Hartmut Emrich

Autor und Herausgeber

Buch der Woche KW 20-21/2022

Auf dieser Seite stelle ich gelegentlich Auszüge aus einem meiner Bücher als kleine Leseprobe ein.

In den folgenden Wochen bringe ich wieder Auszüge aus dem Buch 'Räder der Freiheit'

Das zweite Kapitel - Unterkapitel 3


März/April 2013

DER JAHRESTAG IN DER NACHT

 

Dienstag-16-April-2013 - 00:10
Die große Anstrengung lässt seine Hand zittern, als hätte er Parkinson in einem fortgeschrittenen Stadium. Nein, so wird das nichts.
„Es tut mir leid, aber ich muss dich um deine Hilfe bitten. Du musst das Schloss öffnen.“
„Aber ich habe so etwas noch nie getan.“ antwortet sie und es hätte ihn auch gewundert, wenn sie darin geübt wäre, den Schließzylinder einer Tür mit einem Stück Draht, einem Taschenmesser und mit viel Gefühl zu öffnen.
„Ich helfe dir dabei.“
„Wir müssen das nicht tun, Rainer. Lass uns einfach wieder zurückgehen.“ schlägt sie vor, aber das kommt gar nicht in Frage. Sie haben einen wunderbar klaren Himmel; sie haben einen zunehmenden Drittelmond, der nicht zu hell ist, um den Himmel zu dominieren, aber ihnen beim langsamen Aufstieg vom Parkplatz herauf den Weg zwischen den hohen Buchen ausleuchtete; und er hat heute einen besonderen Grund, sie hier oben auf den Turm auf dem höchsten Punkt des Vogelsbergs gelotst zu haben. Es hatte sich gestern so ergeben, weil sie sowieso in der Gegend waren. Eine Bürgerinitiative, die sich gegen den Wasserraub Frankfurts zur Wehr setzen will, hatte Sophie eingeladen, um an einer Veranstaltung in Brachttal teilzunehmen. Die Veranstaltung hatte aber bestenfalls den Umfang einer größeren Familienfeier und es war nur zu deutlich gewesen, dass man sich mit einem Auftritt der inzwischen bekannten Sophie Lohrberg ein wenig mehr Aufmerksamkeit versprach. Er hat inzwischen das Interview gesehen, das sie am Karfreitag gab, als sie mit einem Fernsehjournalisten nach Bad Nauheim fuhr, um ihren Frieden mit ihrem Vater zu machen. Sie hatte ihm vor ein paar Tagen davon erzählt, wie das in dem Sterbezimmer war und sie hatte sich zum fünften oder sechsten Mal bei ihm für ihren Angriff gegen ihn entschuldigt.
„Mit der Klinge des Taschenmessers übst du ein wenig Druck auf den Schließmechanismus aus und mit dem Draht öffnest du einen Stift nach dem anderen. Unter normalen Umständen würde ich höchstens eine Minute dafür brauchen. Aber normale Umstände wird es für mich nicht mehr geben.“ er drückt ihr das Werkzeug in die Hand, um die verschlossene Tür zu öffnen, die es vor 39 Jahren noch gar nicht gab. In seiner Erinnerung gab es hier nur eine unverschlossene Blechtür. Es war hier oben auf den Vogelsberghöhen gewesen, wo er vor fast genau 39 Jahren das Schlösserknacken lernte. Er hatte damals mit einem Jungen aus Offenbach Freundschaft geschlossen, der mit seiner Schulklasse ebenfalls in dem damals noch existierenden Landschulheim auf dem nahen Hoherodskopf nach den Osterferien 1974 über eine Woche lang Naturkunde vor Ort lernen sollte. Als Sohn des Oberstudienrats Rienäcker gab es kaum noch etwas, was er über die Natur hätte lernen können. Doch Alexander, jener Junge aus Offenbach, verfügte als Sohn eines Schlossers und Betreiber eines Schlüsseldienstes über nützliches Wissen, das er sich während jener Zeit aneignen durfte. Und es war jener Alex, der damals die Idee hatte, mitten in der Nacht auf den Turm zu steigen. So, wie ihm Alex damals das Öffnen verschlossener Türen an der Haustür des Landschulheims beibrachte, bringt er Sophie jetzt diese Fertigkeit bei, wie man sich trotz einer verschlossenen Tür Zutritt verschaffen kann. Sie stellt sich gar nicht so ungeschickt an. Nach gefühlten fünf Minuten öffnet sie die Tür und ihr ist der Stolz anzuhören, als sie sagt „Bitte sehr, der Herr.“
Innen müssen sie dann Sophies Taschenlampe einsetzen, denn in dem Turm ist es stockdunkel. Er hatte das Innere des Turms anders in Erinnerung, was vielleicht daher rührt, dass er früher nie eine Chance ausließ, so einen Turm zu besteigen. So vermischen sich seine Erinnerungen über das Aussehen des Inneren des Turmes vermutlich mit anderen Türmen. Aber es ist ja nicht das Innere des Turms, es ist die umlaufende Plattform, die für ihn von Interesse ist. Er lässt sich Zeit, die vielen Stufen der Wendeltreppen aus Stein und schließlich aus Stahlgitterelementen nach oben zu steigen.
