Hartmut Emrich

Autor und Herausgeber


Buch der Woche KW 46-47/2021

 

Auf dieser Seite stelle ich gelegentlich Auszüge aus einem meiner Bücher als kleine Leseprobe ein.

Aus: 1+2=12  alle Wege führen nach ... Trier

Kapitel 1 + 2 = 12 WENN DER SCHWANZ MIT DEM HUND WEDELT

Now let the day begin

 

‘Here's to the babies in a brand new world - Here's to the beauty of the stars - Here's to the travellers on the open road - Here's to the dreamers in the bars - Here’s to the teachers in the crowded rooms - Here's to the workers in the fields - Here's to the preachers of the sacred words - Here's to the drivers at the wheel - Here's to you my little loves with blessings from above - Now let the day begin - Here's to you my little loves with blessings from above - Now let the day begin, let the day begin…’

Er hatte die Musik seines MP3 Players ganz leise gestellt, doch ausgerechnet jetzt, als sich drüben auf der anderen Rheinseite der Himmel rötet und erahnen lässt, dass dort irgendwo der Schwarzwald ist, hört er den Titel ‚Let the Day Begin’ von den 'Simple Minds‘ und er kann sich eigentlich nichts passenderes für diesen Morgen vorstellen. Er erhöht die Lautstärke der Musik und genießt die Stimmung. Hätte er bewusst etwas gesucht, um die Stimmung zu beschreiben, wäre er nie auf diesen Song gekommen, der sich zusammen mit knapp 2500 anderen auf dem Player befindet.

Here's to the winners of the human race. Here's to the losers in the game. Here's to the soldiers of the bitter war. Here's to the wall that bears their names. Here's to you my little loves with blessings from above - Now let the day begin, let the day begin…’

Jim Kerr besingt die gute Laune, die er heute Morgen empfindet und er kann nicht anders, als leise mitzusingen. Er sitzt gemeinsam mit Jamina, Cloe, Drusilia, Francine Brochard und deren vierjährigen Tochter Nicolette auf einer Betonabsperrung auf dem Parkplatz eines ‚Atac‘ Supermarktes in der kleinen elsässischen Stadt Marlenheim und teilt sich sein frisches Baguette mit Jamina. Er hat vorhin mit Jamina drei der knusprigen Baguettes und fünf Becher Milchkaffee für sie bei dem Bäcker vor dem Supermarkt geholt, der seine Verkaufsräume trotz der Tatsache geöffnet hat, dass es erst kurz nach sieben Uhr am Sonntagmorgen ist. Neben Drusilia sitzen die zwei braunen Dobermann Hunde, als wären sie ausgestopft oder aus Porzellan. Lediglich die Bewegungen der Ohren, wenn gelegentlich ein Auto auf den Parkplatz fährt, um vor dem Bäckerladen zu parken und kurz darauf wieder zu verschwinden, zeigen ihm, dass die beiden neuen Begleiter, die es sich im Innenraum mit den umgeklappten Sitzen des BMW X3 gemütlich gemacht hatten, durchaus sehr lebendig sind. Wäre das Wetter und die Sicht besser, könnten sie vermutlich bis rüber nach Sasbachwalden oberhalb von Achern sehen, wo er früher beruflich schon zu tun gehabt hatte oder gar auf die verschneiten Schwarzwaldhöhen, aber es ist zu diesig und zu kalt. Weil er nicht fahren musste, hatte er sich heute Nacht im Haus des ehemaligen Offiziers einen guten Schluck Whisky gegönnt und da war ihm die Idee gekommen. Er hatte über den Skype Anschluss von Mathieu Brochard mit Alan Turing Kontakt aufgenommen, der tatsächlich auch noch wach gewesen war und der hatte sich auf seine Mobilrufnummer geschaltet, um die einerseits unkenntlich und andererseits, um eine Nachverfolgung unmöglich zu machen. Es war eigentlich eher aus der Whiskylaune heraus gewesen, dass er diese Idee hatte. Er hatte dann heute Morgen um viertel nach drei die Telefonnummer angerufen, die bisher den Höhepunkt ihrer Recherche darstellt.

