Hartmut Emrich

Autor und Herausgeber

Buch der Woche KW 48-49

Auf dieser Seite stelle ich mehr oder weniger regelmäßig Auszüge aus einem meiner Bücher als kleine Leseprobe ein.

In den folgenden Wochen bringe ich wieder Auszüge aus dem Buch 'Die falsche Seite des
Regenbogens'

Das zweite Kapitel 

Sybilla de Cosla / Etienne Penicillus de la Motte - Virgo sum - die Tochter des Herzogs

Sommer 953 / Frühherbst 965

„Ich wurde im Jahr des Herrn 944 an einem 18. Martius auf dem Curtis, also dem Reichshof, zu Cosla geboren und meine Mutter war eine Frau des alten Volkes, das jene Ruinen hinterlassen hatte, in denen mein zwei Jahre älterer Vetter, mein nur eineinhalb Jahre jüngerer Bruder und ich als Kinder häufig spielten. Mutter erzog uns in der alten Sprache, die ihr als Latein kennt und die von den Menschen in dieser Gegend des ostfränkischen Reiches bereits gesprochen wurde, als die Franken noch keine Bedeutung hatten und als Plünderer und Menschenschinder die Welt verwüsteten. Meine Mutter hatte nämlich eine Chronik unserer Familie, die schon fast so alt wie die Welt ist und aus dieser Chronik las sie uns an den langen Wintermonaten vor, wenn draußen der Schnee so hoch lag, dass man darin versinken konnte. Es waren die Geschichten meiner Familie von der Seite meiner Mutter und es waren die Geschichten des alten Volkes. Als Tochter des Prokurators des Curtis zu Cosla und der zugehörigen Civitas hatte sie Zugang zu dieser Chronik, die aus vielen Pergamenten bestand, die in alten Tonröhren in einem Seitenraum des Vestibulum im Haupthaus aufbewahrt wurden. Mutter brachte uns natürlich auch bei, wie die Zeichen auf den Pergamenten zu lesen sind und so verbrachte ich vor dem Sommer 953 bei schlechtem Wetter viel Zeit damit, jene alten Pergamente zu entziffern und ich versuchte mir vorzustellen, wie es in jener Zeit gewesen sein muss, als Rom für die Menschen das Zentrum ihrer Welt gewesen war. Aber Rom war weit weg und für mich lediglich der Name einer Stadt, die sich meiner Vorstellungskraft entzog. Als ich in den Pergamenten von Cäsar Constantinus dem Großen las, der in Augusta Treverorum als Hauptstadt des weströmischen Reiches herrschte, fand ich das unglaublich spannend, denn Treveros war ja gerade mal zwei Tagesreisen entfernt, wenn man mit einem Pferd unterwegs war oder drei Tage, wenn man eine Reisekutsche benutzte, wie sie häufig auf dem Hof Station machten, um die Pferde zu wechseln und die Vorräte zu ergänzen. Das war nämlich einer der wichtigsten Aufgaben des Curtis, also des Reichshofes. Pferde für den Kaiser und für die wichtigen Männer des Reiches zu züchten und zur Verfügung zu stellen, wenn diese benötigt wurden. Mein Vater, von dem ich laut meiner Mutter meine roten Haare habe, ist auch einer dieser wichtigen Männer des Reiches gewesen und er ist auch indirekt der Grund für mein Aussehen, aber darauf komme ich später zu sprechen. Mein Vater war Conrad de Sal, oder auch Rufus Conrad oder auch Conrad der Rote, Duc oder Herzog von Lotharingia und meine Mutter Isabelle war eine der vier Frauen, die ihm Kinder geschenkt hatten, ohne mit ihm in Ehe gewesen zu sein.“
Sybilla unterbricht ihre Erzählung, um einen großen Schluck Wasser aus dem Ziegenbalg zu trinken und Etienne lässt das Gehörte in seinen Gedanken wie das Echo einer Glocke nachklingen. Ihr Latein ist so außerordentlich gut, dass es ihm leicht fällt, ihren Worten zu folgen und sie gibt sich Mühe, langsam zu sprechen, was ihm dabei hilft, ihrer Erzählung auch mit Gedankenbildern zu folgen. Sie erzählt mit der Stimme eines Mädchens, dem man eine große Leidenschaft und eine große Begeisterungsfähigkeit anmerken kann.