„Und das ist wirklich nicht zu anstrengend?“ fragt Sophie ein paarmal, aber er ist so außer Atem, dass er darauf verzichtet, ihr zu antworten. Früher war er mehrfach am Tag die Treppen ’seiner’ Mischanlagen nach oben gerannt, und diese waren zum Teil bis zu 35 oder 40 Meter hoch. Der etwas mehr als 20 Meter hohe Bismarckturm auf dem Taufstein wäre damals keine wirkliche Herausforderung für ihn gewesen. Oben angekommen, wartet er erst einmal einen Moment, bis er dann atemlos fragt „Und?“
„Tagsüber sieht man vielleicht ein wenig mehr von der Landschaft, als heute Nacht.” antwortet sie enttäuscht klingend und fragt „Kann man von hier bis nach Frankfurt sehen?”
„Nein.” antwortet er und spürt, wie es seinem Schrittmacher gelingt, seinen rasenden Puls zu stabilisieren. Natürlich hat man ihm davon abgeraten, seinem Körper in der nächsten Zeit solche Belastungen zuzumuten. „Der Blick nach Süden wird durch den Hoherodskopf und die Bäume verstellt. Aber in alle anderen Richtungen kannst du von hier weit in die Welt blicken. Als wir damals als Kinder hier oben waren, sagte man uns, man könne von hier bis in die DDR blicken.”
„Und auf die Windgeneratorendisko.” antwortet sie von der anderen Seite der Plattform. Natürlich ist sie weitergegangen. Warum auch nicht? Schließlich sind sie wegen der Aussicht hier oben, die heute Nacht vor allem wegen des Sternenhimmels beeindruckt. Und als er ihr nach rechts folgt, kann er erkennen, was sie zu dieser Bemerkung mit der Windgeneratorendisko veranlasste. Zahllose rot blinkende Lichter bestimmen beinahe endlos wirkend die nächtliche Aussicht nach Westen. Die standen damals natürlich noch nicht. Damit fing man erst Ende der 80er oder zum Beginn der 90er Jahre an. Er kann sich sogar noch daran erinnern, dass das nicht weit von hier war. In Hartmannshain. Machbarkeitsstudien der gesamten Generatorenhersteller in Deutschland und in Europa wurden hier im Vogelsberg erprobt, um dann in der halben Welt umgesetzt zu werden. Er kennt diesen zwei Seiten langen Artikel in der FAZ, die man damals an Bord der Lufthansa Flüge immer kostenlos verteilte und weil das den Vogelsberg betraf, las er das natürlich aufmerksam durch, während er wieder einmal in den Irak flog. Damals verbrachte er mehr Zeit im Nahen Osten, als woanders in der Welt.
„An und für sich eine nützliche Sache, diese Windgeneratoren.” sagt Sophie, während sie sich eng an ihn drückt.
„An und für sich? Das hört sich an, als würde da ein dickes Aaaber! folgen.”
„Natürlich. Wie bei allem, wo die finanziellen Interessen von Großkonzernen eine Rolle spielen und wo die finanziellen Befindlichkeiten von korrupten Politikern, oder lokal einflussreichen Menschen befriedigt werden können, treiben mit einem Mal unsinnige Auswüchse in der weiteren Entwicklung irre Blüten, dass man ein steifes Genick vom Kopfschütteln bekommt. Kannst du dich noch an diese irrsinnige Kehrtwende in der Energiepolitik der Kanzlerin erinnern? Das war unmittelbar nach Fukushima, als die Kanzlerin aus wahlstrategischen Gründen wie eine Eiskunstläuferin diese politische Pirouette vollführte. Die hatte noch kurz zuvor die bereits beschlossenen Vereinbarungen zur Energiewende der vorherigen Regierung aus SPD und Grünen auf Forderung der Energiekonzerne zuerst rückgängig gemacht und nach Fukushima dann doch wieder auf den Weg gebracht. Nicht nur, dass das den Steuerzahler etliche Milliarden Euro kostet, die in die Taschen der Konzerne fließen. Es ist ein Beispiel für die Konzeptlosigkeit der Politik. Und dabei sollte es doch gerade eine promovierte Physikerin besser wissen.”