‘Now let the day begin, let the day begin…

Er drückt Jamina an sich und reibt seine Wange an ihren roten Haaren. ‚Sei nicht zu sehr mit dir zufrieden und freu dich nicht zu früh‘. Die mahnenden Worte von Drusilia. Es war die zittrige Stimme eines sehr alten Menschen gewesen. Das konnte er eindeutig erkennen und er hatte das Gespräch lange genug hinauszögern können, um Alan die Möglichkeit zu geben, zu lokalisieren, wo die Einwahl dieser Mobilnummer erfolgt war. Ein Sendemast im Städtchen Mutzig im Elsass, knapp 20 Kilometer westlich von Straßburg und knapp 13 Kilometer südlich von seinem Standort war laut Alan zu 99% der Einwahlpunkt, auch wenn eine Kette von Vermittlungsstellen dazwischengeschaltet war. Alan hatte sich dann zunächst über Google Earth einen Überblick verschaffen wollen und war dabei auf ein Are-al nordöstlich der Ortschaft Mutzig gestoßen, die gepixelt war. Er hatte sich dann auf eine Satellitendatenbank der französischen Regierung geschaltet und da war dieses Areal sogar komplett rausgenommen. Ein kreisrunder weißer Fleck auf der Karte. Johannes hatte dann auf dem kleinen Skype Bildaus-schnitt des großen 20“ Monitor sehen können, wie Alan triumphierend die rechte Hand gehoben und in Siegerpose gerufen hatte „Sagt einfach, dass ich gut bin!“

Der 103-jährige Mann hatte wie ein 16-jähriger Nerd gewirkt und Johannes konnte auf dem Bildausschnitt Artemisias Hand erkennen, die ihm über den Kopf strich, was der widerwillig geschehen ließ. Er hatte noch weiter recherchiert und her-ausgefunden, dass das Gelände früher eine Verteidigungsanlage des deutschen Reiches war. Die ‚Feste Kaiser Wilhelm II‘ erstreckt sich auf einem Areal von 254 ha und es gibt auf diesem Gelände, das zum Teil der Öffentlichkeit zugänglich ist, einen Abschnitt, der komplett in allen Karten und Übersichten ausgeblendet ist und der nirgendwo näher erwähnt wird. Lediglich eine Firma für Sicherheitstechnik aus Kehl, also auf der anderen Seite des Rheins in Deutschland, hat ein Objekt als Referenz auf deren Website, welches als Villa Kaiser Wilhelm in Mutzig bezeichnet wird. Eine Villa, die nirgends sonst er-wähnt wird, als ob die nicht existieren würde. Das Gesicht von Mathieu drückte aus, dass Alan tatsächlich hervorragende Arbeit geleistet hat. Nun sitzen sie hier auf der Betonabsperrung und Jim Kerr singt: Now let the day begin, let the day begin…

Obwohl Ray Stevenson beinahe getötet worden wäre und wahrscheinlich seinen linken Arm verlieren wird, hatte dieser Befreiungsversuch von diesem Mistkerl Javier dazu beigetragen, dass dessen Freund Antonio nach dem ungerechtfertigten schnellen Tod seines Kumpels Javier endlich mit dem Namen ihrer Kontaktperson und der Adresse ihrer Bleibe in Trier herausgerückt war. Dieser Miguel Garcia, den sie gestern Morgen in Trier-Monaise antrafen, war besser informiert gewesen, als die beiden Bolivianer. Und weil er sich der Befragung durch Selbstmord entziehen wollte, hatte ihnen dieser Miguel Garcia tatsächlich die Möglichkeit geboten, den entscheidenden Hinweis auf den lothringischen Politiker Ernst Kubaleg geben zu dürfen. Nachdem dieser Garcia die Kapsel mit irgendeinem Gift zerbissen hatte, die, wie in einem billigen Spionagetriller, in seinem Gebiss versteckt gewesen war, entwickelten sich die Dinge für den gebürtigen Spanier anders, als der es geplant hatte. Es war kein Geruch nach Bittermandeln, sondern eher der intensive Geruch nach ‚Klo-Stein‘, der aus seinem Mund zu riechen war und er hatte sich vor Schmerzen gekrümmt und gebrüllt. Drusilia hatte ihm angeboten, seine Leiden und seine Schmerzen zu verkürzen, wenn er ihnen einen brauchbaren Hinweis geben würde. Der fühlte sich offenbar betrogen und verraten und nannte den Namen Ernst Kubaleg, der in der Region Thionville Sous-Préfet ist, also so eine Art Landrat. Es gibt zwar noch einen weiteren Mann darüber, einen Capo, aber den kannte er nicht namentlich. Drusilia hatte noch nicht einmal eine Waffe benutzt, um den Sterbenden von seinen Qualen zu erlösen.

