Hartmut Emrich

Autor und Herausgeber

Buch der Woche KW 29-30/2021

Auf dieser Seite stelle ich gelegentlich Auszüge aus einem meiner Bücher als kleine Leseprobe ein. 

Aus: 1+2=12  alle Wege führen nach ... Trier

Kapitel 0+6=06  Das Rattennest

Yes, I understand that every life must end


‘Yes, I understand that every life must end, aw huh, as we sit alone, I know someday we must go, aw huh, yeah, I'm a lucky man to count on both hands, the ones I love some folks they have one yeah. Others they got none, aw huh Stay with me … Let's just be’

Die Stimme von Eddie Vedder, dem Frontmann der Grunge Band ’Pearl Jam‘ kommt blechern aus dem einfachen Lautsprecher, den Marc benutzt, um den Geländewagen mit Musik zu beschallen. Und der Text wirkt beinahe wie Hohn. Die beiden UAZ Geländewagen, die gut versteckt unter einer der beiden Nissenhütten gestanden hatten, ziehen eine lange Staubfahne in der Steppe hinter ihnen her. Marc schaltet das Radio aus und klärt Johannes mit lauter Stimme, während der holprigen Fahrt durch die Steppe an der Grenze zur Mongolei, über den Zweck dieser Fahrt auf, denn während des Fluges mit dem MIL MI-8 Hubschrauber war ein Gespräch nicht möglich gewesen. Wobei es auch ohne die Musik bei den lauten Innengeräuschen in dem UAZ auch nicht viel leiser ist.

„… und sie hat schon lange, schon wirklich sehr lange, die Vermutung, dass sich der Ursprung aller Völker, die man heute als Indoeuropäisch bezeichnet, hier in dieser Ecke unseres Planeten befindet. Mutter war damals, bevor sie zu einer der 144 Würfler wurde, ja einige Male im Osten gewesen, aber eben nie so weit nördlich. Ich war damals einige Male dabei, als sie noch mit Cai Jing und Cao Jing über die unterschiedlichen Steppenvölker spekulierte. … Achtung! Haltet euch fest!“

Ohne das Gas wegzunehmen, rasen sie durch einen kleinen Graben, den das schräg links vor ihnen fahrende Fahrzeug nicht hatte passieren müssen und beinahe hebt es Johannes aus dem Sitz. Ein lautes Poltern zeigt, dass etwas umgefallen ist.

„Fahr weiter Marc. Ich mach das schon!“

Auf der Rückbank sitzt Fridericus, der sich jetzt umdreht, um das wieder aufzurichten, was hinten im Kofferraum des UAZ Patriot Geländewagens aus dem Bestand der ehemaligen Sowjetstreitkräfte umgekippt ist.

„Wie lange sucht sie hier draußen bereits nach diesen Spuren, Marc? 1750 Jahre sind ja schließlich eine lange Zeit, um etwas zu finden.“

„Du vergisst, dass sich das Rattennest noch nicht lange in der Nähe von Astana befindet!“

„Das Rattennest?“

„Ach ja, das kannst du ja nicht wissen… Die einzelnen zwölf Gruppen sind nach den zwölf chinesischen Jahreszeichen benannt. Mutters Gruppe ist die elfte Gruppe, also die Gruppe ‚zǐ‘ was im Jahreslauf dem Wintermonat shǔ, also der Ratte entspricht. Weil sich die ganzen Anlagen bisher immer gut versteckt unter der Erde befanden, fand Mutter den Namen Rattennest angemessen.“

„Du sprichst von mehreren Anlagen, Marc. Also sind die schon mal umgezogen, oder wie darf ich das verstehen? Und diese Anlagen… wer baut die? Das sieht alles so … wie soll ich es sagen…?“

„… altmodisch? Konservativ? Traditionell ägyptisch? Sind das die Wörter, die du suchst?“

„Ja genau. Jetzt wo du das sagst… Das erinnert mich tatsächlich an die Grabkammern im Tal der Könige, die ich vor Jahren einmal während eines Aufenthaltes in Ägypten besuchte.“

