Hartmut Emrich

Autor und Herausgeber

Buch der Woche KW 37-39

Auf dieser Seite stelle ich mehr oder weniger regelmäßig Auszüge aus einem meiner Bücher als kleine Leseprobe ein.

In den folgenden Wochen bringe ich wieder Auszüge aus dem Buch 'Die falsche Seite des
Regenbogens'

Das zweite Kapitel 

Etienne Penicillus de la Motte - Der fremde Riese

Herbst 961

"Hier steckst du Faulpelz natürlich! Scheiße, jetzt sieh dich mal an, wie du wieder aussiehst.“
Die Stimme seines älteren Bruders lässt ihn aus dem Traum aufschrecken und er hat das Gefühl, das Herz droht ihm stehen zu bleiben. Zumindest klopft sein Puls an den Halsschlagadern so stark, dass er es sogar selbst spürt und in den Ohren zu hören glaubt.
Er hatte es sich nach dieser anstrengenden Nacht mit der schönen Irmela noch einmal im Heulager gemütlich gemacht und war offenbar eingeschlafen. Im Traum hatte er wieder bei der jungen Frau gelegen, doch dann waren sie überrascht und von ihrem Vater gejagt worden und aus der Jagd von Irmelas Vater war eine Treibjagd geworden, bei der er das Wild war und er war, wie zwei Jahre zuvor von einem Pfeil in den Oberschenkel getroffen worden. Zu diesem Zeitpunkt seines Traums hatte Irmela längst keine Rolle mehr gespielt.
So wie er hier jetzt im Heu liegt, weiß er nicht, ob er seinem Bruder sogar dafür dankbar sein soll, dass er ihn aus diesem Traum gerissen hat.
Er steht langsam auf und streckt sich, während sein Bruder weiter herum zetert.
„Weißt du Etienne, wenn du dich nicht so gut mit den Pferden auskennen würdest, hätte ich dich schon nach Vaters Tod den Werbern von König Lothars Hauptmännern übergeben, die dich in den Krieg mit nach Aquitanien genommen hätten. Aber du hast ja für den Umgang mit Pferden ein großes Talent und als Bote bist du wenigstens zuverlässig und das möchte ich noch nutzen, solange du hier bist.“ Valentin, der noch etwa zwei Finger größer aber mindestens doppelt so schwer wie er ist, baut sich breitbeinig vor ihm auf und blickt ihn in einer Weise an, die Etienne nur zu gut bekannt ist, seit sein Vater an jenem Tag ums Leben kam, als er selbst von dem Pfeil ins Bein getroffen wurde „Mach dich sauber und sieh zu, dass du vor dem Mittag wenigstens den Stall noch fertig bekommst. Cubert wird dir nicht wieder dabei helfen, wenn es dir nicht gelingen sollte und bilde dir bloß nicht ein, dass ich das noch einmal durchgehen lasse. Im Übrigen war Gero vorhin oben und hat sich wieder beschwert und gefordert, du solltest die Finger oder was auch immer von oder aus seiner Tochter lassen.“
Etienne seufzt und reibt mit der rechten Hand über die Narbe an seinem rechten Bein, die inzwischen vollständig verheilt ist.
Seit dem Tod des Vaters vor zwei Jahren hat der drei Jahre ältere Bruder die Verantwortung über den Hof und das Dorf übernommen und Etienne und seine Geschwister werden von ihm genauso behandelt, wie Valentin das Gesinde im Haus und die Unfreien im Dorf behandelt. Er seufzt erneut und richtet sich seine Kleidung und klopft sich die Heuhalme aus seiner Tunika und seinen Hosen.
Etienne ist jetzt 15 Jahre alt und wenn sein Bruder vor den anderen klagt, dass kein Rock vor ihm sicher sei, bezieht sich das zugegeben eher auf den Inhalt der Röcke, als auf die Kleidungs-stücke selbst. Dass er seit ein paar Monaten mit dem Beinamen Penicillus oder Pinsel belegt wird, hat er auch seinem Bruder zu verdanken. Er würde seinen Pinsel in jeden Topf tunken …. Verflucht! Was kann er dafür, dass ihm die Frauen gefallen! Sein Bruder sollte sich lieber auch einmal damit befassen, sich eine Frau zu suchen, anstatt sich ständig in seine Angelegenheiten einzumischen.
Der alte Cubert, der sich schon so lange Etienne denken kann als Unfreier in ihren Diensten befindet, wartet bereits mit einem Karren am Stall und Etienne ist sich nicht sicher, was er von dessen Blick halten soll.
Tatsächlich gelingt es ihm recht zügig, sich um den Pferdestall zu kümmern und der Hilfe eines Cuberts hätte er sowieso nie bedurft. Der kann mit den Pferden nicht umgehen und wenn der zu den Pferden geht, hat der immer einen Knüppel dabei. Warum der alte Mann, der sicherlich schon um die 40 Jahre alt sein wird, zu seinem Bruder gesagt haben soll, dass er ihm im Stall hätte helfen müssen, ist ihm ein Rätsel. Ein Rätsel, über das er aber jetzt nicht bereit ist, nachzudenken.
Er putzt die sieben Pferde und befreit sie von den anhaftenden Strohresten und den plattgelegenen Pferdeäpfeln, kümmert sich um die Hufe und mistet wie jeden Morgen den Stall aus, in dem sich die Tiere nachts aufhalten, während sie tagsüber auf den Auen der Sequana, oder der Seine, wie die Franken den Fluss nennen, ausreichend Gras finden und er füllt die Tränken mit frischem Wasser auf, damit er das heute Abend nicht tun muss, denn heute Abend will er sich wieder mit Geros Tochter Irmela treffen.
Ihr Heim, dass sich nur einen Tagesritt südlich von Meledunum befindet, liegt auf einem vor Urzeiten künstlich angelegten Festungshügel auf der großen, fast eineinhalb Meilen langen Halbinsel Ille de la Motte mitten im Fluss, die laut seinem Vater früher einen anderen Namen trug. Weil die Franken aber ihre eigenen Namen für alles haben, wurde vor einigen Generationen die Ille de la Motte daraus, wie auch die Stadt Meledunum, die seit vielen Generationen so heißt, von den Franken einen neuen Namen erhalten hat. Meledan, Melun oder manchmal auch Meledheim hört man nun allenthalben und sein Vater ärgerte sich zu Lebzeiten dann bei solchen Gelegenheiten, dass er einen roten Kopf bekam und nach Luft schnappte.