Für die Strecke von Trier nach Hettange-Grande bei Thionville oder dem einstigen Diedenhofen, hatten sie unter Einhaltung der Geschwindigkeitsbegrenzungen etwas mehr als eine Stunde gebraucht und Drusilia hatte ihre Freude bekundet, endlich das richtige Auto für sich gefunden zu haben. Weil es Samstagmittag war und der Herr Sous-Préfet Kubaleg schon seinem Auftritt des regionalen Karnevalvereins bei der Prunksitzung in Thionville entgegenfieberte, war er nur mäßig davon angetan, ihre Fragen zu beantworten. Der kräftige Mann, der sicherlich 135 Kilo auf die Waage bringt, hatte zwei braune Dobermann Hunde auf sie hetzen wollen, die allerdings nach Drusilias Kommandos stehen geblieben waren, als wären sie gegen eine Wand gelaufen. Der aufgebrachte Mann war dann in seine Villa gegangen und mit einer italienischen Schrotflinte mit Drillingslauf zurückgekehrt. Johannes hatte Cloe und Drusilia bereits bei ihren Übungskämpfen häufiger bewundern können und was die beiden uralten Frauen zustande bringen, kann nur durch jahrhundertlange Übung erklärt werden. Sie hatten sich wie abgesprochen, eine nach links und die andere nach rechts gebückt und jede der beiden hatte mit einem Kieselstein aus dem Ziergarten des Unterpräfekten, einen Treffer am Kopf des Mannes gelandet, bevor dieser sein Gewehr überhaupt in Anschlag bringen konnte. Der Mann war wie ein gefällter Baum nach hinten umgefallen und Johannes ist sich sicher, dass Drusilia das Schrotgewehr noch an sich genommen hatte, bevor der Mann auf den Boden aufgeschlagen war. Madame Kubaleg, die mit einem Telefon in der Hand hinter der Gardine eines Fensters neben der Tür stand, ließ das Telefon wie eine heiße Kartoffel fallen, als Cloe mit ihrer SIG auf sie anlegte. Jamina und Johannes waren sich wie Zuschauer einer Aufführung vorgekommen und als Drusilia in seine Richtung rief „Kannst du mir mit dem Dicken hier bitte helfen“ hatte er das zunächst nicht auf sich bezogen. Erst nach einer weiteren Aufforderung hatte er mit angepackt und sie brachten den schweren Mann zu dritt ins Haus. Es bedurfte allerdings ‚gutem Zureden‘ mit der Drusilia Methode, um den Unterpräfekten, der als Sous-Lieutenant bei der französischen Armee gedient hatte, zu motivieren, ihnen die Informationen zu geben, die sie weiterführten. Und diese brachten sie zu jenem Mathieu, dessen Frau und Tochter sie jetzt begleiten. Capitaine Mathieu Brochard, der einst Kubalegs Schwadronkommandant gewesen war. Kubaleg erklärte ihnen auch, dass dieser Mathieu Brochard inzwischen eine Agentur für Marketingberatung in dem kleinen elsässischen Städtchen Marlenheim, knapp 20 Kilometer von Straßbourg entfernt betreiben würde. Dieser Mathieu Brochard wäre der Mann, der ihn ‚gezwungen‘ hätte, seine politischen Kontakte spielen zu lassen, wenn es um die Reisedokumente von südamerikanischen Einwanderern ging, die ansonsten recht lange hätten warten müssen. Er hatte das natürlich deswegen gerne getan, weil er wusste, dass diese Menschen noch nicht mal einen Fuß nach Frankreich setzen würden; die würden in Luxembourg landen und dann direkt nach Liége in Belgien oder nach Treves, also Trier gebracht. Mit dem gefesselten Ehepaar Kubaleg auf dem Rücksitz von deren eigenen Peugeot 507, war dann Jamina dem BMW X3 gefolgt, in dem Drusilia und Cloe, mit dem Hunden im Kofferraum und im Font, gemütlich über Nebenstraßen von Thionville über Metz, Vic-sur-Seille und dann quer durch die Vogesen nach Hagenau oder richtiger nach Haguenau gefahren waren. Haguenau war eigentlich ein Umweg. Als sie dann gestern Abend kurz vor Mitternacht in Hagenau ankamen, hatte Drusilia mit ihrem Smartphone ein paar Aufnahmen einer Gedenktafel gemacht und das beste Exemplar davon an Fridericus geschickt.

‚RUE du CHATEAU ANCIEN CHÂTEAU IMPÉRIAL ICI S'ELEVAIT LA CHA-PELLE PALATINE BERCEAU DE LA VILLE DE HAGUENAU CONSACREE PAR ST LEON IX VERS 1035 AGRANDIE PAR FREDERIC BARBEROUSSE VERS 1170 - 1184 DEMOLIE EN 1687.

