Hartmut Emrich

Autor und Herausgeber

Buch der Woche KW 44-45 / 2020

Auf dieser Seite stelle ich gelegentlich Auszüge aus einem meiner Bücher als kleine Leseprobe ein. 

Der Auszug aus einem meiner Bücher stammt in dieser Woche aus dem Buch 'Wen die Götter strafen wollen...' aus der Reihe 'Tellerwelten' 

 

… dem geben sie die Verantwortung für die Taten anderer.


Ungefähr 2.502 Jahre nach der Katastrophe

…zehn Tage nach der Schlacht auf dem Kartoffelacker

Der Lärm ist unerträglich, der von der Straße heraufdringt und es hilft auch nichts, wenn er sich aus den Resten eines verschlissenen Rocks kleine Streifen abschneidet, diese zusammenrollt und dann in die Ohren steckt. Er hat den Eindruck, der Lärm würde direkt in seinem Kopf entstehen. Genervt macht er das, was er eigentlich vermeiden wollte. Die Beschwörungen der Dämonen mögen für Gissor Ferall etwas Normales sein, aber für ihn bedeuten die seit jenem Tag auf dem Schlachtfeld, dass es vorkommt, dass er Erscheinungen hat. Bilder oder Eindrücke von zahllosen Menschen, die panisch und wirr durcheinander brüllen. Und lautlose Stimmen und Gedanken, die Namen rufen und sich nach dem Verbleib von irgendwem erkundigen. Und das mit großer Lautstärke. Verlo konzentriert sich auf eine Beschwörung, die den Lärm von der sechsten Ringstraße verstummen lassen wird. Er spricht gerade das abschließende „… Silentium!” als die Tür geöffnet wird und Magister Gissor in Begleitung eines unbekannten Mannes eintritt. Gissors Mund bewegt sich und auch der des Unbekannten, aber die Beschwörung erfüllt ihren Zweck und dämpft alle Geräusche in diesem Raum bis zur völligen Lautlosigkeit. Gissor winkt ihm dann zu, ihm nach draußen zu folgen und so fügt sich Verlo, lautlos seufzend, in sein Schicksal. Er richtet sich wieder auf und folgt den beiden Männern ins Treppenhaus jenes Hauses, in dem er seit ihrer gestrigen Rückkehr untergekommen ist. Seine Kammer im Haus Gissor Feralls ist ebenso verbrannt, wie der größte Teil des Hauses. Lediglich Gissors Bibliothek hat den Brandanschlag überstanden. Gissor hatte die Bibliothek wie immer mit einer Beschwörung gegen alles Mögliche geschützt und es hat sich gezeigt, dass alles Mögliche auch ein alles verzehrendes Feuer sein kann. Seit der Schlacht auf dem Kartoffelacker hat sich viel, oder beinahe alles verändert. Hätte er gewusst, welche Folgen seine Idee hatte, den Fürsten und den Prinzen abzusetzen, würde er sich aus allem herausgehalten haben. Und damit meint er noch nicht einmal die Folgen der Kraftübertragung der beiden Magusse, deren Kräfte auf ihn übergegangen sind und die jetzt für eine Überempfindlichkeit seiner Sinne sorgen. Mit der Veränderung sind vor allem die Menschen in den sieben Ebenen gemeint. Die haben sowohl den Halt und offenbar auch den Verstand verloren. Der Aufruhr begann am Tag nach der Schlacht bei den beiden Heeren, die sich wieder zu einem zusammenfinden sollten. Es heißt, ein paar Kämpfer aus der Panzergarde des verstorbenen Prinzen würden sich mit ein paar Kämpfern aus der Panzergarde des verstorbenen Fürsten wegen einer Kleinigkeit geprügelt haben. Inzwischen scheint sich aber jeder mit jedem prügeln zu wollen.

„Du musst etwas tun, Verlo. Schließlich trägst du ja auch die Verantwortung für die derzeitigen Zustände.” sagt Gissor sofort, als sie die Kammer verlassen und das Treppenhaus betreten.