„Jedenfalls wollte ich, als ich feststellte, dass wir nicht weit von Treverorum entfernt lebten, unbedingt einmal sehen, wie das Zentrum der Welt aussieht und das war meine erste große Enttäuschung in meinem Leben. Es war im Sommer nach meinem achten Geburtstag, als mich Großvater Marcus mit nach Treveros nahm, wie es bei den Menschen inzwischen heißt. Aber von der Pracht und den ganzen Dingen, von denen ich in den Pergamenten gelesen hatte, war nichts mehr zu sehen. Aber nicht nur das: die Menschen, die in Treveros lebten, wussten noch nicht einmal von was ich sprach, als ich nach dem Theater, den Bädern und dem Circus fragte. Großvater, der meine Neugier teils belustigt kommentierte oder dem diese wohl auch manchmal peinlich zu sein schien, erklärte mir dann auf dem Rückweg nach Cosla, dass jene Geschichten von einer Zeit handeln würden, die schon so lange vorüber sei, dass die Menschen in diesem Teil der Welt längst alles über ihre Herkunft vergessen hätten. Mehr als zehn Generationen Menschen wären inzwischen geboren worden und wieder gestorben und weil die wenigsten Menschen über eine Chronik wie die unsere verfügten, wäre alles Wissen um das einstige Augusta Treverorum verloren gegangen. Was mich allerdings bei jener Fahrt am meisten erschreckte, war Großvaters Aussage, dass die Priester einen erheblichen Anteil am Vergessen der Menschen hätten. Die Priester des Christengottes, so sagte er wörtlich, wären hauptsächlich für dieses Vergessen verantwortlich, denn die hätten in den Jahren der großen Kriege dafür gesorgt, dass die Menschen nicht nur die alten Götter sondern auch alle Aufzeichnungen ihrer Vorfahren vernichtet hätten. Häresie wäre einer der beliebtesten Gründe gewesen, um unbeliebte Menschen öffentlich hinzurichten, damit die anderen abgeschreckt würden, nicht ebenso zum Häretiker zu werden. Großvater hatte eine sehr plastische Art, wie er die Foltern und Qualen schildern konnte, die man diesen Häretikern hatte angedeihen lassen und in meinem Kopf konnte ich mir bildlich vorstellen, wie man den Männern und Frauen den Unterleib aufschnitt und deren Därme langsam auf ein Stück Holz aufwickelte, wie bei einem Brunnenseil, mit dem man den Eimer heraufzieht. Wie gesagt, Großvaters Schilderungen waren ungemein deutlich und ich verstand, dass er da aus eigener Erfahrung heraus berichtete. Meine Enttäuschung über den Besuch in Treveros hielt aber nicht lange an, denn in jenem Jahr, es war das Jahr des Herrn 952 nach der Geburt unseres Erlösers, lernte ich meinen Vater kennen.
Herr Conrad, dessen rote Haare ihm als langer Zopf lang auf dem Rücken, weit über die Schultern lagen, kam kurz nach unserer Rückkehr von Treveros auf den Reichshof und blieb mehr als eineinhalb Wochen, bis ein Bote des Kaiser Otto kam, der ihn unverzüglich nach Italien befahl, um dort als Statthalter des Kaisers in Pavia aufzutreten.