Schlossstraße – Altes Kaiserschloss – Hier erhob sich die Pfalzkapelle, Wiege der Stadt Haguenau, geweiht durch den Hl. Leon IX. gegen 1035, vergrößert durch Friedrich Barbarossa gegen 1170 bis 1184, zerstört 1687.‘

Fridericus hatte ja häufig betont, dass er in Hagenau oder Haguenau, wie es inzwischen heißt, mit die schönsten Zeiten in seinem früheren Leben verbracht hatte und alleine diese Geste mit dem Abstecher nach Haguenau hat Johannes gezeigt, dass dieser Mann in Drusilias Leben auch keine unwichtige Rolle spielt.

Sie waren dann mit den Kubalegs weiter nach Marlenheim, zu jenem Mathieu Brocchard gefahren, wo sie die Familie Brochard davon überzeugen mussten, dass es für alle gesünder ist, wenn der Capitaine ein paar Details verrät. Der hatte zu-nächst abgestritten, überhaupt zu wissen, wovon sie sprächen und schließlich geschworen, dass er den alten Mann lediglich einmal von weitem sah und ansonsten nur telefonischen Kontakt hatte. Die ganze Kommunikation würde eigentlich über die extrem hässliche Urenkelin erfolgen, mit der er nur sehr ungern zu tun hätte. Er hatte ihnen die Telefonnummer gegeben und sich dann geweigert, weitere Details zu verraten. Auch Drusilia konnte nicht mehr von ihm in Erfahrung bringen. Es war der gute Whisky, der Johannes Gedanken dann beflügelte, denn niemand von ihnen wollte dem Mann, seiner Frau und der kleinen Tochter etwas antun, obwohl dieser Mann zugegeben hatte, dass sein Auftrag darin bestand, sie alle töten zu lassen. Dass die Frau des ehemaligen Offiziers bei diesen Aussagen große Augen bekam und auch der Unterpräfekt Kubaleg plötzlich Verständnis für die Situation zu haben scheint, müssen die dann später untereinander mit Mathieu Brochard ausmachen. Ursprünglich wollten sie die Ehefrau und die Tochter von Mathieu Brochard mit ausreichend Ge-tränken und etwas zu Essen in einem Kellerraum einsperren und die anderen drei Erwachsenen sollten gefesselt in einem anderen Kellerraum zurückgelassen werden. Wenn alles vorüber ist, werden sie ohnehin die Polizei informieren, die die Leute befreien soll. Aber dass das kleine Mädchen ausgerechnet vier Jahre alt ist und rote Haare hat, ist sowohl für Jamina als auch für Cloe zum Teil dafür ausschlaggebend gewesen, dass sie sich eine Alternativlösung einfallen ließen. Cloe, Drusilia und Jamina hatten sich mit Francine Brochard eine Weile darüber unterhalten, dass Kinder und Mütter in solchen Konflikten eigentlich nichts verloren hätten und dass man der kleinen Nicolette unbedingt ersparen sollte, in einem Keller eingesperrt zu werden. Francine und ihrer Tochter wurde also angeboten, sie zu begleiten und da sitzen sie nun.

Now let the day begin, let the day begin…’

“Wie kommt es, dass euch mein Mann umbringen lassen wollte? Was habt ihr getan?“

„Ach Liebes, das ist eine wirklich lange Geschichte. Aber eines kann ich dir mit Sicherheit sagen. Es liegt nicht an uns. Sieh dir hier unsere kleine Jamina an. Siehst du die ganzen, gerade frisch verheilten Narben? Die stammen von einer Splittergranate, die ein mutiger Freund von uns zu demjenigen zurückgeworfen hat, der sie zuvor in den Raum warf, in dem Jamina und eine weitere Freundin von uns Informationen über eine Zeit suchten, als hier noch das römische Imperium herrschte. Wäre die Granate in diesem Raum explodiert, hätte es diese junge Frau hier in viele kleine Fetzen zerrissen. Den Befehl dazu hat offensichtlich dein Mann gegeben und der ist es wohl auch gewesen, der die Leute dafür in Nordafrika angeworben hat. Du solltest besser ihm die Fragen nach dem ‚warum und wieso‘ stellen. Er sollte die Fragen besser beantworten können, als wir. Uns würde die Antwort natürlich auch interessieren und aus diesem Grund werden wir noch heute jemand besuchen. Wir erwarten dann von diesem Mann die Antworten auf die Fragen, die uns dein Mann nicht geben wollte und ich bin mir sicher, dass wir dann nicht mehr so rücksichtsvoll sein werden. Zum Glück weiß der noch nichts von diesem Besuch.“

Es ist wirklich kaum ein Unterschied feststellbar. Cloe hat den gleichen Tonfall, die gleiche Stimmlage und abgesehen von der Augenfarbe, auch das gleiche Aussehen wie Drusilia. Dennoch muss Johannes nicht hinsehen, um zu wissen, dass es Cloe und nicht Drusilia ist, die Francine eine recht ausführliche Antwort zu geben versucht. Aber offenbar ist sie mit ihrer Erklärung noch nicht fertig. Sie hat lediglich ein Stück Baguette abgebissen, gekaut und runtergeschluckt.