„Ich erinnere mich. Atomausstieg bis 2022. Auf Biegen und Brechen. Aber ich muss gestehen, dass mir das Thema der Atomenergie noch nie besonders am Herzen lag. Die Planlosigkeit bei der Entsorgung der Brennstäbe und die Gefahren, die von diesen Kraftwerken ausgehen, haben ja Three Mile Island, Windscale, Tschernobyl und Fukushima deutlich gezeigt.”
„Three Mile Island, Windscale?” fragt sie überrascht klingend und so kramt er in seinem Gedächtnis.
„Das Three Mile Island Kraftwerk bei Harrisburg entging irgendwann Ende der 70er gerade so einer gewaltigen Katastrophe. Ich war damals noch in der Lehre als Elektriker und das war damals über Wochen hinweg ein Thema. Wenn ich mich richtig erinnere, gab es damals eine Kernschmelze im Reaktor, aber das war wohl nicht so schlimm, wie in Tschernobyl. Und Windscale, das heute … warte… ich muss überlegen.” und das muss er tatsächlich. Es heißt, dieser Schlaganfall hätte nicht nur seine Motorik geschädigt, sondern auch einen Teil seiner Festplatte gelöscht. Manche Erinnerungen wären völlig verschwunden und andere nur zum Teil. Bei Erinnerungen, die völlig verschwunden sind, ist das ja nicht schlimm, denn, wenn man nicht mehr weiß, dass man diese Erinnerungen einst besaß, dann fehlt einem ja auch nichts. Schlimmer ist es bei jenen Erinnerungen, von denen noch Fragmente vorhanden sind. „Sellafield!“ ruft er beinahe triumphierend und erleichtert, sich an eine so unbedeutende Erinnerung zu erinnern. „So heißt das heute. Jedenfalls gab es damals in den 50er Jahren einen schweren Unfall, bei dem große Mengen an Radioaktivität freigesetzt wurden. Ich habe davon damals erst nach Tschernobyl erfahren, als in den Medien mit einem Mal alle schlimmen Unglücke aus den Archiven gekramt wurden, die zuvor bereits im Westen stattfanden. Wahrscheinlich sorgten die Russen dafür, um damit von deren Problemen und Unzulänglichkeiten abzulenken. In Windscale kamen tatsächlich zahlreiche Menschen ums Leben und es ist bewiesen, dass es noch heute, also gut 60 Jahre später, in der Region im Nordwesten Englands und des südwestlichen Schottlands ein überdurchschnittliches Vorkommen an Leukämie und Lungenkrebs gibt. Aber wir kommen von den Windgeneratoren ab. Du wolltest mir was dazu sagen. Du sprachst von Konzeptlosigkeit.”
„Allerdings. Da gibt es eine Kampagne, die gegenwärtig von einigen Studenten vorbereitet wird, die mich gelegentlich mit meinen Aktionen unterstützen, deswegen bin ich da im Thema.”
Er sieht sie auf die vielleicht hundert oder 150 roten Blinklichter deuten, die man vom Turm aus in Richtung Westen, also in Richtung Gießen in der näheren Umgebung des Vogelsbergs sehen kann. Weiter weg, am Übergang des schwarzen Horizonts zum nächtlichen und klaren Nachthimmel, dort wo man den Westerwald und das Siegerland erahnen kann, sind noch weitere hunderte Blinklichter zu sehen.
„Was meinst du, wie lange die da noch stehen werden?” fragt sie zu seiner Überraschung und er ist sich nicht sicher, wie er die Frage verstehen soll. „Meinst du die Lebensdauer?” fragt er daher nach.
„Ich meine zunächst den Zeitraum der staatlichen Förderung für jeden einzelnen dieser blinkenden Generatoren. Nach 20 Jahren läuft die Förderung durch die erhöhte Stromvergütung aus. Und nach 20 Jahren erfolgt zum ersten Mal eine technische Überprüfung für so einen Windgenerator, den Turm und die Fundamente. Ich habe eine Studie zuhause liegen, die vom Verband der Hersteller dieser Generatoren vor einem Jahr herausgegeben wurde. Der Artikel des DEWI, also des deutschen Windenergie Instituts von 2011, beschreibt ungewöhnlich sachlich …” „Entschuldige, wenn ich dich unterbreche. Aber wie meinst du das mit dem 'ungewöhnlich sachlich'?”