Sein Vater war überhaupt sehr oft verärgert, wenn es um Veränderungen durch die Franken ging. Der betonte oft, dass sich für seine Familie, die schließlich eine lange Geschichte hätte und die mit der Gegend verwurzelt wäre, früher nie was verändert hätte, während seine Mutter oft behauptet, dass die Familie eine sehr wechselhafte Geschichte gehabt hätte, die sie schließlich erst vor sechs Generationen auf die Motte in der Seine gebracht haben würde. Die Motte hatte ihnen schließlich auch diesen Namen gegeben, denn vorher hätte man die Familie seines Vaters über Generationen als Voleris gekannt, aber das wäre schließlich zu römisch gewesen.
Die Familie Gisberts von der Motte oder auf neufränkisch Gisbert de la Motte, wie laut seiner Mutter sein Urururgroßvater hieß, der damals im Jahre des Herrn 714 in Lüttich zusammen mit Grimoald dem jüngeren und seinen Männern erschlagen worden war, trägt seither diesen Namen und später hat es noch einen Tibault gegeben, der mit König Ludovicus dem Frommen bekannt gewesen sein soll und zudem ein enger Freund des Bischoff Drogo, den man nun als Drogo de Metis oder Drogo von Metz kennt.
Seine Mutter Clodine de Suessiones kennt sich mit der Familiengeschichte bestens aus, denn sie betont immer wieder, wie wichtig es wäre, zu wissen woher man kommt. Ihre eigene Familie, so erklärt sie auch immer wieder, wäre schon lange vor den Franken und den Römern von Einfluss gewesen und bloß weil sie das Pech gehabt hätten, vor vielen Jahrhunderten in einem wichtigen Krieg auf der falschen Seite gestanden zu haben, wären sie fast in der Bedeutungslosigkeit versunken.
Von seines Vaters Seite sei Etienne sowohl mit dem römischen Adel als auch mit aquitanischen und belgischen Fürsten verwand, aber auch die Familie seines Vaters hatte in der Vergangenheit ein paar Fehlentscheidungen getroffen. So hatte man lange gegen die Merowinger opponiert, während diese hier in Neustria schließlich verstanden hatten, ihre Herrschaft zu festigen.
‚Unsere Familien standen irgendwie immer auf der falschen Seite des Regenbogens, mein Liebling. Während andere aus der Bedeutungslosigkeit emporstiegen und Macht und Einfluss gewannen, verloren unsere Familien den wenigen Einfluss, den sie hatten.‘ Wie oft hatte Etienne diesen Satz von seiner Mutter schon gehört. Die falsche Seite des Regenbogens …
Die Herbstsonne ist bereits über den Scheitelpunkt gewandert und er hat alle Pferde bis auf die Stute seines Bruders auf die Weide geführt.
Er putzt die große braune Stute Magna noch einmal, um diese eine Runde um die Halbinsel zu bewegen. Eigentlich ist Magna ja das Pferd seines Bruders und sollte diesen einmal in die Schlacht tragen, wenn der irgendwann einmal vom König Lothar oder dem Herzog Hugo in einen Krieg befohlen werden sollte, aber der hat mit seinen anderen Aufgaben, von denen Etienne zum Teil noch nicht einmal weiß, aus was diese bestehen könnten, angeblich so viel zu tun, dass er sich viel zu wenig um das prächtige Pferd kümmert. Etienne ist sich sicher, dass sein Bruder ein verflixter Wichtigtuer ist, der sich diese Aufgaben nur ausdenkt, um den ganzen Tag im Haupthaus zu sitzen und sich den Bauch mit irgendwelchen Leckereien vollzustopfen. Alleine bei dem Gedanken, den ganzen Tag im Haus verbringen zu müssen, schüttelt Etienne mit dem Kopf.
Er führt die große Stute nach draußen, um sie zum Reiten fertigzumachen und auch hier zeigt es sich, dass Etienne laut seinem Umfeld ein Händchen für Frauen hat, denn die Stute, die zu anderen manchmal launisch und gelegentlich sogar bissig ist, verhält sich bei ihm wie eines der kleinen Hündchen, wie seine Mutter einmal eines hatte.
Er verzichtet bei der Stute auf den alten eckigen Sattel, den angeblich schon seine Vorfahren in der Schlacht benutzt haben sollen, sondern legt sich nur eine Decke auf den Pferderücken, damit sein Hintern nicht so nass wird, wenn das Pferd zu schwitzen beginnt.
Bei der Auswahl der Gebisse verwendet er das alte Gebiss, das sein Vater einmal auf dem Markt in Meledunum für dessen eigenes Pferd gekauft hatte.
Im Gegensatz zu seinem Bruder hatte sein Vater ein Gefühl für Pferde und wie man Pferde behandelt und er hat vieles, was er kann, alleine bei seinem Vater gelernt und dann ebenfalls ausprobiert und wenn es um die Ausstattung der Pferde ging, war sein Vater kompromisslos. Dieses Gebiss, das aus dem Süden stammt und bereits uralt sein soll, ist eine hervorragende Arbeit und passt sogar in unterschiedliche Halfter, weswegen es Etienne nach der Arbeit mit den Pferden jedes Mal besonders aufmerksam reinigt und mit Olivenöl einschmiert.
Er steigt am Holzstapel neben dem Heulager auf und bewegt das wunderschöne Tier erst einmal eine halbe Meile im Schritt, bevor er sie antrabt. Obwohl ihre Bewegungen im Trab ohne Sattel nur schwer auszusitzen sind, gelingt es ihm, sich ihrem Rhythmus anzupassen und an den Pappeln vor dem Dorf werden die Bewegungen der beiden geschmeidiger und es hat den Anschein, als ob sie zu einem einzigen Wesen verschmolzen wären.
Am westlichsten Punkt der Halbinsel, dort wo sie am breitesten ist, befinden sich die zwei Dutzend Häuser der Menschen, die unter dem Schutz der Familie de la Motte leben und die als Bauern, Fischer und auch gelegentlich als Wehrhilfen in ihren Diensten stehen.