„Nun, das liegt daran, dass die 144 wohl ursprünglich vorägyptischen Ursprungs waren. Später orientierten sich die Ägypter an diesem Baustil oder besser gesagt, die Würfler nahmen Einfluss auf die ägyptische Kultur. Früher gab es recht viele Ägypter bei den 144 Würflern und Nefertiti ist von denen eine der ältesten. Aber du hast ja auch die anderen gesehen, die es in Mutters Gruppe gibt. Angeblich gehören die zu den Ältesten überhaupt, was damit natürlich den Rückschluss zulässt, dass diese Einrichtungen bereits seit gut und gerne 6000 oder 7000 Jahren existieren.“

„Marc, tu mir bitte zwei Gefallen. Fahr ein bisschen vorsichtiger und wirf nicht mit solchen Zahlen in der Gegend herum.“

„Das mit den Zahlen kann ich lassen, aber das Tempo gibt wie immer Mutter vor und wenn wir hinter ihren Wagen kommen, fressen wir den Staub von denen. Glaub mir, das willst du erst recht nicht.“

Johannes hält sich an dem Haltebügel über der Tür fest, als sie durch eine weitere Querrinne im Gelände fahren und der UAZ bockt beinahe wie eine der Bullriding-Maschinen auf Jahrmärkten. Einen Augenblick lang ist keine Unterhaltung möglich und daher hat Johannes Zeit, sich die folgende Frage zu überlegen und in Gedanken zu formulieren.

„Wie hat das eigentlich alles begonnen, Marc? Ich meine bei euch. Wie hat sich das bemerkbar gemacht, dass deine Mutter unsterblich ist und wie kam es, dass sie zu den 144 kam. Das muss ja bereits vor dem Zeitpunkt gewesen sein, als du und Cloe ebenfalls zu Unsterblichen wurdet.“

„Du bist verdammt neugierig, mein Freund! Aber es gibt Gründe, die dafür sprechen, dass du es erfahren solltest. Früher oder später wirst du feststellen, dass du, wenn du dich beim Rasieren genau betrachtest, kaum noch Veränderungen an dir bemerken wirst. Du fühlst dich… Achtung Festhalten! … du fühlst dich plötzlich sogar irgendwann besser als in den letzten Jahren zuvor und irgendwann stellst du fest, dass die Leute um dich herum älter und älter werden, du dich aber nicht veränderst. Nach dem Tod von Vitus und nach unserer Rückkehr, dauerte es eine Weile, bis ich mich wieder erholte. Cloe hatte inzwischen ihren Palast fertig, aber ihr fehlte damals genauso das Meer wie Mutter. Ich war zwar Senator, wurde aber als Legat bald nach meiner Rückkehr abgelöst. Lucas Villa in Halicarnassus, in der wir alle, neben der Villa Volerus in Smyrna, den schönsten Teil unseres Lebens verbracht hatten, stand nach Lucas Tod leer und Mutter beschloss, ihre letzten verbleibenden Tage dort zu verbringen, wenn sie nicht mit der Salamander unterwegs wäre. Also begleiteten wir sie mit einer symbolischen Urne, die Vitus Überreste darstellen sollten, nach Hierapolis zu der Nekropole, die du ja gesehen hast. … Achtung!“ Marc reißt den Lenker nach rechts, um einem Stein von der Größe eines Medizinballes auszuweichen.

„Es waren alle da. Alle Volerier waren zusammengekommen um dann noch anschließend mit uns nach Halicarnassus zu reisen. Vara, Roxani … Achtung! … ´Tschuldigung.“

Der Kühlergrill des UAZ planiert einen kleinen Erdhügel und eine Wolke aus Erdbrocken und kleinen Steinen prallt auf die Windschutzscheibe.

„Es waren jedenfalls alle da und mit Sephone war auch dieser Gallier gekommen. Dieser Corduvirix og Avaricum. Der hatte, so erfuhren wir später, bereits seit über 40 Jahren Kontakt zu den Würflern. Er war später für eine kurze Zeit auch in der Gruppe Niú deren Bote und wir sind uns gelegentlich begegnet. Ich kann allerdings nicht sagen, dass ich ihn mochte, aber irgendwann verlor das an Bedeutung. Jedenfalls wusste der, dass Mutter bald Besuch bekommen würde. Er riet Mutter zu einer längeren Reise und tatsächlich begab sie sich mit ihren Frauen und mit der Besatzung der ’Salamander‘ auf eine besondere Reise. … Achtung ich … Sorry!“ Wieder prallen Steine und Erde auf die Windschutzscheibe und Marc weicht einem weiteren kleinen Erdhaufen aus, der wie ein recht großer Ameisenhaufen aussieht.