„Eigentlich müsste man ja vermuten, dass man als Hersteller von Windkraftanlagen nur die Vorteile herausstellt und nichts über die Nachteile sagt. In jenem Artikel geht es vor allem um die Offshore Parks und die Frage, ob man diese nicht priorisieren sollte, weil die effektiven Laufzeiten jener Offshore Anlagen länger und der Verschleiß geringer sei. Daher werden jene Windparks wie diese da…” Sophie deutet wieder nach Westen „… in jenem Bericht des DEWI tatsächlich sehr kritisch beleuchtet. Die Anlagen im Binnenland unterliegen demnach einer deutlich höheren Belastung und einem deutlich höheren Verschleiß. Und wenn nach 20 Jahren die Flügel, die Fundamente, oder was Anderes durch die Gutachter beanstandet wird, was gemäß dieses Artikels bei 60 Prozent der Anlagen der Fall sein soll, müsste man mit Instandsetzungskosten von mehreren zehntausend Euro rechnen. Also je Windkraftanlage, versteht sich. Und wenn du dorthin blickst, siehst du zahlreiche Anlagen, die zeitgleich errichtet wurden. Für die Besitzer, oder Betreiber solcher Windenergieparks mit zahlreichen Einzelanlagen ist es meist billiger, die Anlagen wieder abzubauen, denn nach dem Auslaufen der Förderung gibt es ja nur noch zwei Cent für die Kilowattstunde anstatt der zuvor subventionierten sieben Cent, wodurch sich die Dauer des Return of Invest deutlich verlängert. Man könnte jetzt natürlich nachdenken, wieder eine neue Anlage auf die gleiche Stelle zu setzen, für die es wieder eine Förderung gibt. Aber weil sich die Technik inzwischen veränderte, wurden auch die technischen Vorgaben inzwischen angepasst. Die Türme müssen höher und die Leistungen müssen größer sein.”
Es dauert einen Moment, bis er versteht und Sophies Ausführung ergänzt „Und die alten Fundamente sind inzwischen zu klein. Und weil man mal nicht eben so ein Fundament anpassen kann, müsste man das aufwändig rausreißen und gemäß den neuen Anforderungen entsprechend neu bauen.”
„Richtig. In dem Bericht geht man davon aus, dass in dreizehn Jahren 40 Prozent der heute existierenden Windkraftanlagen stillgelegt und abgebaut werden. Das ist dann in 2026; also vier Jahre nach dem Ausstieg aus der Atomkraft. Natürlich beantwortet dieser Artikel nicht die sich logischerweise ergebenden Fragen, wie es dann weitergehen soll. Das ist ja auch nicht deren Aufgabe. Das wäre die Aufgabe des Wirtschaftsministeriums und allgemein die Aufgabe jener Menschen, die sich im Wählerauftrag damit befassen müssten.”
„Die sich aber nicht damit befassen, weil niemand in der Politik weiß, was in vier Jahren ist, geschweige denn in dreizehn Jahren. Und der letzte Politiker, der wirklich langfristig zu planen versuchte, wurde abgeschossen und durch die gegenwärtige Kanzlerin ersetzt.” schlussfolgert er.
„So ungefähr.” stimmt sie ihm zu und versucht ihn zu sich zu drehen. Die gut 20 Zentimeter kleinere Frau hätte damit vor drei Jahren keinen Erfolg gehabt. Damals würde sie ihn keinen Zentimeter bewegt haben. Aber seither ist er nur noch ein Schatten seiner selbst. Er hat den Eindruck, dass er nach seiner Entlassung aus der Klinik in Bad Nauheim noch weiter an Gewicht verlor, denn die Hosen und die Hemden schlabbern noch mehr, als zuvor. Er setzt ihrem Vorhaben aber auch keinen Widerstand entgegen und lässt es zu, dass sie seinen Oberkörper ein wenig zu sich zieht, während sie sich auf die Zehenspitzen stellt. Genau vor drei Jahren, in der Nacht vom 15. auf den 16. April 2010 waren sie sich in der Hotelbar jenes Hotels auf Teneriffa zum ersten Mal begegnet und er hatte nicht gewusst, dass man sie erst kurz zuvor vergewaltigt hatte. Sie war sturzbetrunken und hatte ihn lediglich bitten wollen, dem Barmann etwas zu erklären. Er hatte sie für eine Prostituierte gehalten und sich ihr gegenüber unmöglich verhalten. Sie küsst ihn und sagt „Ich kenne nur wenige Menschen, mit denen ich mich so wie mit dir unterhalten kann. Du nimmst das ernst, was ich sage und stellst das nicht gleich in Frage, bloß weil ich eine Frau bin.“