Hier lebt auch die schöne Irmela, die zweitälteste Tochter von Gero dem Fischer. Dessen älteste Tochter Irmgardis ist seit einem Jahr mit einem anderen Fischer aus Meledunum verheiratet und Etienne hatte es bedauert, die fast vier Jahre ältere Frau an einen Tölpel wie diesen Reinhault zu verlieren. Hatte sie ihm doch das Meiste, was er über Frauen weiß, beigebracht. Aber Irmela, die zwei Jahre jünger als er selbst ist, war offenbar ebenfalls bei ihrer Schwester in der Lehre gewesen und es ist für ihn ein großes Glück, wenn er seine Nächte mit der quirligen jungen Frau verbringen kann. Etienne ist mit seinen Gedanken wieder bei der vergangenen Nacht mit der schönen Irmela und Magna quittiert seine Unaufmerksamkeit sofort. Die Stute, die gelegentlich nur einen kleinen Anlass sucht, um die Aufmerksamkeit ihres Reiters zu überprüfen, findet diesen Anlass heute entweder in der Form jenes Lichtstrahls der tiefstehenden Herbstsonne, der durch das dichte Gebüsch am Ufer leuchtet und beinahe den Eindruck entstehen lässt, als ob ein leuchtender Speer durch die Äste dringen würde, die jetzt ihre Blätter stark verfärben und bald abfallen werden oder in dem leisen Rascheln, das aus dem Gebüsch zu hören ist. Im Ergebnis bleibt es auch gleich, was genau die Ursache war, denn Magna springt mit einem gewaltigen Satz zur Seite und Etienne landet unsanft dort auf dem Boden, wo sich noch einen Wimpernschlag zuvor die Hufe des Pferdes befunden hatten. Zu allem Überfluss hört er nun das glockengleiche Lachen einer jungen Frau, die sich offenbar über seine Unaufmerksamkeit und sein Missgeschick großartig amüsiert. Er kennt dieses Lachen nur zu gut und mit rotem Kopf steht er auf, um sich das Herbstgras und ein wenig Erde aus seinem Hemd und seinen Hosen zu klopfen. Bevor er allerdings seine Aufmerksamkeit der jungen Frau widmet, blickt er sich nach Magna um, die nur zwei Schritte weiter entfernt steht und an den Resten des Grases knabbert, das von den Schafen, Ziegen und den paar Kühen der Bauern übrig gelassen wurden.
„Liviane, es ist mir eine wahre Freude, dir einen Grund für deine Belustigung gegeben zu haben. Kannst du mir mal verraten, was du ausgerechnet hier und jetzt in diesem verfluchten Busch verloren hast?“
Das Lachen wird noch eine Spur lauter und aus dem dichten Haselgebüsch tritt eine rothaarige junge Frau von vielleicht 16 oder 17 Jahren, die sich ihr Kleid zurechtrückt.
„Verloren ist gut, lieber Etienne. Doch! Verloren ist wirklich gut. Ich glaube aber nicht, dass du das suchen möchtest, was ich eben dort verloren habe.“
Die junge Frau gluckst vergnügt und wendet sich dann dem Flussufer zu.
„Gestatte, dass ich mich säubere, mein Lieber. Dann kann ich dich gerne begleiten, wenn du denn meine Begleitung möchtest. Ich habe gehört, dass du in letzter Zeit Irmgardis kleiner Schwester nachstellst. Vielleicht ist das ja der Grund, warum ich dich in den letzten Monaten kaum sah.“
Etienne blickt der rothaarigen Frau mit der markanten Lücke zwischen den beiden Schneidezähnen hinterher und seufzt, denn eigentlich sollte die junge Frau für ihn Tabu sein, denn sie ist die Tochter Osgards, des ersten Mannes der Lehnsleute seiner Familie, der auch so eine Art Anführer der Wehrmänner ist, wenn seine Familie wieder einmal ein Kontingent an Kämpfern zu stellen hat und Osgard war auch damals bei dem Unglück mit seinem Vater dabei und Osgard war es damals auch, der Etienne den Pfeil aus dem Bein zog.
Etienne hat schon immer viel Zeit bei Osgard verbracht und er und Liviane sind gemeinsam aufgewachsen und er ist sich sicher, dass sie es gewesen wäre, die ihm beigebracht hätte, was Männer und Frauen gemeinsam machen können, wenn ihr nicht Irmgardis zuvor gekommen wäre. Liviane ist eine seiner großen Lieben und er hat seit letztem Jahr manche laue Sommer- oder Herbstnacht mit ihr am und im Fluss oder in der Scheune beim Stall verbracht. Aber im Augustus hatten ihm Osgard und sein Bruder Valentin sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass er zukünftig seine Finger oder vielmehr seinen Pinsel von der rothaarigen Tochter Osgards lassen soll, sonst würde er sie entweder heiraten müssen oder die Mitgift Livianes zu stellen haben, wenn sie mit jemand anderem verheiratet wird.
Draußen vor der Halle hatte ihm Osgard dann deutlich zu verstehen gegeben, das es lediglich der Tatsache zu verdanken sei, dass er ihn wie einen Sohn lieben würde, dass er noch am Leben wäre, denn jeden anderen hätte er in der Mitte entzwei geschlagen und Etienne hatte dem großen Mann aufs Wort geglaubt, denn Osgard ist schließlich auch derjenige, von dem er von kleinauf gezeigt bekommen hatte, wie man so kämpft, dass man einen Kampf auch überleben kann und das hat mit der Kampfweise der hohen Herrn wenig zu tun, wie der immer betont hat.
Die Gründe dafür, dass ihn Liviane im letzten Halbjahr kaum zu sehen bekam, sollte sie aber kennen und er weiß, dass sie ihn damit wieder ärgern und provozieren möchte, denn es ist nicht nur die Drohung seines Bruders und Osgards gewesen und es lag nicht nur an Irmela. Es liegt zu einem großen Teil auch daran, dass ihn Valentin seit seinem 14. Geburtstag im letzten Martius immer öfter mit Aufgaben belegt, die ihn manchmal für zwei oder drei Tage von der Ille de la Motte fernhalten und obendrein war er ja schließlich auch im letzten halben Jahr zweimal für ins-gesamt sechs Wochen in Meldis oder vielmehr Meaux gewesen, wie es bei den Franken jetzt heißt, was Liviane eigentlich auch wissen sollte. Aber sie liebt es einfach, ihn zu necken und er liebt es, sich von ihr necken zu lassen.
Dennoch hat es Liviane erreicht, dass seine Gedanken auf Wanderschaft gehen. Auf Wanderschaft nach Meldis und es ist nicht nur der Meister Conrad, an den er dabei denkt.
Meister Conrad von Treveris, der bekannte Waffenmeister, hatte ihn in Meldis in Augenschein nehmen sollen, denn Valentin hatte im Frühjahr die absurde Idee entwickelt, dass jemand aus der Familie eine ordentliche Ausbildung als Krieger absolvieren sollte.
Es wäre beschämend, so waren seine hochtrabenden Worte, wie man in seiner Familie in den Kampf ziehen würde und es würde nicht ausreichen, wenn die Krieger nur bei Bedarf mit der Axt oder der alten Spatha eines namenlosen Urahnen von der Seite ihrer Mutter auf irgendwelche Gegner einschlagen oder einhacken würden, in der Hoffnung, der Gegner würde es mit der Angst zu tun bekommen und sich in die Flucht schlagen lassen.
