dem Berg, den wir für den Tejde auf Teneriffa halten, ist so eine Sache. Also wenn etwas strange ist, dann auf jeden Fall diese Geschichten! Wegen der Geschichten mit den Visionen… also ich habe mich bereits beim Lesen dafür entschieden, dem Ganzen einen gewissen Vertrauensvorschuss zu geben. Und wenn ich das zu akzeptieren bereit bin, dann darf ich vermuten, dass Bat-Zabana den Tod ihrer Tochter Zenobia in ihrer Vision erlebt hat. Wieder und wieder…!“

Johannes und Eleonora stehen sich eine Weile gegenüber. Sie hat den Eimer mit den Glasscherben in der Hand und er hält sich an dem Besen und der Kehrschaufel fest.

„Ich habe eine wichtige Frage an dich, Johannes Dillemut. Würdest du mir helfen, herauszufinden, was es mit all dem auf sich hat und was aus diesen Menschen geworden ist? Irgendwo muss es doch Aufzeichnungen geben, doch ich fürchte, dass ich dann jemand brauchen werde, der in der Lage ist, mit diesen Informationen auch entsprechend zu verfahren.“

„Wie würdest du denn überhaupt vorgehen wollen?“„Wie würdest du denn überhaupt vorgehen wollen?“ 

 

© Hartmut Emrich