Mein Vater, der in jenem Sommer 30 Jahre alt geworden war, ist der größte und stattlichste Mann gewesen, den ich bis dahin zu Gesicht bekommen hatte und er war sicherlich der schönste und interessanteste Mann, den ich je zu sehen bekommen hatte. Bis zu seiner plötzlichen Abreise hatte er viel Zeit mit meinem Großvater verbracht und natürlich mit meiner Mutter. Herr Conrad war zu diesem Zeitpunkt bereits der Ehemann von des Kaisers Tochter Liutgard und als dessen Schwiegersohn leistete er dem Befehl des Kaisers natürlich Folge und brach unverzüglich auf und ich war mir sicher, noch nie in meinem Leben einen schöneren Anblick als an jenem Morgen gesehen zu haben. Die Sonne war noch nicht richtig aufgegangen und der Tau hatte überall auf dem Gras und den Blättern der Bäume kleine Perlen entstehen lassen. Mutter hatte uns zwar verboten, an jenem Morgen dem Abschied beizuwohnen, denn sie wollte eine allzu große Aufmerksamkeit vermeiden, aber ich hatte mich mit meinem jüngeren Bruder Burchard aus dem Bett geschlichen und sah, wie die Knechte die Pferde aus dem großen Stall führten und bereit machten. Die Nüstern der Pferde stießen weißen Dampf aus, als die Knechte die Sattelgurte festzogen und ich glaubte beinahe, dass sie wie die Ungeheuer wären, von denen die Menschen des einfachen Volkes immer erzählten. Dreißig Reiter hatte Vater in seiner Begleitung und jeder dieser Männer war ein kampferprobter Krieger mit Narben an den Armen und im Gesicht und jeder von denen hatte in den letzten Tagen um meine Aufmerksamkeit gebuhlt und mich auf dem Arm halten wollen. Männer, die nach saurem Schweiß, Pferden, altem Leder und nach dem Öl ihrer Waffen und dem stark verdünnten Wein und Bier rochen. Schauderhaft und doch gleichermaßen anziehend und interessant.
Ich kannte die meisten von ihnen mit Namen und sie freuten sich ungemein, wenn ich sie auch mit dem richtigen Namen ansprach. Das waren die Männer, die an jenem Morgen ihre Pferde bestiegen und als die ersten Strahlen der Sonne über die Berge im Osten kamen und die feinen Wassertröpfchen auf den Blättern der Bäume zu glitzern begannen, nahmen sie Abschied und ritten auf der Heerstraße in Richtung Süden davon. Mit der aufgehenden Sonne war leichter Nebel aufgestiegen und das Letzte, was ich von den Männern sah, war wie einer nach dem anderen vom Nebel verschluckt wurde. Ich musste weinen und wusste nicht warum und ich weinte den ganzen Tag.
Es war das einzige Mal, dass ich meinen Vater zu sehen bekam, denn nur zwei Jahre später wurde er in einer Schlacht weit ihm Osten getötet. Aber zu diesem Zeitpunkt lebte außer mir bereits niemand mehr von meiner Familie, denn mein Vater überwarf sich gemeinsam mit des Kaisers Sohn Liudolf mit dem Kaiser. Dabei ging es, das erfuhr ich nach dem Tod meiner Familie, um einen gewissen Heinricus den Bajuwaren, der ein Bruder des Kaisers war und der eine Rolle spielte, die ich bis heute nicht verstehe. Jener Heinricus hatte im Frühjahr im Jahre des Herrn 953 den Zug der Frau Luitgard, also der getrauten Frau meines Vaters, überfallen lassen um meinen vier Jahre jüngeren Halbbruder Otto als Geißel nehmen zu können. Der Überfall scheiterte zwar, aber Frau Luitgard wurde verletzt und starb kurz darauf. Mein Vater und sein Schwager Liudolf verbündeten sich gegen den ausdrücklichen Befehl des Kaisers gegen dessen Bruder und Heinricus schickte im Sommer 953 seine Krieger aus, um die Bastardkinder meines Vaters zu finden und zu töten. Ich weiß das, weil Berthilda damals als Begleiterin mit jenen Männern ritt. Sie erlebte, wie die drei anderen Frauen die jeweils ein Kind meines Vaters empfangen hatten, geschändet und geschlachtet worden waren. Mutter Berthilda war die Kebsfrau von Heinricus und Schwester des Hauptmanns von Heinricus Reitern und ich weiß, dass sie auch als Hure für das Wohl der Krieger willkommen war. Sie konnte wie ein Mann reiten und sie war vor allem aber für die Wundversorgung der Krieger verantwortlich, weil sie damals bereits über ein ungemein großes Wissen über die Kräuter und deren Wirkung verfügte.