„Ich habe euch ja bereits gesagt, ich würde manchmal Stimmen hören, nachdem ich eine der alten Beschwörungen vollzog. Ich habe jetzt wieder den Eindruck, eine Stimme gehört zu haben, die mir vorwirft, für etwas verantwortlich zu sein, Meister Gissor.”

„Hör mit dem Blödsinn auf, Junge. Du weißt genau, was ich meine.”

„Meister Gissor, ich habe seit gestern nicht richtig geschlafen, ich habe seit… seit… ich habe keine Ahnung, wann ich zuletzt etwas gegessen habe. Ich bin im Augenblick nicht in der Stimmung, mich mit euch über etwas zu unterhalten, was auf keinen Fall in meiner Verantwortung liegt.”

„Da gehen die Meinungen auseinander, Verlo. Du bist es schließlich gewesen, der den Fürsten und den Prinzen gegeneinander kämpfen ließ und jeder von uns hatte den Eindruck, es hätte jemand mit einer Beschwörung nachgeholfen, als die sich gegenseitig erstachen. Weil ich das nicht war, kommen nicht mehr so viele Möglichkeiten in Frage, nicht wahr?”

Verlo seufzt. Diese Unterhaltung haben sie in den letzten Tagen bereits mehrfach geführt.

„Meister, lasst uns das bitte nicht schon wieder diskutieren. Ich habe euch bereits gesagt, dass ich das nicht war. Können wir nicht irgendwo hingehen, wo ich etwas essen kann und wo es nicht so fürchterlich stinkt?”

„Das mit dem Essen ist ja gerade das Problem.” sagt der unbekannte Mann in Gissors Begleitung, der bislang geschwiegen hatte „Wenn es so weiter geht, wird es bald nichts mehr zu Essen geben. Die Menschen in Ringstadt haben ihrer Vorräte bald aufgebraucht und die Ebenen liefern nichts mehr.”

Verlo deutet auf die Treppe nach unten und sagt „Lasst uns trotzdem nach draußen gehen. Der Gestank raubt mir den Atem.”

„Es ist nicht der Gestank, Verlo.” sagt Gissor „Es sind ganz offenbar deine Sinne. Du hörst Dinge, die sonst niemand zu hören in der Lage ist. Du nimmst Anstoß an Gerüchen, von denen ich noch nicht einmal vage etwas ahne. Vielleicht kannst du auch Dinge sehen, die sonst niemand zu sehen in der Lage ist.”

„Das ist nicht meine Schuld.” antwortet Verlo verärgert und gereizt. „Ich war es nicht, der diese Revolte angezettelt hat. Wäre dieser aufgeblasene Idiot Nistar nicht auf die Idee gekommen, seinen Vater gewaltsam abzulösen, würde ich noch mit Galaleas Töchtern…” seine Erinnerungen an die schrecklichen Bilder lassen ihn innehalten. Frau Galaleas Töchter gibt es ebenso wenig, wie es eine Frau Galalea und einen Herrn Umat gibt. Er setzt sich auf die oberste Treppenstufe und zieht die Beine an sich heran. Am liebsten möchte er sich die Bilder mit einem Schmiedehammer aus seinem Kopf schlagen. Warum hatte er auf dem Weg zurück nach Ringstadt auch den Umweg über Gut Kornfeld genommen? Er hatte doch gewusst, dass sie tot waren und er hätte es wissen müssen, dass er sie nicht wieder lebendig machen kann. Keine Beschwörung der Welt kann das ermöglichen. Tot ist tot! Er hatte die Trümmer des Hauses aufsteigen lassen und er hatte sie gesucht. Valia und seine kleine Tochter Tanati. Und schließlich hatte er sie gefunden. Oder vielmehr hatte er das gefunden, was der dicke Steinbrocken von ihnen übrig gelassen hatte, der noch nach den Bolzentreffern auf sie gestürzt war. Es schien beinahe so, als ob da jemand absolut sicher sein wollte, dass die kluge und schöne Frau mit ihrer Tochter auf keinen Fall am Leben bleibt.