„... nun, Mutter fuhr von den Inseln, die du als die Kanaren kennst, weiter nach Westen… Lange vor Leif und vor Cristoforo Colombo kam sie dann in jener Gegend des nördlichen Südamerikas an, die man heute als Venezuela, Guyana oder Surinam bezeichnet. Sie kehrte erst viele Jahre später entmutigt, schlecht gelaunt und fast depressiv und mit weiteren Narben zurück. Die stumme Irónata und Tilrun, die Zwillingsschwester von Sigrun, waren die ersten gewesen, die auf dieser Fahrt ums Leben kamen und einige Männer der Besatzung ebenfalls. Später starben auch noch Sigrun und Andreas, der Gubernator. Über elf Jahre waren sie weggewesen und Mutter hatte es satt, davonzulaufen. Sie sah bei ihrer Rückkehr keinen Tag älter als bei der Abreise aus, aber wegen der vielen Narben ist das ihren Begleitern vielleicht gar nicht so aufgefallen. Sie verbrachte noch zwei Jahre im heutigen Tunesien, denn Riba hatte dort vor seiner Ermordung noch ein richtiges Unternehmen aufgebaut, das von seinen Leuten und der Familie von Turpilianus Capellianus weitergeführt wurde. Sie blieb eine Weile bei Heidrun, die bis zu ihrem Tod tatsächlich in ihrem kleinen Palast in Thelepte lebte. Mutter kam dann Anfang 1014 oder 261, wie du sagen würdest und wartete mit mir und meiner Familie, Shuāngxǐ und Lucretia auf das, was kommen würde. Ich war inzwischen über 45 und Mutter hatte tatsächlich nur die paar Narben mehr und wie gesagt, sie hatte sich sonst kaum verändert. Mit ihren 67 hätte sie deutlich älter aussehen müssen. Sie kamen an ihrem 68sten Geburtstag. Eine Abordnung mit Corduvirix, der ebenfalls keinen Tag älter aussah, wie 15 Jahre zuvor. Mutter ging mit ihnen und wir dachten, dass wir sie nie mehr wiedersehen würden. … Ah! Wir sind gleich da! Siehst du diesen großen Hügel dort vorne?“

Die Frage von Marc ist eher rhetorisch, denn in der flachen Landschaft ist der konisch aussehende Hügel kaum zu übersehen, dem sie sich allmählich nähern.

„Hast du jemals die Filme über diesen Highlander gesehen? Ich meine den ersten Kinofilm dieser Reihe, der wenigstens noch etwas Handlung hatte. Christopher Lambert, der diesen Mann Connor MacLeod und sein alter ego Russell Nash spielte. Kannst du dich daran erinnern, wie er seine Frau altern und sterben sah? Ich finde diese Episode in diesem Film sogar recht gut gemacht. Meine Adhira konnte es auch nicht verstehen, dass ich irgendwann nicht mehr älter wurde.“ Der Mann, der sonst so gefährlich wie ein Raubtier wirkt, seufzt und atmet tief ein.

