Hartmut Emrich

Autor und Herausgeber

Buch der Woche KW 05 bis 06/2023

Auf dieser Seite stelle ich mehr oder weniger regelmäßig Auszüge aus einem meiner Bücher als kleine Leseprobe ein.

In den folgenden Wochen bringe ich wieder Auszüge aus dem Buch 'Die falsche Seite des
Regenbogens'

Das zweite Kapitel 

Interludium - Drusilia

Was hatte sie auch erwartet?! Noch mehr Information ist tatsächlich eine sehr effektive Form von Desinformation. Die ständige und stetige Flut von Berichten, die bevorzugt Naturkatastrophen, von Menschen verursachte Unglücke, Berichte über irgendwelche Menschen, deren einzige Leistung darin besteht, in einem Theaterstück oder einem dieser sogenannten Movies überzeugend jemand anderes dargestellt zu haben und natürlich die zahllosen Berichte über Sportveranstaltungen, führen bereits nach wenigen Augenblicken zu Kopfschmerzen. Sie betritt den großen Versammlungsraum nur noch zum Würfeln und verbringt ihre Zeit lieber im Gymnasium oder mit langen Fußmärschen gemeinsam mit Artemisia, Fridericus und den neuen Mann, der als Ersatz für den kürzlich freiwillig aus dem Leben geschiedenen Udayin nur zwei Tage später ins Rattennest gebracht worden war. Alan Turing ist ein sonderbarer Mann, den sie noch nicht einzuschätzen weiß, der aber bereits mit den ganz Alten aus dem Rattennest aneinandergeraten ist und sich daher sozusagen unter ihren Schutz begeben hat. Es ist ein nachvollziehbarer Schritt, da von ihren drei Heiligen, wie Moshe Grünstein, Siddharta und Mohammed genannt werden, in dieser Hinsicht kaum Hilfe zu erwarten ist. Alan hat offenbar während des großen Krieges durch seine Rechenkünste (er nennt das zwar anders, aber jene Worte hören sich zu sehr nach Lucas von Halicarnassus an) die codierte Nachrichtenübermittlung der Deutschen entschlüsseln können. Das ist dann der Dank für seine Tat. Ein ewiges Leben in der Verdammnis in einer Einrichtung, die sich mit sinnfreien und albernen Würfelspielen befasst, an denen man alle zwölf Tage teilnehmen muss, wenn man nicht den Mut besitzt, von innen heraus mit großer Hitze qualvoll zu verbrennen. Udayin hatte diesen Mut schließlich und es interessiert sie sehr, ob es stimmt, dass man dann auch noch im Elysium für alle Ewigkeit weiter brennen wird.