Es ist typisch für Valentin, dass er dabei ausgerechnet an ihn gedacht hatte und nicht an sich selbst. Valentin würde sich nie der Gefahr der körperlichen Belastung durch ständige Kampfübungen und der Gefahr aussetzen, sich Grün und Blau schlagen zu lassen.
Meister Conrad, der als Krieger und Kämpfer wirklich einen großen Ruf hat, ist dadurch, dass er in einem der Kämpfe ein Bein verloren hatte, nicht mehr in der Lage, an Kämpfen teilzunehmen und Männer in die Schlacht zu führen und so bietet er gegen Bezahlung an, sein Wissen weiterzugeben und bei Etienne war er systematisch vorgegangen.
Meister Conrad und Etienne waren sich sofort sympathisch gewesen und sie waren beide nach bereits zwei Tagen zu der Ansicht gelangt, dass seine Art zu Kämpfen durch die vielen Übungen mit Osgard eine zu starke Prägung erhalten hatte und aus ihm nie ein sauberer Schwertkämpfer werden würde, wie ihn sich Valentin vorgestellt hatte. Er hatte dann sein Konzept umgestellt und ihm erklärt, dass er bei ihm auf die üblichen Grundlagen wie Schlachtordnung und Aufstellung verzichten würde und stattdessen zunächst den Kampf und die geistige Einstellung als solches behandeln würde. Meister Conrad hatte ihm einige Male auf die Schulter geklopft und ihm versichert, dass aus ihm ein guter Krieger werden könne, aber vielleicht anders, als sich das Valentin vorgestellt hatte. Die Übungen mit Meister Conrad waren eine völlig neue Erfahrung für ihn gewesen und nach den ersten vier Wochen war er fast betrübt mit Siegbart nach Hause zurückgekehrt, einem Unfreien, den ihm Valentin als Begleiter und vermutlich als Spitzel im Auftrag des Bruders mitgegeben hatte. Er hatte an Conrads Art Gefallen gefunden, ihm Dinge zu erklären und er hatte auch an Conrads Tochter Ottilia Gefallen gefunden. Er hatte es gar nicht erwarten können, eine Woche später wieder nach Meldis zurückzureiten und mit den nächsten Lektionen im Innenhof von Meister Conrads Heim und im Bett von dessen vierzehnjährigen Tochter fortzufahren. Als dann bereits nach der Hälfte der vereinbarten Zeit der Meister eines Nachmittags überraschend verkündet hatte, dass er es bedaure, die Übungen und Lektionen beenden zu müssen, war das Bedauern auch bei Etienne groß gewesen und Ottilia teilte diese Ansicht natürlich auch, was allerdings zum Glück unbemerkt geblieben war, denn ansonsten hätte ihn der Meister vermutlich zu Übungszwecken mit seinem besonders wertvollen und unglaublich scharfen Langschwert in kleine Stückchen geschnitten.
Etienne war der Abschied von Meister Conrad genauso schwer gefallen, wie von Ottilia.

Weil er ohne Aufsteighilfe nicht auf den Rücken der großen braunen Stute kommen wird, blickt sich Etienne um und dabei fällt sein Blick eher aus Zufall in die Richtung der Verbindung der Halbinsel mit dem linken Ufer. Ein großer Wagen, der von drei Pferden gezogen wird, biegt gerade von der Uferstraße ab, um den Weg zur Halbinsel einzuschlagen. Soweit er weiß, erwarten sie keinen Besuch.
„Sag mal Livi, gibt es einen neuen fahrenden Händler, von dem ich nichts weiß?“
Er wendet sich der jungen Frau zu, die am Flussufer hockt und sich zwischen den Beinen und weiter hinten säubert. Als sie sich aufrichtet, gönnt sie ihm einen kurzen Blick auf die dünnen roten Haare etwas weiter unten an ihrem Körper, bevor sie sich das Kleid richtet.
„Was hast du gefragt, liebster Etienne? Hier am Wasser konnte ich dich nicht verstehen.“ Ihre Frage klingt neckisch und am liebsten würde sich Etienne mit ihr in die Büsche schlagen, um sich ihrer Weiblichkeit zu widmen.
„Nun, ich fragte dich gerade, ob es einen neuen fahrenden Händler gibt, denn dort kommt ein gewaltig großer Wagen gefahren, wie ich ihn noch nicht zu sehen bekommen habe.“
Neugierig geworden, eilt Liviane zu ihm und blickt nun ebenfalls in die Richtung, in der jener Wagen nun gerade die schmale Verbindung zwischen dem Flussufer und der Halbinsel überquert hat und nun auf die Motte, also den niedrigen Festungshügel zuhält.
Wobei die Bezeichnung Festungshügel ein wenig irreführend ist, denn die Motte ist ein 20 Fuß hoher Hügel der an der Basis von einer sieben Fuß hohen Palisade umgeben ist, die das Haupt-haus, welches vor Jahrhunderten im Stil eines romanischen Atriumhauses errichtet wurde, genauso schützen soll, wie das Gesindehaus, die beiden Lagerhäuser, in denen neben Äpfel und anderem Obst auch Gemüse und vor allem auch etwas Getreide lagern, und den Brunnen, der ihnen frisches Wasser gewährleisten sollte, auch wenn der Fluss einmal zugefroren wäre. Sein Vater hatte immer behauptet, der wäre deswegen angelegt worden, um auch bei einer Belagerung noch Wasser zu haben, aber wer um des christlichen Gottes Willen sollte auf die völlig absurde Idee kommen, ihre Motte zu belagern! Selbst die Nordmänner wären angeblich, wenn die Geschichten stimmen, an der Ille de la Motte vorbeigefahren, ohne sich um die Motte zu kümmern, während sie sonst plündernd und brennend durch das Land gezogen waren.
Weil eine Belagerung ohnehin wenig Sinn machen würde, befinden sich der Pferdestall und die beiden Scheunen, die als Heu- und Strohlager dienen, außerhalb der Palisaden und dort hat der große Wagen jetzt auch offenbar angehalten. Zumindest vermutet Etienne, dass der dort angehalten hat, denn aus dieser Perspektive verdecken die hohen uralten Eichen und die Hollunderbüsche die Sicht auf den Stall und die Scheunen und weil der Wagen nicht auf der anderen Seite in Richtung der Motte weitergefahren ist, muss der natürlich dort halten.