„Cloe hatte damals ja noch ihren Palast in Cruciniacus, in dem sie blieb, bis sie es dort wegen der ständigen Überfälle nicht mehr aushielt. Sie kam drei oder vier Jahre später nach Attalia, nachdem Mutter endgültig gegangen war. Ihr kleiner Sohn war damals auch bereits seit ein paar Jahren tot und auch David und Tamina, der Sohn von Cai Jing und meine jüngste Schwester, die ja beide beinahe genauso unzertrennlich waren, wie die beiden unzertrennlichen Shuā und Luca, kamen nicht mit ihr zurück. Sie hat nie darüber gesprochen was passiert war. Sie hatte lediglich einen kleinen Jungen dabei, von dem sie sagte, dass dieser der Sohn unserer jüngsten Schwester wäre. Sie blieb bei Sephone in Attalia oder Antalya, wie es heute heißt, und hatte das gleiche Problem wie ich. Was glaubst du, wie das ist, wenn sich die Leute vor dir fürchten, weil du nicht mehr alterst. Wenn du aus dem Rahmen fällst. Cloe wurde eines Tages auf offener Straße hinterrücks überfallen und sollte wegen Zauberei im Theater von Attalia verbrannt werden und es gelang uns, sie im letzten Moment aus ihrem Kerker zu befreien. Es war uns klar, dass wir etwas tun mussten. Wir mussten offiziell sterben und andere Identitäten annehmen oder man würde uns irgendwann wegen Zauberei töten. Die Christen wurden um diese Zeit wegen geringerer Anschuldigungen in die Arena geschickt und unsere Familie hatte schon immer viele Neider. Ich inszenierte meinen eigenen Tod auf einer Schiffsreise von Attalia nach Halicarnassus, indem ich über Bord stürzte und nicht mehr auftauchte. Fast wäre ich dabei tatsächlich gestorben, denn ich hatte zwar einen leeren Wasserschlauch mitgenommen, den ich, als die Liburne außer Sicht war, aufzublasen versuchte, damit der mich über Wasser halten sollte, aber das war nicht die beste Lösung. Die Luft reichte nicht aus, um das Ding über Wasser zu halten, aber wenigstens machte es mir das Schwimmen etwas leichter. Ich erreichte mit Mühe das Land und begab mich wieder nach Attalia. Ich verkleidete mich und schlich mich wieder zu meinen Geschwistern. Wir inszenierten Cloes Tod auf dem Weg zum nördlichen Stadttor. Die mit Blut gefüllte Schweineblase, die sie sich vor die Brust gebunden hatte, reichte um die Wachen zu täuschen, als ich mich auf sie stürzte und sie als Maga, als Hexe beschimpfte. Der Stich in diesen Beutel ließ das Blut nach allen Seiten spritzen und überzeugte die Wachen, dass ich die Hexe getötet hatte. Ich trug sie durch das Tor und die Wachen waren froh, dass sie uns beide los waren. Wir schlugen uns nach Hierapolis durch, wo wir eine Weile bei Vara lebten. Nach ihrem Tod begannen wir alles zu verkaufen, was den Voleriern in Hierapolis gehört hatte. Roxani war ja schon lange vorher gestorben. Genauso wie Doro, die ja damals bei dem Überfall in 990 die schwere Verletzung erlitten hatte und Raminides lebte ja mit Alexia inzwischen auch in Attalia. Wir zogen unter falschen Namen und mit falschen Dokumenten umher und bis zur Unkenntlichkeit verkleidet, besuchten wir regelmäßig unsere Familie in Attalia und Halicarnassus, bis wir uns das nicht mehr antun wollten. Adhira starb mit 64 Jahren an gebrochenem Herzen in meinen Armen. Meine Tochter Judith war inzwischen in Rom verheiratet und Drusus war Tribun bei der IV. Legion gewesen und kam ums Leben, als die Legio IV bei Zenobias Untergang die Seiten wechselte und Drusus weiterhin zu seiner Cousine stand. Am meisten haben wir alle um die kleine rothaarige Venetaria getrauert, die ein Jahr, bevor Vitus Sohn Chattius in dieser Schlacht bei Catalaunum gegen Valerian auf gallischer Seite fiel, bei einem Überfall von Goten ermordet worden war. Sie hatte nie Kinder kriegen können und wünschte sich doch nichts sehnlicher… Warte... warum fährt Mutter denn dort rüber? Ahh, dort ist der neue Weg auf den Hügel! Wartet einen Moment mit dem Öffnen der Türen, bis sich der Staub etwas gelegt hat, sonst sieht es in der Kiste noch schlimmer aus, als es ohnehin der Fall ist.“

Sie halten endlich an und Johannes Geduld wird auf eine harte Probe gestellt. In seinem Kopf schwirren die Namen und Zahlen wie aufgeschreckte Vögel umher und am liebsten würde er die Klapperkiste sofort verlassen und seinen Körper ordentlich ausstrecken. Sein Rücken schmerzt, als ob er eine Treppe heruntergefallen wäre und er muss unbedingt urinieren.

