Hartmut Emrich

Autor und Herausgeber

Buch der Woche KW 01 und 02 / 2021

Auf dieser Seite stelle ich gelegentlich Auszüge aus einem meiner Bücher als kleine Leseprobe ein. 

Der Auszug aus einem meiner Bücher stammt auch in dieser Woche aus dem Buch 'Wen die Götter strafen wollen...' aus der Reihe 'Tellerwelten' 

Kapitel 3

Wen die Götter strafen wollen…

 

… den lassen sie an einen falschen Gott glauben


Ungefähr 2.502 Jahre nach der Katastrophe

… sechs Tage nach den Ohrfeigen

„… erlöse mich. Ich war immer ein treuer Diener, Herr. Darum bitte ich dich inständig, erlöse mich. Ich war immer ein treuer Diener, Herr. Darum bitte ich dich inständig, erlöse mich…”

„Verdammt! Wenn der nicht endlich seine Fresse hält, dann schlage ich dem den Schädel ein. Dann ist der ein für alle Mal erlöst!” sagt eine der Panzergardistinnen, die zusammen mit elf weiteren Panzerkriegern und -kriegerinnen einen lebenden Schutzwall um sie bilden. Inmitten dieses Waldes aus Kreuzen in der Nähe von Ringstadt, haben sie sich für ihr Vorhaben eingerichtet. Noch vor nicht allzu langer Zeit befanden sich hier die drei äußeren Ringstraßen, gesäumt von Bananenstauden und Dattelpalmen. Nun scheinen hier doppelt Mannshohe Kreuze zu wachsen und die Früchte scheinen menschliche Körper in jedem Stadium des Verfalls zu sein. Der Gestank ist unbeschreiblich und die Anzahl der Fliegen, die nun auch sie als Möglichkeit zur Eiablage entdeckt haben, ist mehr als nur lästig. Dazu kommt dieses ständige Geschwafel mit der Bitte um Erlösung von dem Kerl an dem Kreuz hinter ihnen. Der ist noch lebendiger, als jener, der jetzt vor ihnen am Boden liegt und um dessen Kreuz sie sich versammelt haben. Es ist eine Auswahl von Koras Begleitern und Freunden und von den roten Panzergardisten, die mit ihren Körpern und den schweren und überdeckt gehaltenen Schilden dafür sorgen, dass sie nicht von den zahllosen Bolzen der Gegner getroffen werden, sollten sie vielleicht doch noch entdeckt werden. Bislang wirkte die Beschwörung, die Gissor benutzt hat, um sie für ihren Gegner unsichtbar zu machen und hoffentlich bleibt das auch trotz der Fliegen um sie herum auch so. Ihr Ziel ist es, hier solange auszuharren, bis die Truppen ihres Gegners aus der Stadt kommen. Und dass die aus der Stadt kommen, ist Rules Aufgabe.

Es war zum Teil Koras Idee und zum Teil seine eigene. Wobei Verlo bei der großen Besprechung vor sechs Tagen den Eindruck hatte, Gissor hätte vielleicht ähnliche Gedanken gehabt, hätte sich aber mit seinen Ideen zurückgehalten. Die große Besprechung war nach jenem Vorfall am Morgen vor sechs Tagen notwendig geworden, um zum einen über die Moral im Heerlager zu sprechen, aber auch um über ihre Pläne im Allgemeinen und ihre Chancen und Möglichkeiten. Eines war an jenem Morgen allen deutlich geworden. Sie würden das Lager auf keinen Fall noch länger halten können. Ob mit, oder auch ohne die hinterhältigen Angriffe der Kreuzigungsaufforderung. Der Bericht von Warlos hatte gezeigt, dass es in Ringstadt keinen Gegner mehr gab, wie sie ihn sich vorgestellt hatten. Männer und Frauen, die offenbar von einem unbekannten Dämon besessen waren, hielten dort zum einen furchtbare Rituale ab, um angeblich den Kreuzigungen zu entgehen. Aber andererseits ist dieser Wald von Kreuzen der sichtbare Beweis dafür, dass diese Rituale nicht besonders wirksam zu sein scheinen.