„Du kannst nicht für immer trauern, Verlo.” sagt Gissor und setzt sich neben ihn auf die Treppenstufe. „Ich habe Galalea geliebt. Das weißt du. Es ist eine Schande, was man ihr und ihrer Familie antat. Und was man ihnen antat, tut man im Augenblick überall auf den sieben Ebenen Menschen an.”

Verlo wendet sich seinem Meister und Mentor zu und fragt „Und was soll ich eurer Meinung nach tun, Meister? Soll ich eine besonders wirkungsvolle Beschwörung sprechen, die das alles auf einen Schlag beenden kann?”

„Wenn es so eine Beschwörung geben würde, hätte ich diese längst angewandt. Du solltest Rule Scharfschwert, Keltor Harnisch und Herleg Federkiel dazu bringen, miteinander zu reden.”

„Wer ist denn dieser Keltor Harnisch?”

„Das ist der Nachfolger von Cornel Weißschild. Der hat nach dessen Tod das Kommando über jene Kämpfer übernommen, die aus der Ringstädter Panzergarde hervorgingen und der hat noch ein paar der regulären Ringstädter Truppen unter sein Kommando genommen.”

„Ich habe gar nicht gewusst, dass Cornel Weißschild starb.” sagt Verlo erstaunt.

„Der ist auch nicht einfach so gestorben. Man hat ihn getötet und zerstückelt. Hättest du Ringstadt durch das Maisfeldtor betreten, hättest du seinen Kopf vermutlich gesehen. Auch der Tod von Cornel Weißschild ist so ein Punkt, über den wir uns Gedanken machen müssen.”

„Meister Gissor, ich habe keine Ahnung, was ihr von mir wollt. Bis vor kurzem war ich euer Lehrling, oder im Prinzip bin ich das sogar immer noch. Wenn ihr sagt, wir müssen uns Gedanken machen, klingt das beinahe, als wären wir die Stadtwächter, die ein Verbrechen aufzuklären haben.”

„So meinte ich das nicht. Ich meinte damit, dass Cornel Weißschild offenbar nicht von den Leuten um Rule Scharfschwert und auch nicht von denen um Herleg Federkiel getötet wurde.”

„Genau.” meldet sich der Fremde wieder zu Wort „Es ist ja offensichtlich, dass es da noch mindestens eine vierte Gruppe gibt, die sich in Ringstadt herumtreibt und die vielleicht auch für weitere Untaten verantwortlich ist.”

Verlo dreht sich halb zu dem Mann um, der schräg hinter ihm und Gissor auf dem Treppenabsatz steht. „Wer seid ihr eigentlich.”

„Kalib Krautacker. Ich bin, oder vielmehr war ich bis vor kurzem der Großbauer der Gemüseebene.” sagt der, als gehöre das Wissen um dem seine Person zum Gemeinwissen.

„Es wäre mir jetzt noch immer ein Anliegen, dieses stinkende Treppenhaus zu verlassen und ich habe wirklich großen Hunger. Und ich könnte auch einen ordentlichen Schluck Dünnbier vertragen.” sagt Verlo in einem Ton, der den beiden deutlich älteren Männern keine Wahl lassen soll „Kommt. Es ist mir wirklich ernst damit. Irgendwo wird es ja noch etwas zu essen geben und das Dünnbier wird ja auch nicht auf einen Schlag verdunstet sein.