„Von einem neuen Händler weiß ich nichts. Wer mag das sein, mein Herz?“
Livianes Worte kommen mit ihrer rechten Hand, die seine linke suchen. Er umfasst ihre kleine Hand und drückt sie sanft, während er mit seiner rechten Hand den Zügel der großen Stute hält.
Ohne auf ihre Frage einzugehen, fragt er „Möchtest du dich auf sie setzen? Ich würde auch die Zügel führen und aufpassen, dass sie keinen Blödsinn macht.“
„Im Ernst? Natürlich Etienne, aber ja doch.“
Natürlich mag er die Gesellschaft der leidenschaftlichen Liviane und zum anderen findet er nichts dabei, der jungen Frau mit diesem Angebot eine Freude zu bereiten, die ihn nichts kosten wird.
„Stell dich bitte hier hin…“ er deutet auf die linke Seite der Stute, vorne in der Nähe des linken Vorderbeines. „… ja gut so und jetzt dreh dich um und lege beide Hände auf ihren Rücken… ja, genau so. Und jetzt strecke dein linkes Bein nach hinten, so dass ich dich an der Wade packen und dich nach oben heben kann.“
Mit Schwung drückt er Liviane auf das Pferd und er zieht ihr noch etwas die schmale Decke zurecht, damit sie nicht mit ihrem nackten Hintern, dessen Anblick er einen kurzen Moment bewundern durfte, und ihrer süßen kleinen Spalte, die er gerne geküsst hätte, auf dem blanken Pferderücken sitzen muss.
Dann führt er sie am Zügel auf dem schmalen Weg am Flussufer entlang in die Richtung zu jener Stelle, an der vorhin der große Wagen auf die Halbinsel gefahren war.
Auf dem Weg dorthin beschäftigt ihn allerdings noch eine Frage.
„Sag mal Livi, wie kommt es, dass du das, was du vorhin in dem Gebüsch erledigt hast, nicht gleich am Fluss tatest?“
„Damit du Schuft mich dabei hättest beobachten können, oder? Ich sah dich bereits von weitem kommen und … nun, wenn man muss, dann muss man eben und das Haselgebüsch war allemal besser als das Flussufer, nicht wahr.“
Kurz bevor sie den Weg kreuzen, der zu dem Stall führt, sagt Liviane „Lass mich bitte runter, Etienne, sonst bekommst du wieder Ärger mit deinem Bruder.“
Etienne entspricht der Bitte Livianes und bleibt mit Magna stehen, damit Liviane absteigen kann. Sie lässt ihren Oberkörper etwas nach hinten kippen und hebt ihr rechtes Bein langsam nach links über den Pferdehals, um sich dann einfach seitlich von der Stute gleiten zu lassen. Ihr Kleid wird dabei fast bis zu ihren kleinen Brüsten nach oben geschoben und gibt den Blick auf ihren nackten Unterleib frei.
Natürlich hat sie das mit Absicht gemacht. Da ist sich Etienne völlig sicher und hätte er jetzt nicht Magna dabei, wüsste er auf diese Provokation schon die rechte Erwiderung. Als sie sich abwenden will, hält er sie mit dem linken Arm zurück, um sie an sich zu ziehen und auf den Mund zu küssen. Dabei streicht seine rechte Hand wie zufällig über die roten Haare zwischen ihren Beinen und ihm entgeht nicht, dass dort eine große Hitze und Feuchtigkeit auf ihn wartet. Verflucht aber auch!
„Was hast du denn heute Abend noch vor, Livi? Meinst du, dass du mir nach der Vesper im Stall ein wenig Gesellschaft leisten könntest?“
„Nun, wenn du die kleine Irmela auf später vertrösten kannst…. Nach der Vesper am linken Heulager. Ich werde drinnen auf dich warten, aber lass mich nicht zu lange warten, mein Herz.“
„Nein, komm lieber in den Stall Livi. Hinten in der Schmiede habe ich eine Ecke, in der wir nicht gesehen werden können. Glaube mir!“
Liviane haucht ihm einen Kuss auf den Mund und eilt weiter auf dem Weg weiter, während Etienne der Stute das Eisengebiss aus dem Maul schnallt, um sie noch ein wenig grasen zu lassen, denn er möchte noch warten, dass die Schwellung in seinen Hosen etwas abschwillt. So kann er schließlich kaum vor irgendwelche fremden Leute treten, oder?
Nach einer Weile nimmt er die Zügel wieder fester in die Hand, die er Magna um den Hals gelegt hat und führt sie zu dem Stall.
Derjenige, der mit dem Wagen gekommen ist, hat offenbar die Absicht, etwas länger zu bleiben, denn schon von weitem kann Etienne erkennen, dass man die drei Pferde ausgespannt hat.
Er ist sich jetzt nicht sicher, was das alles zu bedeuten hat, aber er hat auch keine Lust zu spekulieren oder zu raten.
Je näher er dem Wagen kommt, desto wuchtiger wirkt der auf ihn und Etienne ist sich völlig sicher, nie zuvor einen größeren Wagen gesehen zu haben und weil vorhin von weitem die Proportionen von Wagen und Pferden für sein Empfinden zueinander zu passen schienen, müssen die Pferde ebenfalls gewaltig sein.
Um an dem Wagen vorbeigehen zu können, der genau mitten auf dem Weg zwischen den beiden Scheunen steht, muss er sich mit Magna an der linken Seite vorbeidrängen, wenn er nicht außen um den ganzen Trakt herumgehen will und er ist froh, dass ihm die Stute auf den Fuß folgt.
Er betritt den Stall und blickt sich um. Dort hinten steht jemand im Halbdunkeln und beschäftigt sich mit den Kutschpferden und weil dieser jemand von den Größenverhältnissen so zu den Pferden zu passen scheint, wie er es gewöhnt ist, schüttelt er verwundert mit dem Kopf, denn er hatte wirklich deutlich größere Pferde erwartet.
Der Mann vermittelt den Eindruck, dass er sich hier gut auskennt und dass er hier willkommen sei und so ruft Etienne einen Gruß und geht mit Magna nach links, wo sich Magnas Sachen befinden.
Er reibt sie kurz ab, kontrolliert die Hufe und will den Stall verlassen, um die anderen Pferde von der Weide zu holen, als er von dem Fremden angesprochen wird.
„Du bist Etienne, nicht wahr?“
Inzwischen ist der Tag schon so weit vorangeschritten, dass er den Fremden in dem fensterlosen Stall eher hören als sehen kann, aber die angenehm tiefe Stimme des Mannes beruhigt Etienne.