_——_

Marc verteilt an Johannes und Fridericus jeweils eine Clock 17 und ein G3 Sturmgewehr. „Für alle Fälle! Du weißt noch, wie man damit umgeht, oder?“ Bei dieser Frage deutet Marc auf das G3 Sturmgewehr von Johannes.

„Naja, das ist zwar ziemlich genau 30 Jahre her, dass ich mit so einem Ding geschossen habe, aber ich denke, das fällt in die gleiche Kategorie wie Schwimmen und Fahrradfahren, oder? Außerdem hoffe ich, dass ich das Ding nicht benutzen muss. Für meinen Geschmack habe ich in letzter Zeit zu oft mit Waffen zu tun gehabt.“

Marc entnimmt einem Koffer die Teile eines schweren Barrett M82A1 Präzisionsgewehrs und baut die Teile mit routinierten Bewegungen zusammen, lässt das Gewehr aber im UAZ Geländewagen. Gemeinsam gehen sie dann zu dem anderen UAZ, bei dem Drusilia und Cloe eine große Alu-Box ausladen, die recht schwer zu sein scheint, während Artemisia weitere Waffen zurechtlegt.

„Was habt ihr vor, Marc? Wollt ihr in einen Krieg ziehen?“

„Das ist nur für alle Fälle, Hannes. Mach dir mal keine Gedanken.“

„Du weißt, wie ich dazu stehe, wenn jemand sagt ‚mach dir mal keine Gedanken‘.“

Die Rucksäcke, die Artemisia von der Rückbank holt, entsprechen denen, die Marc, Fridericus und Johannes ebenfalls tragen. Inzwischen haben Drusilia und Cloe die Alu-Box auf einen Klapptrolley mit kleinen Rädern gewuchtet und wegen des dünnen Steppengrases und dem fast wüstenähnlichen Steppenboden, sieht das ein wenig lächerlich aus, wie Cloe die Alu-Box auf dem Trolley mit den winzigen Rädern umständlich hinter sich her zieht. Johannes will ihr zur Hand gehen, doch sie lehnt ab. „Lass mal. So geht das schon. Zum Tragen ist das Ding auch zu zweit fast zu schwer und zum gemeinsam ziehen ist zu wenig Platz.“

„Was ist das, was du da hast?“

„Schon mal was von einer Leica Geosystems ScanStation P20 gehört? Komplett mit allem Drum und Dran! Das Neuste vom Neuesten auf dem Markt. Das Zeug kostet fast ein Vermögen! Ah… da kommt Richard! Der soll den Kram jetzt nehmen, schließlich ist das Ding ja auch für ihn.“

Johannes sieht jetzt vom Hügel einen Mann herunterkommen, der wie der Struwwelpeter in dem Kinderbuch des Frankfurter Apothekers Heinrich Hoffmann aussieht. Die langen gelbblonden Haare werden von dem Steppenwind aufgebauscht und auch die kunterbunte Kleidung des dürren Mannes unterstreicht diesen Eindruck der Kinderbuchfigur.

„Ophelia und Ursula McArond, meine Lieblingszwillinge! Ist in der Kiste das, was ich hoffe?“

„Nein, Richard. Du wolltest eine ScanStation C10 3D und die habe ich auf die Schnelle nicht bekommen können. Aus diesem Grund schleppe ich diesen alten Haufen mit mir herum.“

Diesem Richard steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben und an Cloes verschmitztem Lächeln ahnt er, dass der leicht angesäuerte Tonfall, mit dem der antwortet, völlig ungerechtfertigt ist „Na ja, zeig mal was du dabeihast. Vielleicht kann ich ja trotzdem was damit anfangen.“

Cloe stellt die Alu-Box auf den Boden und der Struwwelpeter öffnet die Sicherheitsbügel und hebt den Deckel an um ihn sofort wieder fallen zu lassen.

„Du willst mich jetzt aber auf den Arm nehmen, oder? Lass dich umarmen! Das ist ja phantastisch! Das ist … ich weiß nicht was ich sagen soll! Die ScanStation P20 ist doppelt so schnell wie die C10! Weißt du, was das heißt?“

„Ich kann es mir vorstellen. Du wirst noch wesentlich länger und häufiger vor deinem Laptop sitzen und weniger graben. Du wirst trotz schnellerer Aufzeichnungsmöglichkeiten weniger arbeiten und es wird länger dauern, bis du mir sagen kannst, ob das im Innern des Hügels ganz sicher ein Kurgan aus der Zeit um 5000 vor der Geburt von eurem Christus ist.“

Es ist Drusilia, die diesen sonderbaren Menschen vorwurfsvoll anblickt.