_-.:: : I:::.-_

Während er den Getreidebrei gierig hinunterschlingt, hört er sich an, was ihm Rule Scharfschwert und Warlos Kettenhemd über die Zustände in Ringstadt berichten. Er, ein junger Mann von noch nicht einmal 18 Zyklen, wird von dem großen Helden der sieben Ebenen und dem Hauptmann der schnellen Fußtruppen von Ringstadt hofiert, als wäre er der Fürst. Die haben ihn vorhin abgepasst, als er von dem zerstörten Gasthof zurückkehrte, wo er sich von Gissor und dem Gemüsebauern getrennt hatte. Die konnten ihm nichts zu essen anbieten, sondern lediglich lauwarmes Dünnbier. Und er hat dort mehr Fragen mitgenommen, als Antworten erhalten. Woher soll ausgerechnet er wissen, wer den alten Heermeister getötet hat? Ist es nicht Gissor, der solche Beschwörungen kennt, wie man auch noch aus den Leichen Rückschlüsse auf deren Mörder ziehen kann? Wie soll ausgerechnet er wissen, wie man die Ordnung auf den sieben Ebenen wieder herstellen soll?

Und jetzt kommen ihm diese beiden hier mit beinahe den gleichen Fragen und dem gleichen Anliegen. Aber wenigstens haben die was zu essen. Er ignoriert dabei, dass es eigentlich eine sonderbare Allianz ist, die sich da in dieser unruhigen Zeit gebildet hat. Die Panzergarde des toten Prinzen und die schnellen Fußtruppen der Ringstädter Armee. Dass der eine der beiden Männer der bekannteste Krieger der sieben Ebenen, ist aber ebenso wenig von Bedeutung, wie der Umstand, dass der Hauptmann der schnellen Fußtruppen zugleich sein leiblicher Vater ist.

Die Menschen in den sieben Ebenen scheinen wirklich den Verstand verloren zu haben. In den Dörfern der Landgüter gab es überall Aufruhr und Aufstände. Die Großbauern wurden entweder vertrieben, oder die wurden von Aufrührern wie diesem Scheißkerl Loptos getötet. Keiner hat ein Interesse daran, die Felder zu bewirtschaften und auch jenen Feldern, auf denen geerntet werden müsste, verdirbt die Frucht. In Ringstadt liefern sich einzelne Stadtbezirke Kämpfe um die Vorräte der Speicher, die von Fürst Ledolce und seinen Vorfahren für schlechte Zeiten angelegt worden waren. Es heißt, dass jetzt lediglich in der Maisfeld-Ebene noch nieman gewütet hat, weil die Ein Teil jener Panzergarde, die sich zu Prinz Nistar bekannt hatte, steht loyal zu Rule Scharfschwert und ein anderer Teil hat sich jenen Kämpfern angeschlossen, die plündernd über die sieben Ebenen ziehen. Andere haben sich in der Stadt mit wieder anderen Plünderern zusammengetan, die sich in einer der äußeren Ringstraßen in der Nähe des Rapsöltores verschanzt haben und die im Streit mit einem Teil derjenigen liegen, die von den regulären Ringstadttruppen desertiert sind. Das hört sich alles nach Anarchie an. Ein Wort, das in den Schriftrollen in Meister Gissors Bibliothek auch in einigen Beschwörungen zu lesen ist. Aber auch in der Beschreibung von einigen Dämonen. So sind die fünf mächtigsten Dämonen, Asladir, Brendar, Hermindor, Kenadir und Tosvestos in der Vergangenheit auch schon für Zustände der Anarchie verantwortlich gewesen, als die bei falschen Beschwörungen für kurze Zeit Macht über den Beschwörer erhalten hatten und dieser dann, unter dem Einfluss des jeweiligen Dämons, die Ordnung im Reich der sieben Ebenen, aber auch in den Sumpflanden, oder in Waldans gestört, oder gar zerstört hatte. Das ist auch einer der Gründe, warum man die Beschwörungen jener Großdämonen behutsam und niemals unter Zeitdruck durchführen sollte. Während jener Schlacht, die vermutlich als die Schlacht auf dem Kartoffelacker in die Annalen eingehen wird, hatte er dreimal Tosvestos beschworen. Und er ist sich sicher, keinen Fehler gemacht zu haben. Wäre das der Fall, wäre er bereits tot.

„… aus diesem Grund wäre es wichtig, wenn du mit den Männern sprechen würdest, mein Sohn.”