„… war immer ein treuer Diener, Herr. Darum bitte ich dich inständig, erlöse mich. Ich war immer ein treuer Diener, Herr. Darum bitte ich dich…” ein dumpfer Schlag bereitet der tatsächlich nervtötenden Litanei ein Ende.

„War das jetzt wirklich nötig?” fragt Gissor und die Frau, die zu den engsten Begleiterinnen von Kora gehört, antwortet „Der schläft jetzt nur, Magister Ferall. Allerdings wird der beim Aufwachen ziemliche Kopfschmerzen haben.”

„Die hätte ich vermutlich, wenn der nicht bald seine Schnauze gehalten hätte. Danke Sliva.” sagt eine andere Frauenstimme und ringsum ist zustimmendes Gemurmel zu hören. Auch Verlo sagt schließlich „Solange wir unsere tatsächlichen Fähigkeiten nicht preisgeben können, ist das die beste Lösung gewesen, Meister. Und mal ganz ehrlich, hätte den jetzt nicht …” Verlo überlegt kurz wegen des Namens der Frau und sagt dann „… Sliva den Mann bewusstlos geschlagen, hätte ich das vermutlich gleich getan.”

„Ist ja schon gut! Ich habe verstanden, dass ihr nicht die Möglichkeit zur Entspannung erkannt habt, die das ständige Wiederholen dieser Worte mit sich brachte.”

Der Tonfall von Gissors Stimme ist jener, den er von früher kennt. Dieser besondere Tonfall, der ihnen verdeutlichen soll, wie dumm sie doch alle sind. Noch vor sechs Tagen, als sie ihre große Zusammenkunft vor Rule Scharfschwerts Zelt hatten, wirkte Gissor Ferall deutlich weniger selbstbewusst. Verlo und vor allem Kora hatten da ihren großen Moment. Zuvor hatten ihnen allen Koras Idee die Möglichkeit geboten, jene Gefahr abzuwenden, die durch den erneuten Angriff des unbekannten Dämons entstanden war. Es war auch Koras Idee, die offensichtliche Verbindung, die zwischen dieser Liv und einem Dämon mit dem Namen Jolo-Bolo bestand, für ihre Zwecke zu nutzen. Soll doch jener Dämon wissen, was sie Liv erzählten. Livs Anwesenheit zum Ende der großen Zusammenkunft, gehörte also dabei ebenso zu ihrer Idee, wie auch die Geschichte mit der Ohrfeige. Aber sie hat da ja auch gut reden. Schließlich ist sie es ja, die ihre Ohrfeigen austeilt. Sie muss die ja nicht einstecken.

Kora hatte bei jener Zusammenkunft vor sechs Tagen mehr als einmal im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit gestanden und Verlo hatten die zum Teil ganz offen lüsternen Blicke der meisten Männer gar nicht gefallen, die zu der Zusammenkunft gehörten und auch von jenen, die als Zuschauer um sie herumstanden. Klug und schön, hatte Rule zu Kora gesagt und es war ihr deutlich anzusehen, dass sie dieses Kompliment genoss. Vor allem von einem Mann von Rules Aussehen. Größer als die meisten anderen. Tatsächlich gutaussehend und jedes Kind in den sieben Ebenen kennt den Namen Rule Scharfschwert. Vielleicht auch in Rotbergen. Wer weiß das schon. Er selbst ist in Koras Augen ja kein richtiger Mann. Das hatte sie ihm ja an jenem Morgen, draußen vor dem Lager, mehr als deutlich zu verstehen gegeben. Die fand ausgerechnet eher an seinen Vater als an ihm Gefallen. Ausgerechnet!

„Ich glaube, es passiert was. Die scheinen aus einem der anderen Tore gekommen zu sein.” Es ist die Stimme des Riesen, der sie jetzt auf was auch immer aufmerksam macht. Und es ist kein Wunder, dass der solche Veränderungen als erster bemerkt.