„Äh ja… also Ursula, ich habe ja in meinem Zwischenbericht bereits dargelegt, dass das alles schwer zu bestimmen ist. Ich habe zwar, wie du weißt, ein paar Lederreste sicherstellen können, was mit den besonderen Bedingungen in der Kammer zu tun hat und die habe ich zur Philipps-Uni nach Marburg geschickt, …“

„… aber du hast noch immer keine Antwort. Klar! Die haben natürlich wichtigeres zu tun. Ich glaube, wir sollten das in die Hand nehmen. Du schreibst mir auf, an wen du die Probe geschickt hast und den Rest machen wir. Und nun möchte ich gerne sehen, welche Fortschritte du inzwischen gemacht hast, Richard.“

Johannes, Fridericus und Marc warten auf Artemisia, von der Johannes inzwischen weiß, dass es sich bei der um jene Frau handelt, die damals um 480 vor Christus bei der Seeschlacht von Salamis, als Xerxes Flotte von der Griechischen vernichtend geschlagen wurde, durch eine List, die eines Odysseus würdig gewesen wäre, ihr Schiff und ihr Leben und das ihrer Besatzung gerettet hatte. Kein Wunder, dass Drusilia in dieser Frau mehr als nur eine Freundin gefunden hat! Diese Frau kommt mit einem Walther WA 2000 Snipergewehr, das sie in der Hand trägt, auf die drei Männer zu.

„Ich weiß nicht, welchen Narren deine Mutter an diesem Einfaltspinsel gefressen hat. Der bekommt den modernsten Kram, von dem ich noch nicht mal weiß, wie das Zeug funktioniert und was macht der damit? Nichts! Beim letzten Mal hat er uns lediglich einen albernen Lederfetzen gezeigt, der schon uralt war, als ich geboren wurde und der erklärte uns, dass das eine Sensation sei. Sensation…. Eines seiner Lieblingswörter.“

Sie unterhalten sich noch einen Moment über den Archäologen Dr. Richard Vogel, als Marc den Arm hebt.

„Seid mal ruhig!“ worauf sie alle ihre Unterhaltung einstellen.

„Los! Rauf auf den Hügel und weg von den Fahrzeugen! Schnell, verdammt noch mal!“

Marc treibt sie nun an, geht aber selbst noch einmal zu dem Wagen, um sich das Barrett M82A1 Präzisionsgewehr und eine Tasche zu holen, die wie eine große Reisetasche aussieht. Auch Artemisia läuft noch einmal los und holt sich eine ähnliche Tasche aus dem anderen UAZ. Diese Frau erinnert Johannes schmerzlich an Rosalie Belsantos. Eine ältere Version von Rosalie… Inzwischen ist ein Knattern und ein Dröhnen zu hören, dass Johannes nur zu bekannt vorkommt. Ein Hubschrauber nähert sich recht schnell und weil der recht niedrig fliegt, war der erst spät zu hören. Oben auf dem Hügel angekommen, sieht Johannes, dass sich einige Mauerreste auf dem kleinen Plateau von ungefähr 500 oder 600 Quadratmetern befinden und er sieht etliche Aufschüttungen von Erdhaufen, wie sie für Ausgrabungen typisch sind. Von Drusilia, Cloe und dem Archäologen Richard ist allerdings keine Spur zu sehen. Marc dirigiert sie in die Richtung eines Erdhaufens und nun sieht Johannes die gespannte erdfarbene Plane, die ein Loch von gut und gerne drei Metern im Durchmesser abdeckt.