Der Überfall auf den Curtis zu Cosla erfolgte in jenem Sommer im Jahre des Herrn 953 zu Beginn des Augustus und weil die Angreifer abends nach einem langen Erntetag auf den Feldern des Curtis ankamen und die Männer müde von der Arbeit waren, gab es keinen nennenswerten Widerstand. Meinem Großvater, meiner Mutter und meinem Bruder gelang es dennoch, sich in den verborgenen Kellerraum zurückzuziehen, der kaum jemand im Haus bekannt war. Ich war mit den Knechten und Mägden draußen auf den Feldern gewesen, um beim Binden der Garben zu helfen und die Krieger des Heinricus verstanden es hervorragend, die überlebenden Knechte und Mägde nach meiner Familie zu befragen. Ich war schnell als Tochter Conrads identifiziert und weil niemand wusste, wo sich meine Mutter und mein Bruder verborgen hatten, wurde ich natürlich befragt. Ich wurde zunächst nackt über den Tisch gelegt und mit den Gerten der Männer blutig geschlagen. Doch ich verriet ihnen nichts, obwohl ich Großvaters Schilderung noch in den Ohren hatte, als er von der Folter erzählte. Ich würde denen auch nichts erzählen, wenn sie meine Därme herausziehen würden. Aber die hatten gar nicht die Absicht, mir meine Därme herauszuziehen.
Als ich blutig geschlagen auf dem Tisch lag und noch immer nichts verraten hatte, kam einer der Männer auf die Idee, meinen Kopf auf die heiße Platte des Herdes zu pressen und ich verriet denen schließlich die geheime Tür. Man ließ mich einfach zu Boden fallen und bevor ich mein Bewusstsein verlor, musste ich noch mit ansehen, wie mein Großvater und mein kleiner Bruder erschlagen wurden und was man meiner Mutter antat, bevor man ihr den Kopf abschlug. Als ich zum ersten Mal wieder zu mir kam, lag ich quer auf dem Rücken eines galoppierenden Pferdes und übergab mich, weil mir aus vielerlei Gründen übel war und dann verschwammen die Eindrücke wieder. Erst Tage später setzte dann meine richtige Erinnerung wieder ein. Es waren zunächst die furchtbaren Eindrücke, die mir beinahe den Verstand raubten. Es war nicht die schreckliche Wunde in meinem Gesicht, oder jene auf dem Rücken, die mir zusetzten, wenn ich wach war.
In meinen Träumen und wenn ich wach war, hörte ich ständig eine merkwürdig verzerrte Stimme seltsame Worte murmeln und als ihr vorhin bei meiner Behandlung das Bekenntnis des christlichen Glaubens aufsagtet, erinnerte es mich daran, wie damals vor 12 Jahren jene murmelnde Stimme dafür sorgte, dass ich mehr schlief als ich wachte. Aber es war wohl auch jener Absud aus verschiedenen Kräutern und Wurzeln, der mir sowohl die Schmerzen nahm und viel Schlaf schenkte. Ihr solltet euch ja noch daran erinnern, nicht wahr.“
Etienne schreckt jetzt beinahe auf, als er von Sybilla direkt angesprochen wird, denn er ist so tief in ihre Erzählung versunken, als ob er an einem heißen Nachmittag in dem Sequana schwimmen gewesen war und tief auf den schlammigen Grund des Flusses abgetaucht war um sich abzukühlen. Er murmelt eine Bestätigung wegen der Wirkung des Tranks, den sie ihm ja bereits damals verabreichte, um seine Schmerzen zu lindern und hört ihre langsam gesprochenen Worte ihre Erzählung fortführen.