Sie ist erst in fünf Tagen mit dem Würfeln dran und hat sich heute vorgenommen, mit Artemisia und mit jenem Allan einen längeren Marsch zu unternehmen. Es gibt in der Steppe noch immer jene Nomaden, deren Vorfahren sie vor über 1700 Jahren auf ihren Reisen auf der Handelsstraße kennenlernte und es ist für sie wie ein Stück ihrer eigenen Vergangenheit und ihrer eigenen, längst vergangenen und verschwundenen Welt, wenn sie sich mit diesen einfachen Menschen unterhalten kann, deren Bedürfnisse sich auf das Wesentliche ihres Daseins reduzieren. Gutes Weideland für ihre Tiere und mäßig warme Sommer und mäßig kalte Winter. Es sind Menschen, die das einfache Leben zu schätzen wissen und die aus diesem Grund mit ihren Tieren über das Jahr hinweg über viele hundert Meilen durch die Steppe ziehen. Gelegentlich verspürt sie tatsächlich ein wenig Neid auf diese einfachen Menschen, die kein großes Interesse am Leben anderer Menschen zeigen. Sie pflegt seit Jahren Freundschaft mit ein paar der Sippen und sie weiß von jungen Leuten, die die Sippen verließen und in die großen Städte Sinans, oder Chinas gingen, wie es jetzt heißt. Nur wenige kamen je zurück und die berichteten von der Unsinnigkeit im Leben der Menschen in den Städten. Die würden ein Leben für andere Menschen leben, die vom Leben jener Menschen profitieren würden. Diese Nomaden, in deren Sprache es keine Worte für Städte und Geld gibt, haben tatsächlich ein Problem damit, zu verstehen, wie die mehr als zweieinhalb Milliarden Menschen im Rest der Welt leben. Diese einfachen Menschen stören sich nicht daran, dass sie seit mehr als 200 Jahren unverändert in regelmäßigen Abständen die Gastfreundschaft von ihnen in Anspruch nimmt, um mit ihnen über ihre Pferde zu plaudern, oder über die kleinen Sorgen in ihrem Leben und sie ist für diese Menschen vermutlich ebenso eine Konstante, wie die Jahreszeiten.
„Silia! Kommst du mal!“ Wieder ist es die Stimme von Fridericus und sie wirft einen Blick auf die Uhr über der Tür aus dem Gymnasium hinaus. Es ist kurz vor zwölf Uhr und gleich ist Artemisia mit dem Würfeln dran. Ihr Herz beginnt schneller zu schlagen, als es nach den Schlagfolgen mit den Bokken zu erwarten wäre. Sie hätte es ihr doch gesagt, wenn sie jemals die Absicht gehabt hätte, ihrem Leben auf diese Weise ein Ende setzen zu wollen, oder? Sie hätte es ihr doch sicherlich …
Sie lässt die Bokken fallen und eilt aus dem Gymnasium und sie kommt sich wie neulich vor, als sie aufgefordert wurde, für Udayin als Würfler einzuspringen. Auch wenn sie nicht an der Reihe wäre .… Sie läuft gegen eine Frau, die fast zu Boden stürzt. Nur jahrhundertelange Übungen und Reflexe verhindern den sicheren Sturz und amüsiert sagt die andere Frau „Ich freue mich auch, dich zu sehen Mama. Aber das ist doch noch lange kein Grund, mich über den Haufen zu rennen!“
Erleichtert atmet sie tief ein und aus und sagt schließlich „Entschuldige Liebes. Ich habe auf die Uhr gesehen und einfach die falschen Schlüsse gezogen. Udayin hat sich vor ein paar Tagen kurz vor dem Würfeln aus der Verantwortung als Würfler geschlichen und heute ist Artemisia an der Reihe und … na ja …“ Sie lässt den Satz offen, denn jene Frau, die ihr beinahe wie ein Spiegelbild gleicht, weiß um ihre Liebe zu der kleinen Artemisia und sie lässt es zu, von jener Frau in die Arme genommen und fest gedrückt zu werden und sie erwidert den festen Druck.
„Es ist schön, dich zu sehen, auch wenn du weißt, dass ich es nicht gerne sehe, wenn du hierherkommst.“
„Ich weiß Mama. Aber Marc und ich haben uns Sorgen um dich gemacht. Seitdem wir uns vor zehn Jahren in Taschkant trafen, haben wir nichts mehr von dir gehört. Die Welt verändert sich seit jenem fürchterlichen Krieg in einer Geschwindigkeit, wie in den ganzen Jahrhunderten zuvor nicht und ich musste einfach nachsehen, wie es dir geht. Außerdem möchte ich dich in diesem Jahr gerne wieder einmal zu der Sippe von Belot Khan begleiten. Ich muss vielleicht wieder einmal zu mir selbst finden und ich kenne niemand in dieser Welt, der mir dabei besser helfen könnte, als du und der alte Belot. Du wirst doch demnächst wieder zu seiner Sippe aufbrechen, nicht wahr?“
Sie nickt und will gerade erklären, dass sie direkt aufbrechen werden, wenn Artemisia gewürfelt hat, als sich ihre Tochter in einer theatralischen Geste an die Stirn schlägt und sagt „Bevor ich es vergesse! Schöne Grüße von Corduvirix. Er hat mir neulich von einem jungen Mann erzählt, der unserem Vitus beinahe zum Verwechseln ähnlichsehen und dessen Abstammung auf dessen Linie zurückgehen würde. Der wäre zudem ebenfalls an einem 18ten Martius geboren worden und er versucht den so gut es geht vor Dullah zu schützen. Corduvirix sagte wörtlich, du würdest deine Freude an dem Jungen haben und man könnte beinahe an so eine Reinkarnation denken, wie es die Hindus und die Anhänger unseres Freundes Siddharta in ihren Lehren glauben. Dullah muss dem aber bereits einmal begegnet sein, sagt er.“
„Ach Liebes … vielleicht wäre es besser, Dullah würde ihm so ein Schicksal wie unseres ersparen. Manchmal bin ich dieses Leben so fürchterlich leid!“


© Hartmut Emrich MMXVI