„Los! Rein da. Macht hin, der ist höchstens noch eineinhalb Meilen entfernt und wenn der schießen will, ist der fast schon in Schussweite!“

Das breite Loch wird in eineinhalb Metern Tiefe durch einen umlaufenden Absatz von etwa einem halben Meter verjüngt und eine Leiter führt weiter in die Tiefe des großen Erdhügels. Marc und Artemisia bleiben zurück, während erst Fridericus und dann Johannes die schwankende Aluleiter hinunterklettern. Das grelle Licht von ein paar LED Lampen weist ihnen den Weg in dem Schacht, der sicherlich sechs Meter tief ist. Unten öffnet sich ein mannshoher Tunnel, der ebenfalls von LED Lampen beleuchtet wird. Fridericus ruft jetzt in den Tunnel „Ophelia! Ursula! Wir bekommen ungebetenen Besuch!“

Die Stimme einer der beiden Frauen hört sich gedämpft und ziemlich weit entfernt an. „Scheiße noch mal! Ich habe es geahnt. Es ist mit Sicherheit dieser alte Sack Jie gewesen. Wir kommen und….“ Der Rest des Satzes geht in dem Lärm unter, der jetzt unvermittelt losbricht. Kleine Explosionen schleudern Erde und Steinchen in den Schacht und Johannes hört Marc Brüllen: „Verdammt! Die haben eine Gatling Maschinenkanone. Damit können die den verdammten Hügel dem Erdboden gleich machen!“

Zwischen den dumpfen Explosionen der Geschosse, die von dem Helikopter stammen, hört Johannes nun ein paar andere Knallgeräusche und er vermutet, dass Marc und Artemisia mit ihren Scharfschützengewehren zurückschießen. Marcs Barrett M82A1 verschießt ja recht große 12,5mm Geschosse … Es dauert nicht lange und Johannes hört den triumphierenden Ruf von Artemisia: „Du hast ihn! Jawohl! Los, gib ihm den Rest!“

Inzwischen sind Cloe Alias Ophelia und Drusilia alias Ursula bei ihnen eingetroffen.

„Lasst uns raufgehen. Vielleicht haben die ja noch etwas Fußvolk und wir werden gebraucht.“

Johannes lässt den kampferfahrenen Frauen den Vortritt an der Leiter und kurz darauf hört er oben die Diskussion zwischen Marc, seiner Mutter und seiner Schwester. Drusilia und Cloe sind tatsächlich wie Zwillinge, allerdings mit einem Altersunterschied von 23 Jahren, was bei einem Alter von über 1700 Jahren aber kaum noch einen Unterschied macht. Bereits auf der Leiter fällt Johannes auf, dass es nun viel heller in dem Schacht ist. Mehrere faustgroße Löcher in der Mitte der Plane sorgen dafür, dass Lichtstrahlen wie Nebelscheinwerfer nach unten in die staubige Luft des Schachtes leuchten. Irgendjemand hatte ihm vor 30 Jahren einmal bei der Bundeswehr erzählt, dass es nicht Kordit wäre, was man nach einem Feuergefecht riechen würde, aber es ist Johannes ziemlich egal, als was man das Zeug nun bezeichnen mag…. Es stinkt schlimmer, als nach einem großen Silvesterfeuerwerk.