„Hat das jetzt für uns irgendwelche Konsequenzen? Meinst du, die würden vielleicht in unsere Richtung kommen?” fragt Gissor und der Riese antwortet „Nein Herr. Das kann ich mir nicht vorstellen. Äh … Moment! Die kommen jetzt auch von drüben. Es sieht so aus, als ob die jetzt auch von der anderen Seite kommen würden. Die sind vermutlich zeitgleich aus dem Rapsöltor und dem Maisfeldtor gekommen. Die vom Maisfeldtor hatten lediglich den längeren Weg, Herr.”

„Eine Zange, oder?” fragt Verlo und er sieht den abfälligen Blick Koras, den die ihm zuwirft. Also erklärt er „Zangentaktik. Von zwei Seiten gleichzeitig zuschlagen.”

„Ich weiß was eine Zange ist, stell dir vor. Was glaubst du, mit was man ein abgenutztes Hufeisen vom Huf löst?” sagt die, als würde die sich bereits für die Ohrfeige in Stimmung bringen wollen und hinter sich hört er den leisen und kichernden Kommentar von dieser Evila, die der Ansicht ist, dass er sich eindeutig die falsche Frau für sein erfolgloses Werben ausgesucht hat. Dabei wirbt er gar nicht. Er hat es längst aufgegeben, daran zu glauben, Kora könne sich für ihn interessieren. Und wenn, dann lediglich, um ihm Ohrfeigen zu geben. Ha ha ha. Nein, sein gegenwärtiges Interesse an Kora beschränkt sich darauf, dass sie inzwischen ein Teil ihrer Gruppe geworden zu sein scheint, die Entscheidungen trifft, die über ihre nähere Zukunft entscheiden. Für eine junge Frau, die aus Rotbergen stammt und noch vor kurzem aus eigenem Bekunden nichts über die sieben Ebenen wusste, ist das in der Tat ziemlich beeindruckend.

Um jetzt auch etwas beizutragen, fragt er in die Richtung des Riesen gewandt „Kannst du uns bitte weiter über deren Bewegungen auf dem Laufenden halten, Jenaro? Wo stellen die sich auf, oder marschieren die in zwei getrennten Formationen?”

„Im Augenblick scheint es sich um zwei getrennte Formationen zu handeln. Ich denke, derjenige, der bei denen für die Planung verantwortlich ist, will wirklich eine Zangentaktik anwenden, Herr.”

„Und lässt sich etwas über die Größe der beiden Gruppen sagen?”

„Die marschieren in gewöhnlichen Formationen. Also in Kompanien aufgeteilt. Das macht das Zählen einfacher.” erklärt der große Krieger, als würde der mit einem begriffsstutzigen Kind sprechen. Verlo hat eine einfache Frage gestellt und eigentlich sollte er den Riesen jetzt darauf aufmerksam machen, dass eine einfache Angabe ausreichend wäre. „Also auf den ersten Blick würde ich die beiden Gruppen auf jeweils an die 1000 Krieger schätzen. Wenn man hier die ganzen Menschen an den Kreuzen sieht, frage ich mich, wo die jetzt noch so viele Krieger auftreiben können.”

„Um das herauszufinden, sind wir hier. Zumindest auch deswegen.” sagt Gissor, der nach wie vor am Boden sitzt und den sterbenden Mann vor sich liegen hat, den sie vorhin von seinem Kreuz abgenommen hatten. Sie hatten ja tatsächlich eine große Auswahl an sterbenden Menschen vorgefunden.

„Jetzt kann ich auch unsere Leute sehen. Die haben die großen Schleudern so ausgerichtet, dass die direkt auf uns zu zielen scheinen.” sagt Jenaro jetzt deutlich leiser, als zuvor und ergänzt „Der Gegner hat jetzt ein paar Dutzend Kämpfer über die Mauer bei dem zerstörten Kartoffelackertor geschickt. Die kommen direkt auf uns zu.”

„Vielleicht haben die uns doch entdeckt.” sagt die Stimme eines Mannes und weil der offenbar seinen Panzerhelm geschlossen hat, klingt die Stimme dumpf wie vom tiefen Grund eines Brunnens.