„Warte Warlos! Ich habe jetzt nicht zugehört. Ich habe nur noch vernommen, dass du mich als deinen Sohn bezeichnetest. Auch wenn ich vor ein paar Tagen, als wir Nistars Leuten gegenüberstanden, einmal Vater sagte, bedeutet das noch lange nicht, dass ich vergessen habe, wie du mich wie eine Ware verkauft hast. Aber deswegen sitzen wir nicht zusammen. Was ist es, was du eben sagtest?”

Verlo kann es an dem verkniffenen Gesicht Warlos ansehen, wie wenig es dem gefällt, von ihm zurechtgewiesen zu werden. Es dauert auch einen Moment, bis der seiner Aufforderung nachkommt „Ich sagte eben, dass die Männer Vertrauen und Respekt vor dir haben. Das trifft auf alle zu. Gleich ob jene, die noch zu uns stehen, oder jene, die im Augenblick zügellos plündern und marodieren.”

„Und das ist unser aller Problem, Verlo.” ergänzt der ehemalige Heermeister Nistars zu Verlos Überraschung „Das ist ein grundsätzliches Problem all jener Krieger, die nun keine Führung mehr haben. Ich sehe das an mir selbst. Ich bin zwar in der Lage, mich zu disziplinieren und ich habe meine Gefühle im Griff. Aber ich benötige eine Aufgabe. Verstehst du das?”

Verlo zögert mit einer Antwort und schüttelt dann andeutungsweise mit dem Kopf. Es ist dann Warlos, der seufzend mit einer Geste auf sich selbst deutet und sagt „Ich bin zeitlebens ein Krieger gewesen. Noch als ich als Bengel mit anderen Bengeln in den Gassen spielte, war ich ein Krieger. Du hast vor zehn Tagen ein paar Worte gebraucht, die es besser nicht beschreiben könnten. Wir, und damit meine ich mich, meine Männer und auch Rule hier, sind Waffen. Wir sind es gewohnt, benutzt zu werden. Du hattest vielleicht andere Worte dafür, aber du hast den Kern erkannt. Und jetzt gibt es überall im Reich zahlreiche Waffen, die es nicht gewöhnt sind, ruhig und nutzlos in der Ecke zu stehen. Die müssen beschäftigt werden, weißt du? Und sei es auch nur durch ständigen Drill.”

Verlo blickt jenen Mann an, der sich wirklich Mühe mit ihm zu geben scheint.

„Gut. Ich habe verstanden, dass diese Leute eine Aufgabe brauchen und ich habe auch verstanden, dass die Männer angeblich auf mich hören. Aber was soll ich denen sagen? Seid bitte so gut und kämpft nicht mehr gegeneinander? Findet ihr, das reicht?”

„Natürlich nicht.” sagt Rule Scharfschwert, als hätte er es mit einem besonders begriffsstutzigen Exemplar Mensch zu tun. Aber solange er nicht weiß, was die überhaupt von ihm wollen, ist es ihm unmöglich, deren Gedanken zu folgen.

„Und wenn ihr euch alle einen gemeinsamen Gegner sucht? Heißt des nicht immer, dass ein gemeinsamer Gegner auch zwei Feinde einen kann.” fragt er an die beiden Männer gerichtet und kratzt dann den letzten Rest des Getreidebreis aus der Schüssel. Er ist noch immer hungrig, aber das war vorerst alles, was ihm die beiden Krieger besorgen konnten. Die Nahrung wird wirklich knapp. Mit dem letzten Brei im Mund sagt er „Eigentlich sollte man die ganzen Kämpfer zur Ernte auf die Ebenen schicken. Oder wenigstens dafür sorgen, dass diejenigen, die eigentlich die Ernte einbringen sollten, die Ernte auch einbringen.”

„Kannst du das den Leuten auch so sagen?” fragt Rule Schwerthand und bevor Verlo nachfragen kann, wieso ausgerechnet er das tun soll, beantwortet der ehemalige Heerführer die noch unausgesprochene Frage „Wenn ich, oder dein Vater zu den Leuten sprechen, sind wir für die Männer und Frauen parteiisch, verstehst du? Du bist bekanntermaßen neutral. Du hattest es in der Schlacht mit keiner Seite.”