Alle Vorsicht fallen lassend geht Etienne in die Richtung des Mannes mit den Kutschpferden und realisiert allmählich, dass sein erster Eindruck hinsichtlich der Proportionen der Größe des Wagens und der Pferde völlig richtig gewesen sein muss, denn die Pferde sind riesig und der Mann scheint ebenfalls ein Riese zu sein.
„Für gewöhnlich beantwortet man meine Fragen mit einem ‚Ja‘ oder ‚Nein‘, Junge.“
Die Stimme des Fremden hat ein wenig an Schärfe gewonnen, doch davon lässt sich Etienne nicht einschüchtern.
„Ja, mein Name ist Etienne, aber für gewöhnlich stellen sich Fremde zuerst vor, wenn sie ihre Pferde ungefragt in unseren Stall stellen.“
Auch sein Ton hat nun etwas an seiner üblichen Freundlichkeit verloren und tatsächlich ärgert er sich sehr über das Benehmen des Fremden.
„Ja… natürlich. Ich vergaß meine Manieren. Entschuldige bitte, kleiner Etienne….“
Etienne ist sich jetzt nicht sicher, ob es spöttisch gemeint ist und so sagt er nichts dazu und wartet, dass sich ihm der Fremde vorstellt. Als dieser aber schweigend den Pferden etwas Heu vorwirft und sich anschickt, den Stall zu verlassen, eilt Etienne zur Tür, um sich dem in den Weg zu stellen.
Der Fremde überragt ihn um mehr als Haupteslänge und Etienne erkennt, dass sein Eindruck, dass es sich bei dem Fremden um eine stattliche Erscheinung handelt, völlig richtig gewesen ist. Der hat etwas von jenem Bären an sich, wie er einen vor drei Wochen in Meldis auf dem Markt gesehen hatte. Trotzdem versucht er seine Stimme herausfordernd klingen zu lassen, als er fragt „Nun? Wer seid ihr und was führt euch hier her?“
„Nun ich gebe zu, dass ich schon lange nicht mehr hier gewesen bin. 20 Jahre mögen seither vergangen sein und Clodine hat weiteren Kindern das Leben geschenkt, die inzwischen schon beinahe erwachsen sind. Tu mir einen Gefallen Etienne und begleite mich zu deiner Mutter. Dort wirst du auch erfahren, was du zu wissen wünschst. Ach ja, das mit deinem Vater tut mir leid. Ich habe ihn wirklich gemocht. Ich hörte, es war ein Jagdunfall.“
Etienne holt tief Luft, denn die Eindrücke von jenem Tag sind noch immer zu gegenwärtig „… nun wenn ihr wisst, dass er bei einer Jagd ums Leben gekommen ist, wisst ihr ja bereits alles Wesentliche.“
„Ich habe auch gehört, dass du dabei gewesen bist und ebenfalls fast getötet wurdest.“
Es ist keine Frage sondern eher eine Feststellung und so brummt Etienne eine vage Zustimmung und nickt, denn er hat keine Lust darüber zu reden.
Er tritt zur Seite und deutet zur Motte, die von dem Licht der inzwischen sehr tiefstehenden Sonne hell ausgeleuchtet wird, die durch die aufziehenden Wolken im Westen leuchtet. „Na dann kommt, namenloser Fremder. Ich empfinde es zwar als unhöflich, wenn ihr mir euren Namen vorenthalten wollt, aber vielleicht habt ihr ja eure Gründe dafür. Vielleicht ist er ja so schrecklich, dass ihr ihn nicht nennen wollt und in diesem Fall…“
„…genug! Es ist genug, junger Etienne de la Motte.“ Der Fremde unterbricht ihn lachend und tritt ins Licht des späten Nachmittags. Etienne hat nun Gelegenheit, den riesenhaften Mann näher zu betrachten und ist über das Aussehen des Mannes einigermaßen erstaunt. Entgegen der vorherrschenden Mode trägt der Fremde sein Gesicht glattgeschabt und seine mehr als schulterlangen rötlich-braunen Haare sind hinter dem Kopf zu einem dicken Zopf geflochten. Der Haaransatz ist vorne bereits sehr weit nach hinten gerückt, so dass der Mann eine ausgeprägte Stirnglatze hat, was sein ohnehin bereits recht breites Gesicht noch breiter wirken lässt.
„Durovic de Avaricum.“
„Hä…? Was sagtet ihr?“
„Wolltest du nicht meinen Namen wissen?“ Der Fremde, der jetzt mit weit ausgreifenden Schritten in Richtung des Wagens geht, scheint an der Unterhaltung seinen Spaß zu haben, denn von der anfänglichen Schärfe in der Stimme ist nichts mehr geblieben und Etienne hat den Eindruck, dass sie einen Schlagabtausch führen. Einen Schlagabtausch, der nach einem ähnlichen Muster abläuft, wie bei den Schwertübungen bei Meister Conrad. Ein verbaler Schlagabtausch sozusagen. Bislang ist es allerdings so, dass der Fremde, … wie heißt er doch gleich? Er hatte nicht damit gerechnet, den Namen genannt zu bekommen und ist überrumpelt worden. Überhaupt scheint der Fremde bei dem Schlagabtausch die Treffer zu erzielen, während sich Etienne eher in die Defensive gedrängt sieht.
„Wartet, ich muss noch die anderen Pferde von der Weide holen, bevor ich mich dem Müßiggang widmen kann.“
„Nun, ich habe auch noch was an dem Wagen zu schaffen. Komm hier her, wenn du soweit bist.“
Nachdem er die Pferde geholt und versorgt hat, geht der in die Richtung des großen Wagens.
„Ich bin soweit!“
„Wie passend! Dann lass uns hinauf gehen.“
Der Fremde steigt von dem Wagen, nimmt sich einen großen Ledersack vom Wagen, den er sich über die Schultern legt und wendet sich in einer fließenden Bewegung der Motte zu. Etienne hat den großen Fremden schon wieder unterschätzt. Er hat nicht damit gerechnet, dass dieser so behände ist. Er eilt hinter dem Fremden her, dessen großen Schritte diesem einen deutlichen Vorteil verschaffen, denn einen von dem seinen Schritten muss er mit eineinhalb seiner Schritte ausgleichen. Es ist beinahe wie damals, als er noch kleiner war und seinen Vater das eine ums andere Mal zu Fuß nach Meledunum begleitete, wenn sein Vater einmal nicht reiten wollte.
Als sie den Durchgang in der Palisade erreichen, kommt die untergehende Sonne noch einmal durch die Wolken und beleuchtet sie von hinten, so dass sie vor sich ihre langen Schatten sehen, die fast bis zu den Eichen und dem Haupthaus langen.