                                                             Oben an der Leiter angekommen, sieht Johannes, wie Fridericus nun auf das Plateau krabbelt und folgt ihm nach oben. Er kann nun die traurigen Überreste ihrer beiden UAZ Geländewagen sehen, die regelrecht in Fetzen geschossen wurden. Aber die sind nicht explodiert.  ’Naja‘, denkt sich Johannes ’schließlich sind wir ja auch nicht in einem amerikanischen Film, in dem alle Autos gleich explodieren müssen.‘ Mit angelegten Waffen gehen Artemisia und entweder Cloe oder Drusilia auf den Hubschrauber zu, der etwa 150 Meter entfernt am Boden steht und dessen Rotoren sich noch langsam drehen. Im Gegensatz zu ihrem russischen MIL MI-8 den sie zurückgelassen hatten, handelt es sich hier um einen etwas moderneren chinesischen Changhe WZ-9 oder das französische Original AS 350 von Eurocopter. Aus dem Bereich der Kabine quillt Rauch und der Helikopter scheint auch etwas schief zu stehen. Die Schiebetür auf der rechten Seite öffnet sich und eine große automatische Waffe wird an einer Halterung nach außen geklappt. Marc brüllt: „Runter!“ und feuert mit seinem schweren Gewehr auf den Bereich der offenen Tür. Ein Scharfschützengewehr ist natürlich kein Maschinengewehr und so sind die Schussfolgen eher langsam im Vergleich zu dem, was jetzt aus der Mini-Revolverkanone oder dem Maschinengewehr kommt, dass auf dem Klapphalter Feuer spuckt. Der Schütze hält einfach irgendwie grob in die Richtung der beiden Frauen, die allerdings nicht ganz im Schusswinkel sind, wodurch bisher zum Glück noch niemand getroffen wurde. Lediglich der Steppenboden wird von den Geschossen in eine braunrote Staubwolke verwandelt. Johannes entsichert seine G3 auf Dauerfeuer, spannt den Ladehebel um eine Patrone zu laden und leert das Magazin in die Richtung des Helikopters und weil er einen besseren Winkel als Marc und die Frauen hat, richten seine Schüsse offenbar auch etwas aus. Schräg vor ihm nimmt jetzt Fridericus seinerseits den Helikopter unter Beschuss, während Johannes das einzige Reservemagazin einlegt, das er hat. Bevor er wieder schießt, legt er den Sicherungshebel auf Einzelschuss, denn er hat keine Ahnung, ob er seine Munition noch brauchen wird. Die beiden Frauen sind inzwischen im spitzen Winkel zu dem Helikopter gelaufen, dessen Maschinengewehr längst aufgehört hat, den Steppenboden zu durchlöchern. Entweder ist die Munition alle, oder der Typ im Helikopter hat eingesehen, dass sein Vorhaben nicht wirklich erfolgreich war. Marc sprintet los und kriecht mit seiner Pistole in der Hand unter dem Hubschrauber durch und Johannes sieht, wie der Mann mit den weißgrauen Haaren tief Luft holt. Er schwingt sich zwischen den Kufen nach oben und beginnt sofort zu schießen. Bereits nach dem zweiten Schuss steckt er die Glock aber wieder weg und signalisiert, dass keine weitere Gefahr mehr besteht. Sie gehen jetzt alle zu dem Helikopter und Johannes riecht schon von weitem den Gestank von verbranntem oder verschmortem Gummi. Marc dreht sich zu ihm und Fridericus um und man sieht ihm an, dass er ziemlich verärgert ist. „Ah … da kommen sie ja, Rambo und Dirty Harry für Arme! Ich habe versucht die Hubschrauberbesatzung außer Gefecht zu setzen und die Maschine möglichst zu verschonen! Und was macht ihr beiden! Schießt das ganze Aggregat in Klump und Schutt! Habt ihr euch einmal überlegt, wie wir ohne die UAZ von hier wegkommen?“

Johannes versteht auf einmal den Ärger von Marc. Es sind sicherlich 50 oder 60 Kilometer gewesen, die sie mit den Geländewagen hier heraus gefahren waren. Den MIL MI-8 hatten sie ja stehen lassen, um nicht in dieser flachen Landschaft geortet zu werden!

„Na kommt ihr beiden Helden. Dann sehen wir mal, ob die Kiste nicht doch noch fliegen könnte, ach ja und nehmt mir mal die Pilotin und den Bordschützen ab, die liegen mir im Weg rum.“

Wie kalt er das sagt… ‚Die liegen mir im Weg rum...‘ Obwohl die natürlich die Angreifer gewesen sind. Es ist ja schließlich nicht so, dass sie darum gebeten hätten, beschossen zu werden. Johannes will Fridericus helfen, die beiden Toten aus der offenen Tür zu heben. Dazu will er das Maschinengewehr vom Typ GeSchiG-7,62 aus der Halterung nehmen, das etwa ähnlich aufgebaut ist wie die M61 Vulcan Maschinenkanone, welche die Geländewagen zerfetzt hat. Johannes packt das Ding am Laufbündel mit der rechten Hand und schreit vor Schmerz auf. Er hat sich die Hand an den heißen Läufen verbrannt. Ein Gefühl, als hätte er auf eine heiße Herdplatte gepackt.

„Hannes, tu mir einen Gefallen und fasse jetzt nichts mehr an. Geh zu Mutter und lass dir die Hand sofort versorgen.“ Mit einem einfachen Griff zieht Marc die GeSchiG-7,62 aus der Halterung nach oben raus.

 

© Hartmut Emrich