„Dann solltet ihr jetzt alle den Mund halten. Verstanden!?” es ist die befehlsgewohnte Stimme von diesem Unterhauptmann Roger Langaxt, der die kleine Einheit der Panzergarde anführt. Aber offenbar ist der Riese Jenaro der Ansicht, es sei wichtiger, sie über die Veränderungen zu informieren. „Die haben jetzt zwei weitere Kampfgruppen von den beiden anderen Toren auf den Weg gebracht. Das sind jetzt sicherlich noch einmal auf jeder Seite an die tausend.”

„Wenn die sich so vorbereiten und eine Strategie entwickeln konnten, wussten die rechtzeitig von unserer Ankunft.” sagt eine Frauenstimme leise „Das stinkt gewaltig nach Verrat.”

„Nein.” sagt Verlo ebenso leise. „Das bedeutet lediglich, dass Koras Idee gut war.” und spielt damit auf Koras Idee mit dieser Liv an. Die hat ihre Aufgabe wie geplant erfüllt. Bevor jetzt irgendjemand etwas dazu sagen könnte, knurrt der Unterhauptmann Langaxt „Spannt eure Armbrüste und macht euch darauf gefasst, dass wir gleich Kämpfen werden.”

Das ist dann der Augenblick, wo Gissor mit seiner schrecklichen Beschwörung beginnt und Verlo die seine vorbereitet. Jetzt muss alles schnell gehen, denn sie können es sich nicht erlauben, sich gegen einen übermächtigen Gegner zur Wehr setzen zu müssen.

„Du weißt noch, wann du an der Reihe bist?” fragt Verlo an Kora gewandt und die nickt lediglich, ohne einen Scherz auf seine Kosten zu machen. Verlo kann es spüren, wie sich Gissors Beschwörung entwickelt und als eine Gänsehaut seine Arme überzieht, spricht er seine Beschwörung mit einer kleinen Abwandlung, die ihm Gissor empfohlen hat. „Jetzt!” sagt er und er hat kaum ausgesprochen, als ihm Kora eine ihrer besonders kräftigen Ohrfeigen verpasst. Er reibt sich über seine linke Wange und nimmt sich vor, die einer besonderen Behandlung zu unterziehen, wenn das alles vorbei ist. Zu seiner Überraschung drückt ihm Kora dann einen Kuss auf seine Wange. Verflucht!

„Verdammt!” flucht er „Was soll das? Die Beschwörung ist noch aktiv und alles…” er schweigt, denn natürlich überträgt sich auch seine Verärgerung auf alle Menschen im Umkreis von ein paar Meilen. Er atmet tief durch und hofft, dass ihr Vorhaben trotzdem gelingt. Dann hört er das typische Geräusch von aufeinandertreffenden Klingen und die Kommandos von Unterhauptmann Langaxt, der die Panzergardisten auffordert, auf den anstürmenden Gegner zu schießen. Verlo richtet sich jetzt auf, verschafft sich kurz einen Überblick, geht zu jenem Gekreuzigten, den diese Sliva vorhin bewusstlos schlug, ergreift dessen Bein und spricht die Prallbeschwörung von Tosvestos. Im nächsten Augenblick reißt es die Kreuze vor ihnen aus dem Boden und nur einen Augenblick später gibt es zwischen ihnen und dem zerstörten Kartoffelackertor nur noch eine triste und leere Fläche, ohne Kreuze und ohne anrennende Angreifer. Er atmet ein paarmal tief ein und aus und lässt dann erst das Bein jenes Mannes los, der zuvor nach Erlösung flehte. Er hat ihn vermutlich nicht getötet. Er hat dem lediglich ein erhebliches Maß an Lebensenergie genommen. Er wird das in Zukunft häufiger tun müssen, wenn er nicht noch ausgezehrter aussehen will, als er es tut. Auf dem Marsch nach Ringstadt waren sie gleich am ersten Tag an den Ruinen von Gut Kornfeld vorbeigekommen. Es hatte sich gar nicht vermeiden lassen, dass er sein Spiegelbild in einer großen Glasscherbe sah und der Mann mit dem eingefallenen und vernarbten Gesicht, der ihm da entgegenblickte, war ihm völlig fremd gewesen.