„Vorgestern Abend hat ein bolivianischer Killer versucht, mich und Hannes mit einer Maschinenpistole zu erschießen. Hannes hatte den zuvor bei dem Versuch gefangen genommen, zwei unserer Freunde mit eben jener Maschinenpistole umzubringen. Hannes und mir ist es gleichzeitig gelungen, diesen Mistkerl zu erschießen, bevor er tatsächlich sein Vorhaben zu Ende bringen konnte. Der Freund von uns, der Wochen zuvor den Anschlag auf Janina mit der Granate verhindern konnte, ist bei dieser Gelegenheit ziemlich schwer verletzt worden, ist aber nicht mehr in Lebensgefahr, wird aber vermutlich einen Arm verlieren. Auch hier möchten wir von dem alten Mann wissen, warum er der Meinung ist, dass Recht zu haben, uns einfach so töten lassen zu können. Dein Mann hat im Übrigen dieses Killernetzwerk aufgebaut, Francine, und wir sind nicht die ersten, die auf dieser Liste gestanden haben. Aber wir sind offenbar die ersten, denen es gelungen ist, zu überleben und wir werden nun den Spieß umdrehen, wenn du weißt, was ich meine. Dein Mann wird sicherlich keine Todesliste mehr erstellen.“

„Es ist schon merkwürdig, nicht wahr? Eigentlich sollte ich euch jetzt eine Lügnerin nennen und alles, was ihr sagtet, als Blödsinn und als Ausgeburt eurer Phantasie abtun, aber merkwürdigerweise glaube ich euch jedes Wort. Ihr macht zwar einen sehr gefährlichen Eindruck und sicherlich seid ihr auch gefährlich, doch andererseits seid ihr … wie soll ich es sagen … ich glaube, dass ihr in dieser Geschichte tatsächlich die ‚Guten‘ seid. Leider bedeutet das für Mathieu, dass er auf der anderen Seite steht, nicht wahr?“

*..*

Sie parken mit den beiden Autos auf dem recht neu angelegten Besucherparkplatz ‚Forte de Mutzig/Feste Kaiser Wilhelm II‘ und ein Schild verkündet in Französisch und Deutsch, dass Führungen im Zeitraum vom 1.1. bis zum 31.3. nur samstags und sonntags von 13:30h in Deutsch und um 14:00h in Französisch angeboten werden. Besichtigungen für Gruppen gegen Absprache. Eine schmale Straße, die weder auf der großen Wanderkarte neben dem Kassenhäuschen der Festung, noch auf der GPS Karte des Navigationssystems des BMW und des Peugeot abgebildet ist, führt rechts an der Festungsanlage vorbei und verschwindet in einer Baumgruppe leicht unterhalb der Festung. Jamina und Drusilia sind vor einem Augenblick auf eben dieser Straße zurückgekommen, die sie zu Fuß erkundet hatten. Wegen des kalten Windes hatten sich die beiden Frauen in ihre dicken Parkas eingepackt und die Kapuzen aufgesetzt. Johannes hatte scherzhaft bemerkt, dass Jamina wie eine kleine Eskimofrau aussehen würde und sie auf die Nase geküsst, die aus der Kapuze herausschaut. „Es wird nicht einfach werden. Bereits 150 Meter vor dem massiven Tor sind Kameras links und rechts vom Weg angebracht und überall stehen Schilder mit dem Hinweis, dass es sich bei diesem Weg um einen Privatweg handelt und unbefugte keinen Zutritt haben. Die haben sich sogar die Mühe gemacht, das Ganze in drei Sprachen anzuzeigen. Als wir dann in die Nähe des Tores gingen, rief uns jemand über einen Lautsprecher unhöflich und verärgert zu, dass wir den Weg gefälligst wieder so zurückzugehen hätten, wie wir gekommen waren.“

Jamina zittert noch etwas wegen der Kälte dort draußen. Das Display des Peugeot zeigt -3°C Außentemperatur an und der frische Wind war ihr durch die Jeans gegangen und ihre Finger, die sie zwar in die Taschen des Parkas gesteckt hatte, sind trotzdem leicht Blau. Sie sitzen in dem geräumigen Peugeot, dessen Innenraum angenehm warm ist und machen sich Gedanken darüber, wie sie weiter vorgehen wollen, denn Drusilia hat Jaminas Beobachtungen um ein weiteres Detail ergänzt.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich links und rechts des Tores zwei MGs befinden, deren Läufe wahrscheinlich fern-gesteuert ausgerichtet werden können, denn unmittelbar neben diesen Öffnungen befinden sich Kameras, die wahrscheinlich der Zielerfassung dienen. Alleine die Anwesenheit der MGs zeigt allerdings, dass wir hier richtig sind. Zunächst hatte ich ja hier wegen dieses ganzen Festungsmuseums meine Zweifel, aber nun weiß ich es. Dort sind die Leute, die wir suchen!“