„Eine verdammt gutaussehende Frau vor allem. Ist das auch der Grund, warum du dir deine Haare rot färbst? Du hast mir ja damals auf der Fahrt von Madrid von deinem Professor erzählt, der diese Geschichte mit den Blondinen brachte.“
„Heinrich hatte wirklich recht, das habe ich in den letzten Jahren oft genug erlebt. Als blonde Frau …“ „Als gutaussehende blonde Frau.“ „Also gut. Als gutaussehende blonde Frau wird man tatsächlich sofort in die Schublade des Dummchens gesteckt. Man traut Blondinen nicht zu, fehlerfrei bis drei zählen zu können und hätte man Heinrich damals nicht umgebracht, wäre es sicher interessant geworden, wie sich dem sein Projekt mit mir als Aushängeschild entwickelt hätte.“
„Fand man denn eigentlich jemals heraus, was damals wirklich geschah? Man hatte sich ja auf dich als Täterin eingeschossen und deswegen kann man ja davon ausgehen, dass die Polizei nicht damit rechnete, dein Heinrich und seine Frau hätten sich gegenseitig getötet. Es gab also jemand anderes, oder?“
Sophie - dieser Name passt tatsächlich besser zu ihr, als Margot - schweigt einen Moment und antwortet dann „Ich habe oft über alle möglichen und unmöglichen Szenarien nachgedacht. Ich dachte auch über eine Verschwörung nach, der Heinrich möglicherweise zum Opfer gefallen sein könnte. Schließlich hatte er ja damals, so unmittelbar nach der Wende, ein paar sehr kritische Artikel veröffentlicht, die vor allem mit dem damaligen Bundeskanzler sehr hart ins Gericht gingen und dem Umstand, dass Westdeutschland damals ohne die Wiedervereinigung durch die Subventionspolitik der damaligen Regierung kurz vor einer Staatspleite stand. Und zurückblickend kann man ja mit Fug und Recht behaupten, dass die deutsche Wirtschaft ja nicht wegen, sondern trotz der Politik funktionierte. Aber deswegen einen Mann wie Heinrich Thielen umbringen zu lassen…?“
„Warum nicht? Wenn du zum Beispiel als Weißer durch die einschlägigen Stadtviertel im Hafen von Port Lagos unterwegs bist, kann es dir passieren, dass man dich wegen eines Päckchen Zigaretten umbringt. Der Wert eines Menschenlebens ist relativ. Das habe ich in den letzten drei Jahren mehr als einmal an meinem eigenen Körper erfahren müssen. Je nachdem, ob die Berufsgenossenschaft, die Krankenkasse oder wer auch immer das zu bewerten hatte. Gesetzt den Fall, dein Professor würde unbequeme oder sogar gefährliche Studien betrieben haben…“ er muss noch einmal wegen dessen Fachbereichs nachfragen „… in was hattest du den damals eigentlich?“
„Heinrich war damals der Leiter des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften, aber er war auch Soziologe. Und ich habe dir ja bereits von seiner Skepsis hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung der Gesellschaft erzählt. Und seit ich mich seit ein paar Jahren selbst aus eigenem Interesse damit beschäftige, weiß ich, das Heinrich in jenem letzten Gespräch mit mir noch nicht einmal an der Oberfläche kratzte, als der mein Interesse wecken wollte.“
„Ich bin ja nur Ingenieur. Mit was genau beschäftigt sich ein Soziologe?“
„Hast du schon einmal den Begriff ’Gesellschaftswissenschaftler’ gehört? In Grunde genommen beschäftigt sich die Soziologie mit allem, was das Zusammenleben von Lebewesen betrifft. Es gibt ja auch bei anderen Lebewesen ein ausgeprägtes Sozialverhalten. Insekten zum Beispiel. Aber Heinrich befasste sich mit jenem Bereich der Soziologie, die er während seines Studiums in Frankfurt durch einen noch heute als einen der bekanntesten Soziologen vermittelt bekam. Sagt dir der Name Theodor Adorno was?“
„War das nicht ein Philosoph?“