Die Kommandos des Unterhauptmanns, der seine Leute jetzt wieder gegen einen neuen Gegner Aufstellung nehmen lässt, lenken seine Aufmerksamkeit wieder auf einen sich anbahnenden Kampf. Oder zumindest auf ein paar Krieger, die in ihre Richtung rennen. Andere stehen verwirrt herum und das ist der Moment, wo Gissor mit Stimmverstärkung ruft „Rule! Jetzt ist deine Zeit gekommen.”

Und ebenfalls stimmverstärkt, brüllt Rule Scharfschwert, in einer Lautstärke, dass der sicherlich noch in jeden Keller in Ringstadt zu hören sein wird „Männer und Frauen von Ringstadt, Krieger der sieben Ebenen und auch solche, die woanders herkommen. Wir haben den Bann gebrochen, der euch unter das Joch eines mächtigen Dämons zwang. Wir sind gekommen, um Ringstadt und die sieben Ebenen von dem Dämon zu befreien und wer sich uns anschließen will, ist uns willkommen. Wer sich uns entgegenstellt, wird ohne Gnade niedergemäht, wie reifes Getreide. Der wird mit Stumpf und Stiel ausgerottet, wie Unkraut. Heute kämpfen wir nicht für einen despotischen Usurpator oder dessen ebenso despotischen Vater. Heute kämpfen wir für unser Leben, unsere Familien, unsere Stadt und unser Land.”

Rule Scharfschwert schweigt für einen Moment und das Echo seiner Stimme hallt einen Moment nach.

„Ich werde jetzt nach Ringstadt gehen und die Stadt von dem Ungeziefer befreien, das es befallen hat. Wenn es sein muss, werde ich alleine gehen, denn ich bin Rule Scharfschwert aus Ringstadt, aber ich habe die Hoffnung, dass mir ein paar treue Mitstreiter folgen werden. Wer wird mich begleiten?”

Dieses Mal ist keine Stimmverstärkung erforderlich. Tausendfach ist der Ruf „Ich folge dir!” in unterschiedlichen Abwandlungen zu hören und diejenigen Gegner, die eben noch unschlüssig aus der Formation der Angreifer ausgetreten oder einfach stehengeblieben waren, stürzen sich auf diejenigen, die offenbar immun gegen ihre Beschwörung waren. Aber die Immunen waren zuvor bereits in der Minderheit. Es ist also keine große Überraschung, dass sich kurz darauf ein Heer in mehrere Glieder formiert, um jene Stadt einzunehmen, die sie vor etwas mehr als einer Umdrehung an einen Dämon verloren haben. Aber bevor der Angriff beginnt, sausen große Steine und kleine Felsen über Verlo und seine Begleiter hinweg und schlagen zunächst irgendwo in der Stadt ein. Die nächste Runde prallt aber bereits in der Luft, irgendwo in der Höhe der ersten äußeren Ringstraße, auf ein unsichtbares Hindernis.

„Ist der noch am Leben?” Gissor ist neben Verlo getreten und nickt zu jenem Mann am Kreuz, der eben bereits einen Teil seiner Lebensenergie für einen guten Zweck einsetzen musste.

„Ich denke schon, Meister.”

„Gut. Dann werden wir das jetzt leider ändern.” sagt Gissor sichtlich verärgert.

„Wartet Meister. Ich habe da noch eine Idee. Erinnert ihr euch an jenen Abschnitt in Al Bals Erinnerungen, in dem es um die Dummheit der Menschen geht?”

„Ich weiß jetzt vermutlich nicht, auf was du hinauswillst, Verlo. Können wir uns vielleicht später darüber unterhalten? Ich werde denen jetzt zeigen, dass auch ein Magister den einen und anderen Hammer schleudern kann.”

„Wie ihr meint, Meister Gissor. Aber bedenkt, dass ihr den Dämon damit vermutlich füttert, anstatt den zu bekämpfen.”

„Warte!” sagt Gissor nachdenklich und dann lächelt der verstehend, was bei seinem hageren Schädel so aussieht, als würde ein Totenkopf grinsen. „Natürlich! Du hast vermutlich recht. Ich glaube, ich erinnere mich wieder daran. Das war in einem deiner Briefe, die du mir von Gut Kornfeld sandtest. Da ging es um die Sterblichkeit von Göttern und Dämonen, nicht wahr.”