Verlo will im ersten Moment widersprechen, denn er war schließlich den Truppen von Fürst Ledolce beigesprungen. Aber in Wirklichkeit konzentrierte er seine Anstrengungen darauf, Gissor zu helfen und Nistar entgegenzutreten. Das war sein eigentliches Anliegen.

„Also gut, ihr beiden. Aber ihr sorgt dafür, dass ich auch ein paar Zuhörer haben werde. Wenn ich schon was sagen soll, will ich auch das Publikum dafür haben.”

„Da mach dir mal keine Sorgen, Kleiner.” sagt der frühere Heermeister eines inzwischen nicht mehr existierenden Heeres, eines inzwischen nicht mehr existierenden Prinzen, der als Sohn eines inzwischen nicht mehr existierenden Fürsten eine inzwischen ausgeuferte Revolte angezettelt hatte. Selbst Gissor, der ihn seit dem Beginn seiner Lehre mit Namen wie Faulpelz, Dummbeutel oder ähnlichem belegte, sagte niemals 'Kleiner' zu ihm. Aber was soll man auch von Helden erwarten, die dann Hilfe benötigen, wenn mal keine Heldentaten vollbracht werden können.

`-. :.: .-´_.-:-._`-. :.: .-´

„… du musst dich gleichzeitig darauf konzentrieren, was die Augen des Falken sehen, aber auch deine eigene Umgebung nicht aus dem Blick verlieren.” sagt Gissor geduldig und beschreibt ihm noch einmal, wie er sich den hochfliegenden Falken zunutze machen kann, wenn er etwas weit Entferntes auskundschaften möchte. Es geht Verlo in erster Linie darum, um zu erkennen, wo sich die Männer der früheren Panzergarde des Fürsten aufhalten. Jene Kämpfer, die jetzt unter dem Befehl eines gewissen Keltor Harnischs einen Teil der Stadt beherrschen, sollten eigentlich ebenfalls zu seinem Publikum gehören, das sich vor dem Kornackertor eingefunden hat. Die Kämpfer der schnellen Fußtruppen, die geschlossen zu Hauptmann Warlos stehen, sind vollzählig erschienen. Ebenso wie die Panzergarde Prinz Nistars und der kleine Rest jener Kämpfer, die von dessem Heer übrig ist und nicht desertierte. Eine weitere Gruppe bilden jene Kämpfer, die sich um das Rapsöltor verschanzt hatten. Ein Teil der Stadtwachen, die unter dem Befehl des früheren Wesirs und Skriptoren Herleg Federkiel stehen, hat sich ebenfalls eingefunden. Alles in allem sollten das gut und gerne tausend Kämpfer sein. Von den Stadtwachen einmal abgesehen, sind die alle kampferprobt und alle sind in Waffen erschienen. Und weil keiner dem anderen vertraut, haben dich sich zu fünf einzelnen Gruppen aufgestellt. Und vermutlich ist das Misstrauen gerechtfertigt. Man ist nervös und unruhig, weil die einstige Hauptstreitmacht des Fürsten, oder zumindest der Rest davon, nicht zu der Ankündigung erschienen ist, obwohl die das zugesagt hatten. Aus diesem Grund sucht Gissor mit Hilfe der Falken auch die Umgebung ab. „Meint ihr, dieser Keltor Harnisch hat die Bolzengeschütze oder andere Fernwaffen, mit denen der auf uns hier draußen schießen kann?” fragt Verlo an Gissor gerichtet, der konzentriert und abwesend wirkt.