„Unter anderem. Ich muss gestehen, dass ich keine Ahnung hatte, wer das ist, bevor ich mich nach dem Tod Heinrichs für dessen Leben zu interessieren begann. In den Jahren, als ich für Gerd die finanzielle Seite von dessen Handel leitete, suchte ich im Internet nach allem, was ich über Heinrich finden konnte, denn genau diese Frage trieb auch mich um, die du eben stelltest. Wer könnte vom Tod Heinrichs profitieren. Denn eines ist sicher: Sein Tod ist nach wie vor unaufgeklärt und sein Mörder läuft noch immer frei herum.“
Sie rückt noch ein wenig enger zu ihm und er kann ihr Haarfärbemittel und einen feinen Hauch eines Parfums riechen. Er verfügte noch nie über die Fähigkeit, einem Duft einen Namen oder einem bestimmten Aroma den Namen einer Frucht zuordnen zu können, aber er fühlt sich an jene lange Autofahrt von vor drei Jahren erinnert. Eine Erinnerung, die nicht von seiner Festplatte gelöscht wurde. Er drückt sie so fest an sich, wie er sich das zutraut und streicht ihr über das nicht mal mehr schulterlange Haar. Damals trug sie ihr Haar sehr lang; bis weit über die Schulterblätter. Er ist jetzt so tief in seine Erinnerungen versunken, dass er gar nicht bemerkt, wie sie weiterspricht „… Ich lernte dabei auch viel über Zusammenhänge zwischen den eher greifbaren Bereichen der Naturwissenschaften wie der Physik und den sehr theoretischen Ansätzen in der Philosophie und der Soziologie. Es gab bis in die Mitte der 80er ein MPI Zweig in Starnberg, der sich als Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt mit beinahe allen Fragen der Wissenschaftstheorie befasste. Ich glaube, es gab keine Frage, die von diesen Leuten nicht gestellt und auf die nicht eine passende Antwort gesucht wurde. Und in den drei letzten Jahren lernte ich noch deutlich mehr dazu. Ich … also … ich hatte einmal eine Affäre mit einem von Samiras Liebhabern, weißt du.“
Er kann hören, wie schwer ihr das zuzugeben fällt und natürlich fragt er sich, warum sie es ihm denn dann überhaupt erzählt. Es entsteht eine peinlich wirkende Pause und als er nichts sagt, fährt sie fort „Navid Khorosani ist Professor an der Uni in Frankfurt und der ist zehnmal gebildeter, als ich das jemals sein werde. Wenn du möchtest, kann ich dich mit ihm bekannt machen. Jedenfalls definierte er den Begriff ’Think Tank’ völlig neu und mit einem Mal erscheinen solche Gedankenmodelle wie jenes von dem französischen Wirtschaftswissenschaftler Jacques Attali gar nicht mehr so absurd.“
„Du meinst diese Idee mit dem Virus, das einen Teil der Menschheit tötet und das man dann zu einer großen Epidemie erklärt, um dann mit einer vorgeblichen Schutzimpfung eine gezielte Auswahl an Menschen aus dem Weg räumt? Dieses Euthanasieprogramm?“ fragt er und ihm fährt ein eiskalter Schauer über den Rücken. Anstatt ihm seine Frage zu beantworten, sagt Sophie aufgeregt „Schau! Sie mal!“ und dreht ihn um. Er kann gerade noch ein Schemen über den Himmel sausen sehen. Und wie bei einem sogenannten Goldregen-Feuerwerk nachglühende Partikel, die noch einen Moment eine deutlich erkennbare Spur bilden. Das muss eine ziemlich große Sternschnuppe, oder besser gesagt, ein großer Meteor gewesen sein. Und dann sagt sie „Es gibt ein bereits mehr als 46 Jahre altes Buch eines Science-Fiction Autors, das sich mit einer Lösung des Problems der Überbevölkerung und der Nahrungsmittelknappheit befasst. Make Room …“ „Entschuldige. Du meinst das Buch von Harry Harrison, nicht wahr.“
„Ich habe mir lediglich den Titel gemerkt. Navid empfahl mir das Buch. Und tatsächlich kann man die Grundidee in der Handlung recht gut mit der Problemstellung beschreiben, um die es im weitesten Sinn bei all diesen Szenarien geht, die sich unglaublich gebildete Menschen in ihren Glastürmen ausdenken. Das Max-Planck-Institut in Starnberg, also jene Einrichtung, die es ja seit bald 30 Jahren nicht mehr gibt, ist laut Navid eine eher harmlose Plauderrunde, gegen vergleichbare Institute in anderen Ländern. Massenmord und Kannibalismus sind für solche hochgebildeten Zukunftsstrategen längst keine Tabu-Themen mehr.“