„Richtig, Meister. Wenn ein Gott in Vergessenheit gerät und niemand mehr an ihn denkt oder glaubt, dann kann der ebenso sterben, wie ein Mensch stirbt, wenn seine Zeit gekommen ist. Und das gilt auch für Dämonen. Es gibt doch diese Beschwörung des Vergessens, oder?”

„Die wäre fatal, Junge. Wenn wir die von hier aus anwenden, dann würde das Auswirkungen haben, die sich nicht überblicken lassen.”

„Dann muss ich eben in die Stadt. Dort befinden sich ja auch offensichtlich diejenigen, die weiter an diesen Dämon glauben und dem die Kraft geben, die der so einfach gegen uns einsetzt.”

Prallten eben noch weitere Felsen gegen ein unsichtbares Hindernis und schlugen sich in ihrer Nähe ein paar letzte Unbelehrbare mit Rules Kriegern herum, scheint es jetzt so, als würde die Welt die Luft anhalten.

„Ich werde Warlos Kettenhemd mitnehmen, denn der war neulich in der Stadt und weiß am besten, welchen Weg wir nehmen.”

„Und du wirst dabei umkommen, Verlo. Oder du wirst dein Gedächtnis verlieren.” sagt Gissor nach einem endlos scheinenden Moment entsetzt.

„Das mit meinem Gedächtnis ist das geringste Problem. Das kann ich ja schließlich auch an jemand übertragen. Zumindest die wichtigsten Dinge. Das kann ich mir dann anschließend zurückholen, wenn ich das überleben sollte. Das Gleiche gilt für meinen …” fast hätte er die Bezeichnung Vater für Warlos benutzt „… für Hauptmann Warlos. Es bedürfte allerdings zweier Menschen, die sich freiwillig als zwischenzeitliches Behältnis für unser Gedächtnis anbieten.”

„Ich mache das.” sagt zu seiner Überraschung die Stimme von Kora, die von ihnen beiden unbemerkt zu ihnen getreten sein muss und ihrer Unterhaltung gelauscht hat. Und beinahe noch überraschter ist Verlo, als Gissor sagt „Also gut. Es ist ein riskanter Plan, aber es ist ein guter Plan. Für Warlos wird sich sicherlich auch noch ein Freiwilliger finden lassen, der sich bereitwillig dessen Erinnerungen an Schlachten und Tavernen übertragen lässt und daher werde ich mit den Vorbereitungen beginnen.” dann dreht sich Gissor um und fordert den Unterhauptmann der roten Panzergarde auf, den Hauptmann der schnellen Fußtruppen so schnell wie möglich zu ihnen bringen zu lassen.

††Ω††

Erst als sie die Trümmer der einstigen Stadtmauer überwunden haben, gestattet sich Verlo, tief Luft zu holen und durchzuatmen.

„Du bist nichts mehr gewohnt, Verlo. Du läufst zu wenig und du hast keine Luft in deinen Lungen.” sagt Warlos leise und es klingt zu sehr nach väterlicher Ermahnung, als dass es Verlo unkommentiert lassen könnte. „Es war nicht meine Entscheidung, Hauptmann.” will er sagen, aber es klingt ein wenig atemlos, was dem Ganzen dann die Schärfe nimmt.

„Schon gut. Komm erst einmal zu Atem und dann sehen wir weiter. Sofern wir dann in der Dunkelheit dann überhaupt etwas sehen.”