Der Fremde, dessen Namen er vorhin nicht richtig verstanden hat, bleibt stehen und scheint zu seufzen.
„Es hat sich tatsächlich nichts verändert! Was für eine Wohltat in einer Zeit des ständigen Wandels und der permanenten Veränderung, auch einmal etwas Statisches und Verlässliches zu sehen!“
Etienne kommentiert diesen Ausspruch nicht und versucht mit dem Fremden Schritt zu halten, der jetzt zielstrebig den Hügel hinan auf den Haupteingang des Hauses zuhält und dann die große schwere eisenbeschlagene Tür öffnet, die laut knarrend die Bewegung quittiert.
„Oh… die Bänder könnten auch mal wieder etwas Fett vertragen. Überhaupt, wenn ich mir das nun genauer ansehe, scheint sich hier doch ein gewisser Verfall zu zeigen.“
Für Etienne, der das alles hier so kennt, seit er denken kann, klingt dieser Vorwurf sehr ungerecht, doch bevor er etwas dazu sagen kann, kommt seine älteste Schwester Agata in Begleitung ihres Mannes Hugo aus dem Atrium auf sie zu.
„Äh… was macht ihr denn hier?“
„Na, das nenne ich einmal eine originelle Begrüßung! Dir wünsche ich auch einen schönen Tag, Bruder. Ich sehe, du hast dich bereits mit Herrn Durovic bekannt gemacht.“
Agata ist elf Jahre älter als Etienne und sie ist das älteste Kind seiner Eltern und sie wurde mit 14 an einen Kaufmannssohn aus Parisiis verheiratet. Das bedeutet, dass Etienne seine Schwester lediglich von ihren seltenen Besuchen kennt.
Sein Schwager Hugo, der in Parisiis angeblich ein bedeutender Händler für Gewürze und exotische Waren aus fernen Ländern ist und der sein Geschäft mit zwei weiteren Brüdern betreibt, die Etienne über die Jahre bereits ein paarmal gesehen hat, gleicht einem der fetten Mastschweine, wie sie die Bauern auf ihrer Halbinsel halten. Er ist einen halben Kopf kleiner als Agata, aber mindestens doppelt so breit und viermal so schwer und sein dicker Bauch gleicht dem einer trächtigen Stute in den letzten Wochen ihrer Tragezeit.
Nun, er muss mit diesen aufgeblasenen und hochnäsigen Dromonts zum Glück nicht leben und seine Schwester passt mit ihrer herablassenden Art hervorragend zu denen.
„Auch dir und Hugo einen guten Tag. Ich nehme an, ihr seid mit Herrn … äh… wie war das noch? Doruvil, nicht wahr? Also, ihr seid vermutlich mit Herrn Doruvil angekommen.“
„Es lautet zwar Durovic, aber ansonsten hast du Recht, kleiner Etienne. Komm, begleite uns in den Saal.“
Dass sich dieser Durovic hier aufspielt, als wäre er hier zuhause, ärgert Etienne zunehmend, aber er hält sich mit einem Kommentar zurück. Er folgt dem großen Mann durch den Durchgang zum Saal und Etienne fällt auf, dass der den Kopf unter den Durchgang einzieht, obwohl noch gut zwei Handbreit Platz zwischen der Unterkante des Bogens und dem Kopf des Mannes sind. Vermutlich ist es eine Gewohnheit, die dadurch entstand, weil viele Durchgänge niedriger gewesen sind und der sich den Kopf stieß und Etienne muss bei dem Gedanken lachen, dass der die ausgeprägte Stirnglatze vielleicht genau diesem Umstand zu verdanken hat. Seine Schwester tritt neben ihn und sagt leise „Nun, es freut mich, dich bei so hervorragender Laune zu sehen. Ich hoffe, dass du diese im Laufe des Abends nicht verlierst, Brüderchen.“
Etienne verkneift sich ein ‚blöde Gans‘ und folgt dem großen Mann in den Saal, dessen Mosaikboden als einziger Boden im Haus nicht mit Stroh bedeckt ist. Die Mosaike zeigen Szenen aus dem Leben der Menschen in diesem Land zu einer Zeit, als die Franken noch keine Bedeutung hatten. Das weiß Etienne von seiner Mutter, die ihm die einzelnen Szenen als Kind oft erklärt hat und Geschichten zu den Bildern erfand, wenn die Abende im Winter dunkel und lang waren und es sich lohnte, lange Geschichten zu erzählen.
An der langen Tafel aus glatt geschmirgelten Holzbohlen sitzt nicht nur die ganze Familie versammelt, sondern auch zwei Mönche mit hellen Kutten aus ungefärbter Wolle und etwas helleren Umhängen aus Leinen, die sich mit seiner Mutter und mit Valentin angeregt zu unterhalten schienen, bevor der große Durovic und er den Saal betreten hatten.
Der große Mann geht mit großen Schritten in die Richtung von Etiennes Mutter und drückt diese herzlich an sich, als sie von ihrem Stuhl aufsteht. Er hebt die Frau, die ihre 50 Jahre kürzlich überschritten hat, tatsächlich wie ein Kind hoch und sagt „Clodine, mein Herz! Wie lange ist es her? Ich würde dir ja gerne das Kompliment machen, dass du dich nicht verändert hast, aber du weißt vermutlich, dass das nicht stimmt.“
„Onkel Duro! Lass mich bitte runter! Was sollen denn unsere Gäste denken!“
Etienne steht gut fünf Schritte von dem Geschehen entfernt und ist sich jetzt nicht sicher, was er da eben gesehen hat. Seine Mutter, die das Wort Tugendhaftigkeit erfunden haben muss, hat den großen Mann, neben dem sie tatsächlich wie ein kleines Mädchen wirkt, kurz über den Kopf gestreichelt und, bevor dieser sie wieder auf den Boden stellte, auf den Mund geküsst.
Was für eine Art Onkel ist dieser Mann eigentlich? Und warum weiß er nichts von ihm, wenn der doch scheinbar sehr vertraut mit seiner Mutter und auch mit diesem Haus ist? Bereits als er den großen Wagen auf die Zufahrt zur Ille de la Motte abbiegen sah, hatte er sich gewundert und das Wundern hat seither angehalten.
Anstatt dass ihm jemand die Mönche vorstellt und ihm erklärt, was hier eigentlich vorgeht, dreht sich einer der Mönche zu ihnen um und blickt seine Mutter an.