„Was sind MGs Ophelia?“

Die Frage der kleinen Nicolette, die auf dem Schoß ihrer Mutter in der Mitte der Rückbank sitzt, zeigt, dass die Kleine zwar aufmerksam das Gespräch verfolgt, aber ihre Schwierigkeiten hat, Cloe und Drusilia alias Ophelia und Ursula, auseinander zu halten. Anstatt Drusilia antwortet Cloe, die sich als Ophelia natürlich angesprochen fühlt.

„Nun, Kleines, MGs sind Maschinengewehre und das sind ganz schön gefährliche Dinge. Dein Papa wird dir eines Tages erklären, um was es sich dabei handelt, meine Süße. Wegen der MGs Ursula…, kannst du dich noch an die Baumaschinen erinnern, die wir auf dem Weg hier herauf auf der Baustelle gesehen hatten?“

Johannes weiß, was Cloe meint. Nur etwa 200 Meter vor dem Parkplatz befindet sich eine Baustelle und auch ihm waren die Maschinen aufgefallen, die sich hinter dem Bauzaun aus Drahtgitterelementen befinden. Ein großer Liebherr 544 Radlader, dessen riesige 6m³ Schaufel in einem großen Haufen Erde steckt und eine große, ältere CAT D6 Planierraupe mit einem großen Planierschild, waren ihm sofort ins Auge gefallen. Zwei Minibagger, ein großer Materialcontainer und die beiden großen Baumaschinen stehen mehr oder weniger unbewacht auf dem halbkreisförmigen Gelände, auf dem möglicherweise einmal ein weiterer Parkplatz entstehen soll. Johannes greift die Idee auf und bietet an, die beiden Maschinen kurzzuschließen, denn mit der modernen Sicherheitstechnik ist auch das nicht mehr so einfach.

-:-:-<

Eine halbe Stunde später rattert die CAT Planierraupe in maximaler Geschwindigkeit den schmalen Weg hinunter und im Abstand von ungefähr 50 Metern folgt der große Radlader, dessen Sicherheitssystem zu überlisten tatsächlich etwas länger gedauert hatte. Zum Glück kennt sich Johannes durch seine früheren Tätigkeiten mit diesen Geräten aus, sonst hätten sie sich etwas Anderes als die Idee mit den Baumaschinen einfallen lassen müssen. Er hat die Seitentür der Raupe offengelassen, weil er abspringen wird, bevor die Raupe das Tor erreicht. Mit Klebeband, das sie im Werkzeugkasten des Radladers gefunden hatten, hat er den Joystick des Fahrantriebes so fixiert, dass die Raupe ihre maximale Geschwindigkeit beibehält. Weil er von Drusilia und Jamina weiß, dass nach der letzten Kurve, die der Weg oder die schmale Straße vor dem Tor beschreibt, eine Gerade von etwa 50 oder 60 Metern kommt, die dann unmittelbar vor das Tor führt, muss er sich dann beeilen, um die Einstellung für die Fahrtrichtung eben-falls schnell zu fixieren und das Planierschild noch etwas anzuheben. Vor Aufregung und vor Kälte ist er am zittern und als er jetzt das große Tor vor sich sieht, ist er am zweifeln, ob es der schweren Baumaschine tatsächlich gelingen wird, das Tor zu überwinden. Er hebt das Planierschild noch etwas an und fixiert den Joystick für die Fahrtrichtung, als er die Einschläge an dem Planierschild hört. Er springt mit einem Satz von der Raupe und rollt sich auf dem gefrorenen Boden neben dem Weg ab. Er kommt sich vor, als ob er einen Köpfer in ein trocken gelegtes Schwimmbecken gemacht hätte. Seine linke Schulter ist vermutlich mal wieder ausgekugelt. Er beißt die Zähne zusammen und dreht sich im Liegen so herum, dass er sehen kann, was mit der CAT Raupe weiter geschieht. Mit unverminderter Geschwindigkeit hat diese sich inzwischen fast dem Tor genähert und er kann erkennen, dass das massive Planierschild inzwischen fast wie ein Sieb aussieht. Der schwere Dieselmotor qualmt schwarz und ist wohl ebenfalls bereits getroffen worden. Dennoch trifft die schwere Raupe mit einer Geschwindigkeit von 20 km/h auf das Stahltor und ohne nennenswert langsamer zu werden, drückt die knapp 13 Tonnen schwere Arbeitsmaschine die massive Stahlplatte nach hinten und schiebt diese vor sich her. Der Beschuss von den MGs hat inzwischen aufgehört, was vermutlich daran liegt, dass die Munitionsbehälter leergeschossen sein dürften und Johannes versucht sich aufzurichten, indem er sich mit dem rechten Arm am Boden abstützt. Er stöhnt laut auf, weil sich die Bewegung natürlich trotzdem auf die linke Schulter überträgt und der Schmerz wie ein Stromschlag wirkt. Aber schließlich ist er einiges gewöhnt und es ist nicht das erste Mal, dass er sich eine Schulter ausgerenkt hat. Das Einrenken ist bisher allerdings immer der schmerzhaftere Teil gewesen. Cloe hält jetzt mit dem Liebherr Radlader neben ihm, dessen gewaltige 6m³ Schaufel mit Erde und Kies gefüllt ist. Damit sollte sie gegen den Beschuss mit panzerbrechender Munition recht gut geschützt sein. Sie ruft vom Führerstand herunter: „Du bist verletzt!“