„Das lass mal meine Sorge sein.” sagt Verlo, noch immer nach Luft ringend. Warum mussten sie jetzt auch rennen, als ob ihnen zwei Lasnas auf den Fersen wären?! Erst als er wieder ruhiger atmet und sicher ist, seine Bestias Beschwörungen der ersten Stufe auch sauber aussprechen zu können, spricht er die inzwischen vertrauten Worte. Es sind die Katzenaugen, die er für sich und Warlos beschwört und die erweisen sich tatsächlich als hilfreicher, als alles, was er an Waffen hätte mitnehmen können. Er trägt nämlich keinerlei Waffen zu seiner Verteidigung, denn jener Kurzspeer mit einer langen Klinge, mit dem er anfangs, nach dem Aufbruch von ihrem Heerlager, ein paarmal geübt hatte, um seiner Eitelkeit Genüge zu tun, würde ihn nur behindern. Außerdem hatte er von den Übungen Muskelkater bekommen, den er mit einer Beschwörung heilen musste. Nein, wenn er sich verteidigen muss, dann müssen es Worte sein. In Gissors Bibliothek, die ja laut Warlos noch intakt sein soll, gibt es ein bemaltes Holzschild mit der Aufschrift 'Worte sind mächtiger und schärfer als Schwerter' und tatsächlich kann dem Verlo nur zustimmen. Es sind vor allem die einfachen Worte und einfache Wortkombinationen aus Al Bals Levitationsbeschwörungen, die sie zügig vorankommen lassen. Wächter, die mit Wucht, den behelmten, oder auch den unbehelmten Kopf voran - im Endeffekt macht das keinen Unterschied - mit großer Wucht an Hauswände schlagen, dass zum Teil Steine herausbrechen, sind ein hervorragendes Beispiel für die Nützlichkeit dieser Beschwörungen. Am Blauen Tor fällt der Blick seiner Katzenaugen auf die Taverne, in der jenes Gespräch stattfand, mit dem man ihn vor mehr als einer Umdrehung für dieses Vorhaben vor dem inzwischen zerstörten Kartoffelackerstadttor gewinnen wollte. Die Taverne scheint tagsüber zu jenen wenigen Zielen zu gehören, die von der ersten Salve der geschleuderten Felsen getroffen worden waren. Alle weiteren waren an der unsichtbaren Mauer in der Luft gescheitert. Im Augenblick setzt man den sinnlosen Beschuss dennoch in unregelmäßigen Abständen fort. Man geht davon aus, dass dieses unsichtbare Hindernis zusammenbricht, wenn sie erfolgreich sind. Es wäre also eine Art Indikator für ihren Erfolg. Wenn der nicht zusammenbricht ….

Am Boden, oder vielmehr über den Trümmern der einstigen Stadtmauer, gab es dieses unsichtbare Hindernis jedenfalls nicht, was Warlos vorhin ja mit ein paar gut geworfenen Steinen festgestellt hatte. Er selbst wäre nach ihrem Spurt über die Ebene vor der Stadt nicht in der Lage gewesen, einen Stein zu werfen.

„Warte!” sagt Warlos und hält ihn mit kräftigem Griff am Arm fest. Es dauert einen Moment, bis Verlo den Wächter sieht, der sich in der Nähe des einstigen Hurenhauses aufhält. Ein hochgewachsener Mann mit einer riesigen Armbrust. Warlos will sich jetzt offenbar an den anschleichen, aber dieses Mal ist es Verlo, der sagt „Warte!”

Sein Griff an den Arm des geübten Kriegers fällt sicherlich weniger kräftig aus, aber trotzdem bleibt der stehen.

„Ich übernehme den. Aber dieses Mal werde ich das…” er nimmt einen faustgroßen Stein von den zahlreichen Trümmern von der Straße auf, wirft den in die Luft und benutzt eine einfache Prallbeschwörung „… ein wenig anders machen.”

Auch wenn der Wächter einen Helm mit Gesichtsschutz getragen hätte, was eindeutig nicht der Fall ist, hätte das den Stein nur unwesentlich gebremst. Mit der Wucht eines deutlich größeren Steines wäre der Helm ebenso zerdrückt worden, wie das jetzt auch ohne Gesichtsschutz der Fall ist. Für den Inhalt des Helmes hätte das keinen Unterschied bedeutet.

„Beim letzten Mal kamen wir durch die Gärten und über die Freitreppe in die Galerie im ersten Stock.” sagt Warlos leise, als sie dann das Blaue Tor passieren und sich dem inneren Stadtbereich um den Palast nähern. Als Gissor noch der Magister Magus von Fürst Ledolce war, dem dritten Träger dieses Namens, war er alle paar Tage hier gewesen. Er kannte hier jeden Pflasterstein und jeden Käfer, der über den Platz lief. Aber jetzt muss er sich erst einmal orientieren. Es sind nicht die beinahe zu erwartenden Kreuze, die auch hier auf dem Platz zu finden sind und auch nicht die ebenfalls allgegenwärtigen Trümmer. Es ist die große Anzahl an Köpfen, die man auf Spieße gesteckt, rings um die erste Ringstraße angeordnet hat. Was für eine Art irrer Dämon ist das, den dieser Idiot Lorente Federkiel in diese Welt ließ und diesen Fehler mit seinem Leben bezahlte?