Sophies leise gesprochene Worte lassen ihn an den Film mit Charlton Heston denken, dessen Vorlage dieses Buch von Harry Harrison ist. Soylent Green heißt dieser Film und diese Geschichte, in der Menschen ab einem bestimmten Alter getötet und zu grünen Plätzchen verarbeitet wurden und die kam ihm in seiner Jugend überzogen und absurd vor. Aber wie sagte Sophie eben? ’Ich glaube, es gab keine Frage, die von diesen Leuten nicht gestellt und auf die nicht eine passende Antwort gesucht wurde.’ Schaudern blickt er auf die Generatorendisko und lenkt seine Gedanken wieder zu jenem Thema, das sich allmählich zu einer Idee entwickelt „Um noch einmal auf deinen Professor zurückzukommen und dem Grund, warum der ermordet wurde. Also nur mal angenommen, der Mord fand gar nicht wegen dem, sondern wegen dessen Frau statt. Also ich sage das ja nur, um auch diesen Aspekt nicht aus den Augen zu verlieren.“
„Warum interessiert dich das so sehr, Rainer?“
„Wegen dir.“ antwortet er und trotz der Erwähnung dieses Professor Navid, was ein kurzes Aufflackern einer Eifersucht bewirkte, sagt er „Und weil du mir so viel bedeutest. Und bevor noch einmal etwas passiert, was mich davon abhält, es dir zu sagen, solltest du wissen, dass ich dich liebe. Ich hatte es deiner Freundin Samira kürzlich schon gesagt, …“ er atmet tief ein und aus. Sie haben sich in den letzten drei Wochen über vieles unterhalten, was seine Zeit im Krankenhaus und in der Reha betrifft. Auch den Unfall an sich beschrieb er ihr. Aber jenen Moment, als er zum ersten Mal starb „… bevor ich zum ersten Mal starb, sah ich dich vor mir und ich bedauertet es sehr, dich nicht mehr wiedersehen zu können.“
Es ist völlig still auf den Turm und nicht mal ein leises Säuseln des Windes ist zu hören. Irgendwo im Wald fiept ein Tier und dann ist das ’’Kumm-mit’ oder ’Kuwitt’ eines Käuzchens zu hören. Seine Oma Elise, die Großmutter mütterlicherseits, sagte immer, der Ruf des Käuzchens würde den Tod eines Menschen ankündigen. Aber das ist Blödsinn. Es sterben mehr Menschen, als es Käuzchen auf der Welt gibt und die müssten dann Überstunden bis in den Tag hineinmachen, um alle Tode anzukündigen.
„Ich … ich … also ich war so enttäuscht, als du dich nicht meldetest. Wie hätte ich das auch ahnen können.“ sagt sie schließlich und wieder ist da diese Verzweiflung zu hören; sowie an jenem Dienstag nach Ostern, als er von der Punkerfrau Samira nach Seckbach gebracht wurde und erfuhr, dass der Lohrberg, eine Erhebung zwischen Seckbach und Vilbel, Namenspate für die frühere Margot Müller war. An jenem Tag fand er auch einen Platz in dem früheren Fahrradladen, von dem man noch die längst entfernten Buchstaben auf der Außenfassade über dem früheren Schaufenster erkennen kann. Rad & Tat. Kurz und knapp. Aber der Besitzer war zu alt und ohne Nachfolger gewesen. Ein erfolgreiches Geschäft weniger. Die frühere Fahrradwerkstatt dient Sophie und Samira nun als Büro und in der Wohnung darüber gibt es ein paar kleine Räume, in denen einst die Familie des Fahrradhändlers lebte, dessen Kinder bessere Jobs fanden, als Fahrräder zu verkaufen und zu reparieren. Vor allem, seit auch Fahrräder zu Wegwerfprodukten ’made in China’ wurden. Fahrräder werden im Lebensmitteldiscounter für 120 Euro verkloppt und es ist sicher, dass da die Discounter noch einen Schnitt machen. Konsum, Konsum! Wollten vor 20 Jahren die westlichen Industrienationen mit ihren zum Teil selbstmörderischen Handelsabkommen mit China neue Absatzmärkte in Ostasien gewinnen, um ihre Gier nach noch mehr Profit befriedigen zu können, haben die Chinesen den Spieß längst umgedreht. Europa und Amerika sind für die Chinesen längst zu Abnehmerländern degradiert worden und wer will es denen verdenken. Die haben lediglich besser und langfristiger geplant und gedacht, als die Jünger von John Maynard Keynes, die zum Teil kaum weiter als bis zur nächsten Quartalsbewertung denken und bei denen Strategien lediglich dann entwickelt werden, wenn es darum geht, den Aktienanlegern etwas vorzugaukeln.