„Es scheint so, verflucht nochmal.” sagt der alte Magister Magus und seine Stimme klingt besorgt. Während Verlo nur mit einem der Falken übt, beschäftigt sich Gissor mit einem seiner drei Falkenpärchen, das recht hoch am Himmel seine Kreise zieht und das für sie nach einer Gefahr Ausschau halten soll. „Siehst du diese Luftspiegelung dort drüben? Aus der Luft und mit den Augen der Falken, ist das noch deutlicher zu erkennen, verflucht. Du solltest denen dort …” Gissor deutet auf die Menschen, die auf Verlos Ansprache warten „… sagen, dass es jetzt angeraten ist, eine Testudo zu bilden. Und du kannst schon mal jene Beschwörung vorbereiten, die einen Bolzenbeschuss an den Absender zurückschickt. Dieser Dummbeutel Keltor Harnisch war nicht bei der Schlacht auf dem Kartoffelacker dabei. Dem ist eine lehrreiche Erfahrung entgangen, die der heute nachholen kann.”

Verlo verstärkt seine Stimme und richtet die an die wartenden Männer und Frauen „Bildet sofort eine Testudoformation! Wir werden nämlich nicht mehr auf die Leute von Keltor Harnisch warten müssen. Die haben sich offenbar gedacht, es wäre eine praktische Angelegenheit, uns alle hier vor dem Stadttor auf einen Schlag zu erledigen.”

Bereits bei der Aufforderung, sich zu einer Testudo, einer Schildkröte, zu formieren, werden die ersten Kommandos gebrüllt. Es dauert nur einen Augenblick, bis drei unterschiedlich große Blöcke mit Schilden nach allen Seiten gedeckt, auf einen Beschuss warten. Es ist dabei bemerkenswert, wie sich jene Kämpfer, die sich niemand mehr zugehörig fühlten, zu den Leuten von Rule Scharfschwert und denen von Warlos Kettenhemd einordnen. Der Beschuss lässt dann auch nicht lange auf sich warten. Dass Verlo die Bolzen zuerst hören kann, bevor er die sieht, kann nur bedeuten, dass die einen Magus haben, der denen die Möglichkeit bot, für seine Augen unsichtbar zu bleiben. Ohne große Gesten und ohne Zeit zu verlieren, spricht er die Beschwörung, die jetzt die Bolzen, kurz vor dem Auftreffen auf die abwehrbereiten Truppen, abwenden lässt. Er spricht eine weitere Beschwörung, die den Bolzen zusätzliche Beschleunigung verleiht, als die zunächst in einem Bogen gen Himmel steigen und wieder in einen Sturzflug übergehen. Noch während die einfach in der Glocke der Unsichtbarkeit zu verschwinden scheinen, kommen bereits die nächsten Bolzen geflogen. Und dann gleich die nächste Runde. Es gelingt Verlo bei der dritten Bolzenrunde nur noch einen Teil von denen abzulenken. Die kommen einfach zu schnell. Dann kommt bereits die vierte Runde und Gissor sagt „Die übernehme ich. Sieh zu, dass du noch einmal die Prallbeschwörung sprichst. Richte die auf die Apfelbäume hinter dem Abflussgraben.”