„Schulter ausgerenkt, mehr nicht. Deine Mutter soll sich darum kümmern.“ Und wie auf Stichwort sagt deren Stimme hinter ihm: „Na Junge, du hättest am besten einen Fallschirm mitnehmen sollen. Das kommt davon, wenn man seinen Körper vernachlässigt! … Komm, ich helfe dir, denn so bist du eher ein Hindernis für uns.“

Bevor Johannes überhaupt reagieren kann, hat die Frau bereits seinen linken Arm an der Hand und am Ellenbogen gepackt, den Unterarm angewinkelt und seitlich angehoben, um den Arm dann nach oben zu ziehen. Johannes schreit vor Schmerz auf und spürt, wie das Schultergelenk wieder einrastet. Der Schmerz ist nicht mehr so schlimm, aber er hat noch ein taubes Gefühl im Arm. „Halte den Arm ruhig und wenn du unbedingt schießen musst, dann tu das mit rechts. Ach ja, hier: Die hast du verloren.“

Drusilia hält ihm die MP7 hin, die ihm beim Sprung aus der Hand gefallen war. Sie folgen Cloe zu Fuß auf das Gelände der Villa Kaiser Wilhelm II und sehen, wie Cloe einen Bogen um die CAT Raupe fährt, deren Motor offenbar doch noch durch dem MG Beschuss abgestorben ist. Aber immerhin hat sie noch ungefähr 20 Meter zurücklegen können, was etwa einem Drittel der Entfernung vom Tor zu dem Gebäude entspricht, dass eine Mischung aus Bunker und modernem Flachbau zu sein scheint. Das Erdgeschoss verfügt über eine etwa acht Meter breite Glasfront im Bereich der großen Eingangshalle, die im Moment verlassen scheint. Links und rechts der Eingangshalle sind dicke Betonwände, was alleine durch den Übergang der Glasfassade und den Wänden zu erkennen ist. Diese Wände sind beide jeweils fünf oder sechs Meter lang, wodurch das Gebäude eine Länge von ungefähr 20 Metern hat. Die einzige darüber liegende Etage des Flachbaus hat lediglich ein paar kleinere Fenster, von denen ein paar offensichtlich so etwas Ähnliches wie Schießscharten für weitere Maschinengewehre sind. Der Radlader steht unter Dauerbeschuss und um den Winkel für den Beschuss nicht zu flach werden zu lassen und sich selbst in Gefahr zu bringen, ist Cloe mit dem Radlader stehen geblieben. Nach und nach ebbt der Beschuss durch die MGs ab und Johannes sieht, wie aus dem Auspuff des Radladers eine kleine Qualmwolke aufsteigt, als Cloe den etwa 16 Tonnen schweren 544 beschleunigt und mit Vollgas durch die Glasfront im Erdgeschoss rast.