Vor allem seit Mitte der 80er Jahre lebte er ständig am Limit und meist darüber. Er hatte seinen Körper Belastungen ausgesetzt, die denen von Hochleistungssportlern gleichkamen. Aber im Gegensatz zu jenen gönnte er sich nie wirklich eine Erholungspause. Er hatte sehr intensiv gelebt und die Konsequenzen vor drei Jahren, haben Auswirkungen auf seine weitere Zukunft. Herzinfarkte und ein Schlaganfall haben diesen Hochleistungsorganismus zu dem degradiert, was er eigentlich ist. Eine hochkomplizierte Kombination an Kohlenwasserstoffen, die in unterschiedlicher Zusammensetzung mit anderen Elementen Fleisch, Knochen, Innereien, Sehnen, Nerven und andere Komponenten bilden, die für das Grundgerüst des Lebewesens Rainer Rienäcker wichtig sind. Aber das, was ihn ausmacht, was ihn zu einem denkenden und fühlenden Wesen macht, kann ihm kein Arzt und kein Wissenschaftler erklären. Die Ärzte forderten ihn lediglich auf, zukünftig auf übermäßige körperliche Belastungen zu verzichten, wenn er noch länger in diesem Körper existieren will. Weil er das Leben nach dem Tod für eine Erfindung der Religionen hält, um den Menschen zum einen die Angst vorm Sterben zu nehmen und zum anderen die Duldsamkeit gegenüber einem Schicksal in Armut und Knechtschaft zu erhöhen - der Lohn wartet im ewigen Leben, erklären die Priester - muss er annehmen, dass seine Existenz an diesen Körper gebunden ist. Und er möchte die Jahre, die ihm noch bleiben, nicht sinnlos verplempern. Es geht ihm nicht darum, die Welt zu retten. Es können auch kleine Dinge sein, die dazu beitragen, das Leben der Menschen ein wenig zu verbessern. Und wenn es nur die Aufklärung eines Mordes vor zwölf Jahren ist, um den Täter und die Auftraggeber - sollte der Mörder nicht auch derjenige sein, der eine Absicht mit dem Mord verband - zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen.
„Glaubst du, es sei möglich, die Morde an deinem Prof und seiner Frau nach zwölf Jahren noch aufzuklären?“ fragt er und küsst sie ins rote Haar.
„Wie stellst du dir das vor?“
Die Gegenfrage ist zumindest kein deutliches Nein. Und so greift er einen Punkt auf, der ihn bereits damals, auf der langen Autofahrt von Madrid nach Hanau, dazu veranlasste, die Idee mit der Namensänderung zu formulieren. „Zunächst müsste man einmal herausfinden, wer nach wie vor ein Interesse daran hat, deinen Namen im Zusammenhang mit den damaligen Morden immer wieder in irgendwelchen Internetforen zu erwähnen. Du bist doch gut darin, Fragen zu recherchieren, aber hier habe ich eher den Eindruck, du würdest dich alleine wegen der Erwähnung deines Namens einschüchtern lassen.“
„Du hast mir zwar einiges von dir erzählt…,“ erklärt sie mit einer trotzig klingenden Stimme „… aber ich weiß nicht, ob man dich schon einmal in ein Gefängnis gesperrt hat. Die Untersuchungshaft ist tatsächlich kein Vergnügen. Fünf Monate und vier Tage wegen dem Mord an Heinrich und ein ganzes Jahr wegen dem Mord an Thran Hoàng. Natürlich schüchtert das ein! Was glaubst du, warum ich mit Samira ’Recht(staat/\statt)Justiz’ gründete? Einschüchtern hat Methode. Einschüchtern ist zwar nur eine der schwächsten Formen von Staatsterror, aber es ist eine Form davon.“ und etwas ruhiger fügt sie hinzu „Und es ist vermutlich dumm, nicht von selbst auf die Idee gekommen zu sein, oder? Eigentlich hätte ich mich mit dieser Frage schon längst beschäftigen müssen.“
„Wenn wir schon mal dabei sind; …“ seine Gedanken beschäftigten sich in den letzten Tagen und vor allem heute Nacht auf dem Turm so oft mit der langen Autofahrt von damals, dass ihm immer wieder jenes Versprechen von damals einfiel und bevor er es wieder vergisst, fragt er „… kannst du dich noch an die Vorschläge erinnern, die ich damals auf der Fahrt von Madrid nach Hanau machte?“
„Wie könnte ich die vergessen haben. Ich schrieb mir das sogar auf, um immer daran zu denken. Tappas und Rotwein in Burgos, einen Martini im Palais Eugenie Hotel in Biarritz, Bordeaux Wein und Muscheln in der Bucht von Arcachon und Café und Croissants im Café Marly im Innenhof des Louvre.“
„Was hältst du von einem Frühstück in Paris?“ schlägt er vor „Es ist jetzt gleich halb drei und wenn wir durchfahren….“
„Nein, Rainer. Nicht mit dem klapprigen Panda, den du dir gekauft hast, weil man mehr Auto angeblich nicht nötig hat. Bei solchen Fahrten möchte ich ein wenig mehr Luxus genießen und außerdem haben Samira und ich heute Morgen einen Termin bei Gericht.“ erklärt sie abweisend und schroff. Aber offenbar hat sie bemerkt, dass sie ihn damit traf, denn sofort erklärt sie versöhnlicher „Aber die Idee als solches ist wirklich lieb gemeint. Und wir werden das wirklich einmal machen. Und zwar alles. Und der Reihe nach.“

 © Hartmut Emrich