Nun, es muss ja schließlich auch einen Vorteil bieten, wenn zwei Magusse auf der gleichen Seite kämpfen. Da kann der eine den Schutz und der andere den Angriff übernehmen. Obwohl ihm vermutlich niemand zusehen kann, bietet er jetzt trotzdem etwaigen Zuschauern etwas für das Auge. Gissor ist in so etwas immer sehr überzeugend und das hat er für sich übernommen. Das Auge isst mit. Menschen glauben, was sie sehen. Und wenn die einen Magus sehen, der mit beiden Armen eine kräftige Bewegung vollführt, als würde der eine gewaltig große Kugel, oder eine massive Mauer von sich wegschleudern, und wenn dann in gut 400 Schritten Entfernung plötzlich eine Staubwolke entsteht und umstürzende Menschen, zerstörte Bolzengeschütze, umherwirbelnde Rüstungen, Schilde und abgerissene Gliedmaßen zu sehen sind, dann wissen jene etwaigen Zuschauer, in welchem Zusammenhang das mit jenem Magus steht. Dann muss man das nicht erst umständlich erklären. Gissor ist ein guter Lehrer, der weiß, wie wichtig solche Kleinigkeiten sind. Noch bevor sich der Staub bei der angreifenden Truppe legt, kann Verlo laute Kommandos hören. Es ist die Stimme von Warlos Kettenhemd, der die schnellen Fußtruppen zum Angriff auffordert. Aber seine Aufmerksamkeit gilt den Bolzen, die Gissor mit einer unnötigen, aber effektvollen Handbewegung hoch in den Himmel hatte aufsteigen lassen und die nun ihre Ziele in der zerstörten Aufstellung ihres Gegners finden. Ja, es ist schon von Vorteil, wenn zwei Magusse Hand in Hand arbeiten. Und noch besser ist es, wenn man dann noch die Unterstützung jener Leute hat, die man eigentlich vor dem Kornackertor versammelte, um denen mit einer Ansprache den Ernst der Lage zu verdeutlichen, in der sich Ringstadt und das Reich der sieben Ebenen befinden. Aus diesem Grund stehen er und Gissor schließlich auf dem Erntewagen, der ihnen als Podest dienen soll, um besser gesehen zu werden. Das geht ihm in jenem Moment durch den Kopf, als ihm ein Bolzen von hinten in den Rücken schlägt und ihn nach vorne vom Wagen wirft. Erst als er auf den staubigen Boden aufschlägt und sich auf die Unterlippe und die Zungenspitze beißt, setzt der Schmerz ein. Der Schmerz der durchbissenen Lippe ist größer, als der im Rücken.

„Verlo!” ist der entsetzte Ruf von Gissor zu hören und dann hört er irgendwo einen triumphierenden Ausruf „Ich habe ihn erwischt! Siehst du? Ich habe ihn voll erwischt. Dieses Mal kommt der nicht mehr davon.” Verlo kennt diese Stimme. Er weiß auch, was mit 'diesem Mal' gemeint ist. Beim letzten Mal wurden Galaleas Töchter und deren Kinder getötet.

„Verlo?” jetzt ist Gissors Stimme direkt neben seinem Kopf zu hören und der alte Mann klingt wirklich besorgt.

„Isch ga misch nisch bewege.” nuschelt Verlo undeutlich, wegen der Verletzung an seinem Mund und „Loptosch. Vorarbeiter Umat Kornfeld. Dasch war der Loptosch.”

„Bleib liegen und bewege dich nicht.” sagt Gissor und Verlo verzichtet darauf, dem Magister zu sagen, dass er sich noch nicht mal bewegen könnte, wenn er das wollte. Er spürt noch nicht einmal mehr den Bolzen in seinem Rücken, geschweige denn seine Arme oder Beine. Vielleicht könnte er jetzt eine Beschwörung bemühen, mit der er seinen Körper heilen könnte. Aber er müsste dazu entweder eine seiner Fähigkeiten opfern, oder das bei einem anderen Menschen tun. Aber auch wenn er das könnte, würde er die Beschwörung unmöglich ordentlich sprechen können. So wie er jetzt mit der dicken Lippe und der verletzten Zunge lispelt und nuschelt, würde er sich vermutlich sofort dem Dämon ausliefern. Seine Sinne sind noch immer ganz besonders und so kann er, zur Untätigkeit und zur Bewegungslosigkeit verdammt, den Kampflärm hören, der vermutlich aus jener Richtung kommen wird, wo sich die Truppe von diesem Keltor Harnisch und dem fremden Magus versteckt hatte. Und er kann die schweren Tritte von schweren und mit Metallplatten belegten Stiefeln hören, die sich im Laufschritt zu nähern scheinen. Und dann sagt Rule Scharfschwert „Verdammt, Kleiner. Das sieht aber gar nicht gut aus.”


©2019 Hartmut Emrich - 'Tellerwelten' 

 

 Das E-Book und das Taschenbuch sind  bei Amazon erhältlich. 

 


 

 

Viel Spaß beim lesen...


Hartmut