„Wir sollten den Garten besser meiden.” sagt Warlos und deutet auf eine Gruppe Krieger, die sich dort niedergelassen zu haben scheinen. Wären das normale Krieger, würden die ein Feuer angezündet haben und vielleicht ein Würfelspiel spielen. Die würden sich mindestens unterhalten. Aber nicht diese dort. Überhaupt ist es in der Stadt unheimlich still.

„Natürlich solltet ihr den Garten meiden.” sagt eine merkwürdig klingende Stimme in ihrer Nähe. Erschrocken blicken sich sowohl Verlo als auch Warlos um.

„Hier!” sagen jetzt mehrere Stimmen gleichzeitig und es wird Verlo bewusst, dass es die körperlosen Köpfe sind, die jetzt im Chor sprechen.

„Ihr könnt gerne die Tür benutzen, denn ich habe euch bereits erwartet.”

„Scheiße!” sagt Warlos und Verlo sagt entschieden „Du bleibst jetzt hier, oder nein, du gehst zum Lager zurück. Berichte Gissor was du hier gesehen hast. Vielleicht hat er ja noch eine andere Idee.”

„Das kommt gar nicht in Frage. Ich gehe mit dir dort rein und wenn es das Letzte ist, was ich mache.”

„Es wird das Letzte sein, was du tust, Vater!” Verlo benutzt dieses Wort jetzt mit Berechnung. „Es reicht aus, wenn einer von uns beiden stirbt. Du bist gut darin, Dinge zu berichten und vor allem kannst du schnell laufen. Viel schneller als ich.”

„Als ob mir das jetzt noch was nützen würde. Ich gehe mit dir dort rein. Punkt.”

Ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren, setzt sich Verlo in Bewegung und rezitiert in Gedanken jene Worte, die er dort drinnen gleich so laut es geht, aussprechen wird. Er ist davon überzeugt, dass der Dämon eitel genug ist, um ihn zu Wort kommen zu lassen. Das sich öffnende Hauptportal des Palastes macht es ihm leicht, die Richtung zu finden, in die er zu gehen hat. Aber bevor er überhaupt in die Nähe des Portals tritt, murmelt er eine Levitationsbeschwörung, die dafür sorgt, dass der Mann hinter ihm vom Boden abhebt und zehn Fuß über dem Pflaster in der Luft stehen bleibt.

„Scheiße! Warum habe ich nicht damit gerechnet. Verflixter Bengel!” hört er Warlos rufen. Warum soll er das Risiko eingehen, dass der Dämon nur mit ihm und nicht mit seinem Begleiter sprechen will.

Kaum hat er das große Portal durchschritten, als es sich hinter ihm krachend schließt.

„Willkommen, Junge. Ich bin überrascht, dass man einen Jüngling schickt. Bist du derjenige, der am Dümmsten oder derjenige, der am meisten entbehrlich ist.”

„Ich bin derjenige, der dich nach deinem Namen fragen soll, Mächtiger.”

„Nach meinem Namen? Ja wie dumm meint ihr, dass ich wäre. Niemals würde ich meinen Namen verraten.”

„Nun, es war nur ein Akt der Höflichkeit, Mächtiger. Wissen muss ich ihn nicht und vielleicht ist der ja auch nicht von Bedeutung. Ich weiß nur immer gerne, mit wem ich es zu tun habe.”

„Was für eine Enttäuschung! Als ich dich durch die Straßen kommen sah, freute ich mich bereits auf einen netten Zeitvertreib, bevor ich deinen Kadaver zerteile, aber du bist es noch nicht einmal wert, dass ich mit dir rede.”

„Obliviscatur te erit! Nemo scit, cuius esses status! Et nunc est in aeternum omnes.”