„Ist er das, Frau Clodine?“
„Verdammt, kann mir jetzt endlich mal jemand erklären…“ Er hat die Bewegung nicht kommen sehen, mit der ihm sein Bruder Valentin einen Schlag ins Gesicht verpasst hat. Er stolpert nach hinten und setzt sich auf das uralte Mosaik.
Während er den Geschmack von Eisen in seinem Mund schmeckt und den Schmerz seiner aufgeplatzten Oberlippe und seiner Nase spürt, sagt Valentin in einem Ton, der Wasser gefrieren lassen könnte „Du wirst in der Anwesenheit der beiden heiligen Männer auf keinen Fall fluchen, hörst du!“
Etienne wischt sich das Blut aus dem linken Mundwinkel, das für den Geschmack nach Eisen in seinem Mund verantwortlich ist und blickt in die Gesichter der Menschen in dem Saal, die ihn alle betrachten, wie man ein besonders interessantes Exemplar eines bunten Schmetterlings oder eines metallisch glänzenden Käfers betrachten würde.
Was geht hier vor und warum schlägt ihn sein verfluchter Bruder, dieser Dicksack, einfach so zu Boden, ohne dass noch nicht einmal seine Mutter deswegen protestiert?
Er richtet sich auf und will den Saal durch die hintere Seitentür verlassen, die zu den Gemächern der Familie führt.
„Etienne, du wirst jetzt nicht gehen, sondern du wirst dir jetzt den Vorschlag von Herrn Durovic und den beiden Brüdern aus der Abtei Saint-Germain-des-Prés anhören. Setz dich jetzt und verhalte dich endlich einmal wie ein Mann und nicht wie ein verzogenes Kind.“
Valentin, der jetzt zwei Schritte von ihm entfernt steht, deutet mit dem ausgestreckten Arm auf die lange Tafel und Etienne sieht den dicken funkelnden Ring am Zeigefinger der Hand seines Bruders, der offensichtlich für die aufgeplatzte Lippe verantwortlich ist.
„Los, setz dich endlich hin!“
Etienne ballt seine Hände zu Fäusten und geht kommentarlos um seinen Bruder herum zur anderen Seite der Tafel, um sich dort neben seine zwölfjährige Schwester Camille und den zehnjährigen Gustav zu setzen.
Weiter unten sitzen die beiden kleinen Jungen seiner Schwester neben seiner jüngsten Schwester, die ebenfalls Clodine heißt und die mit ihren fünf Jahren jünger ist, als es die Söhne seiner Schwester sind. Er denkt daran, dass er sich für später am Abend mit Liviane im Stall verabredet hatte und in ihm macht sich die Gewissheit breit, dass es zu diesem Stelldichein nicht mehr kommen wird. Sein Bruder, seine Mutter, seine älteste Schwester und diese beiden Mönche sehen aus, als ob sie andere Pläne mit ihm hätten. Pläne, die auf seine Pläne keine Rücksicht nehmen werden.
Er atmet jetzt ein paarmal tief ein und aus, um sich zu beruhigen. Das ist eine der wichtigsten Lektionen gewesen, die er im Sommer bei Meister Conrad gelernt hat.
‚Wenn du aufgeregt bist, machst du Fehler, mein Junge. Um besonnen zu agieren und zu reagieren, musst du in jeder Situation Ruhe bewahren und solltest du einmal aufgeregt sein, atmest du tief ein und tief aus und zählst dabei deine Atemzüge mit. Zehnmal ein und zehnmal aus, so wie ich es jetzt vormache…‘
Er hört wieder die angenehme und ruhige Stimme von Meister Conrad in seinen Gedanken und augenblicklich wird er auch ruhiger. Der Geschmack von Eisen in seinem Mund und das Nasenbluten sind zwar noch gegenwärtig, bestimmen aber nicht mehr sein Denken und er öffnet die Hände, die er noch immer zu Fäusten geballt hatte.
Er nimmt jetzt wahr, dass seine Mutter mit einem der Mönche getuschelt hat und er erinnert sich an ihre Aussage vor vielen Jahren, dass Tuscheln in der Anwesenheit von anderen sehr unhöflich wäre. Es ist auch unhöflich, wenn der ältere Bruder dem jüngeren Bruder in Anwesenheit der ganzen Familie und vor allem vor Menschen außerhalb des Haushalts ins Gesicht schlägt.
Er bemerkt jetzt das Zupfen an seiner linken Seite und neigt den Kopf leicht hinüber, um Camille anzusehen.
„Was geht hier vor, Etienne? Was sind das bloß für Leute? Warum hat dich der Blödmann geschlagen?“ Das leise Flüstern seiner Schwester ist kaum zu verstehen und ebenso leise antwortet er „Ich habe absolut keine Ahnung Schätzchen, aber ich fürchte, dass die irgendwas mit mir vorhaben und ich bin mir sicher, dass das etwas Unangenehmes für mich sein wird. Ich denke mal, du hast gesehen, wie wenig hier auf meine Meinung gegeben wird und so bleibt mir nur abzuwarten, was die mir mitteilen wollen.“
Camille greift nach seiner rechten Hand um diese zu drücken. „Valentin ist echt ein Arschloch.“ Camille hatte sich zu ihm gebeugt und es leise in sein Ohr geflüstert und Etienne muss leise lachen. „Ja, das ist er Schätzchen, aber sagt ihm das nie ins Gesicht.“ Er will noch etwas sagen, aber seine Aufmerksamkeit wird von einem der beiden Mönche eingefordert.
„Wir haben uns ein Bild von euren Sohn gemacht, Frau Clodine und ich muss sagen, dass ich dem Wunsch eures ältesten Sohnes Valentin nur ungern entspreche. Euer Etienne ist vorlaut und respektlos und ich sehe hier mehr Probleme auf uns zukommen, als dass uns dieser junge Mann von Nutzen sein könnte. Ich werde mich mit Vater Gilbert noch einmal besprechen, denn ich bin schließlich auch für die Disziplin in unserer Abtei verantwortlich.“
Etienne läuft es bei den Worten eiskalt über den Rücken und er spürt wie sich die dünnen Härchen an seinen Armen aufrichten.
‚Verfluchter Mistkerl! Du verdammter Mistkerl willst mich doch nicht etwa in ein Kloster stecken, oder?‘
Als hätte er seine Gedanken laut ausgesprochen, sagt sein Bruder in die Richtung des Mönches gewandt, der eben seine Zweifel laut ausgesprochen hatte „Ich bin mir sicher, dass es eure Abtei zu schätzen weiß, wenn wir uns mit einer Zuwendung von 50 Denaren und einem guten Pferd eurer Zustimmung versichern, nicht wahr Vater Gaston.“


© Hartmut Emrich MMXVI