**⁄..

Sie ist sitzengeblieben und hat sich lediglich im Führerhaus etwas geduckt, weil das Dach nach hinten gedrückt worden ist. Sie kann den Radlader dadurch nicht mehr rechtzeitig ab-bremsen, überfährt eine kleine Sitzgruppe mit Cocktailsesselchen und einen kleinen Glastisch, zerstört vier Säulen und knallt durch die gegenüberliegende Wand, die dadurch zusammenfällt. Über ihr knackt es nun vernehmlich, was vermutlich damit zusammenhängt, dass die Statik des Bauwerkes durch die fehlenden Säulen und die zerstörte Wand stark geschwächt ist. Vom Aufprall leicht benommen bemerkt sie erst jetzt, wie etwas über ihre Stirn und die Nase läuft. Sie tastet mit der linken Hand an ihre Stirn, während sie mit rechts ihre MP7 aufnimmt. Mist. Wieder einmal eine Platzwunde! Außer-dem hat sie leichte Schmerzen in der Brust. Die gebrochenen Rippen. Nun, sie ist eben auch nicht mehr die Jüngste…

Sie hört, wie Drusilia etwas ruft, was aber in den Schussgeräuschen von weiteren Maschinengewehren untergeht, die plötzlich den Radlader unter Beschuss nehmen. Sie kann spüren, wie der Radlader deutlich mehr als einen halben Meter absackt, weil die Reifen vermutlich zerschossen worden sind und sie merkt, wie über ihr kleinere Betonbrocken auf das beschädigte Dach des Radladers fallen. Auch hier handelt es sich offenbar wieder um automatisch gesteuerte Maschinengewehre, denn der Beschuss endet nach etwa zwei Minuten, weil die ihre Munition verschossen haben, oder die Läufe heißgeschossen sind. Sie kriecht aus dem Führerhaus, das inzwischen bedenklich knackt und sieht über die Radladerschaufel hinweg, dass sich hinter der Wand, die sie eingedrückt hat, ein Treppenhaus und ein kleiner Flur oder ein kleiner Raum befindet.

„Silia, Hannes! Hierher! Hinter die Wand! Die scheiß Decke hier vorne bricht gleich zusammen!“

Sie sieht nicht nach, ob die Beiden ihrem Ruf folgen, sondern klettert über die Trümmer der ehemaligen Wand aus schweren Beton-Hohlblocksteinen. Sie schreckt zusammen, als sie die junge Frau sieht, die halb von den Steinen verschüttet ist und zitternd eine kleine Pistole vage in ihre Richtung halten will. Sie springt in einen Satz nach vorne und tritt der Frau an den Unterarm, der vernehmlich knackt und die Pistole fliegt im hohen Bogen an die hintere Wand, wobei sich beim Aufprall ein Schuss löst, der als Querschläger durch den Raum jault, der so eine Art Technikraum zu sein scheint. Zumindest stehen hier ein Server, mehrere Schaltschränke und eine kleine Werkbank mit etlichen Steckdosen darüber. Cloe öffnet die Schaltschränke und schaltet aus, was sich ausschalten lässt. Wahllos drückt sie Kippschalter nach unten und bemerkt, wie sie allmählich ruhiger wird. Selbst nach vielen Jahrhunderten ist es noch so, dass ihr Körper unter Kampfbelastung zu Höchstleistung hochfährt und regelrecht unter Spannung steht, die nur allmählich nachlässt. Aber noch ist es nicht vorbei. Sie sind längst nicht am Ziel. Eine Hand streicht über ihren Hinterkopf und über ihren Rücken. Ihre Mutter! Natürlich. Sie hört, wie sie sagt: „Komm Hannes, hilf mir mal mit der Kleinen hier. Such dir mal was, womit du die Trümmer anheben kannst und ich ziehe sie dann raus.“

Hannes hat tatsächlich ein Stück Stahlrohr gefunden, dass er als Hebel ansetzt. Aber als er das Rohr nach unten drückt, stöhnt der vor Schmerz auf. Cloe hatte vorhin ja gesehen, wie er sich bei dem Sprung von der Raupe die Schulter ausgerenkt hatte. Sie hilft ihm mit dem Rohr und ihre Mutter packt die junge Frau unter den Armen, um sie aus dem Schutt zu ziehen. Die Kleine hat sicherlich auch ein gebrochenes Bein, was bei diesen dünnen Beinchen natürlich kein Wunder ist und ihr rechter Unterarm ist wahrscheinlich auch gebrochen. Sie wimmert, als sie von Drusilia an die Wand eines Schaltschranks gelehnt wird und Tränen laufen ihr über das schöne Gesicht, das beinahe etwas Volerisch/Cloelisches hat. So sahen ihre jüngeren Geschwister auch einmal aus, oder zumindest so ähnlich. Hinter ihnen knackt es jetzt recht laut und mit einem dumpfen Schlag fällt ein gewaltiges Betonstück in die ehemalige Eingangshalle. Eine Staubwolke nimmt ihr für einen Moment die Sicht und sie hört, wie ihre Mutter etwas sagt.

„Was ist?“

„Ich sagte, dass wir uns über die Treppe vorsichtig nach oben kämpfen sollten, bevor die von dort oben mit den Trümmern zu uns runterkommen.“


 

© Hartmut Emrich