„Eines Morgens nahm ich zum ersten Mal die Sonne wahr, die auf meine verbrannte Gesichtshälfte schien und weil ich gebunden war und mich nicht bewegen konnte, wurde das zunächst unangenehme Gefühl zu einem Schmerz, der mich aufschreien ließ. Ich hatte wieder das Gefühl, mein Kopf würde auf den Herd gepresst. Ich schrie, aber niemand kam, um mir beizustehen. Erst als ich keine Kraft mehr zum Schreien hatte, kam jemand, der mich aus meiner Lage befreite, mich aus der Sonne holte und mein Gesicht mit etwas einschmierte, dass zunächst wie Feuer brannte, doch kurz darauf meinen Schmerz linderte. Ich erkannte dann das Gesicht jener Frau, die ich über die nächsten zwölf Jahre Mutter nennen sollte und die ich zuvor bereits bei dem Überfall auf den Curtis in der Begleitung meiner Peiniger und der Mörder an meiner Familie sah. Sie hatte bei dem untergehenden Vollmond Kräuter und Wurzeln gesucht und hatte nicht damit gerechnet, dass sie so weit würde gehen müssen, um das Richtige für meine Behandlung zu finden.
Ich erfuhr von ihr, dass sie mich gerettet hätte, weil sie des Mordens leid gewesen sei und sie mein Schicksal dauerte. Sie könne keine eigenen Kinder bekommen und so nahm sie mich an Kindes statt an. Sie hatte mich weiter nach Westen mitgenommen, um den Männern Heinricus zu entkommen und der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Mutter Berthilda und ich traten in Remis in ein Kloster ein und mit ihren Kenntnissen erreichte Berthilda schnell große Bekanntheit. Weil sie nicht lesen und schreiben konnte, half ich ihr dabei, ihr Wissen zum einen aufzuzeichnen, aber auch dabei, es zu erweitern, denn in der Abtei zu Remis gab es eine große Bibliothek und wenn man wusste, wo man etwas finden kann, war es sehr spannend, zu erkennen, dass das Wissen jener Brüder und Schwestern bereits viel älter als die christlichen Bibliotheken ist.
Berthildas Erfolg hatte aber auch Neider und so mussten wir vor vier Jahren aus Remis fliehen um nicht der Hexerei und Zauberei angeklagt zu werden. So kamen wir schließlich nach Saint-Germain-des-Prés. Aber auch dort gab es Menschen, die Berthilda ihren Erfolg bei der Behandlung der Kranken neideten. Ich weiß nicht, ob ihr bemerkt habt, dass wir vor eineinhalb Wochen früh morgens aufbrachen, um uns einer hochnotpeinlichen Be-fragung zu unterziehen. Es waren Gelehrte im Auftrag des Bischofs Albertus de Flandre, die uns mit Verbrennung oder Kreuzigung drohten, sollten wir unsere Praktiken weiter verfolgen. Als wir nach Saint-Germain zurückkehrten, geschah das eigentlich nur, um unsere Habseligkeiten zu holen und dann weiter nach Westen zu ziehen, doch hier gerieten wir in diese Intrige gegen euch und ich wurde vor die Entscheidung gestellt, Berthilda und mich mit der Anklage der Hexerei konfrontiert zu sehen, was ganz sicher den Tod im Feuer nach sich gezogen hätte, oder unser Leben dadurch zu retten, mich nachts kurz zu euch zu legen. Glaubt mir, ich hatte keine Wahl und auch keine Ahnung, was daraus erwachsen würde, ich weiß lediglich, das man Berthilda von der Leibwache des Bischofs abholen ließ, während man euch im Karzer gefangen hielt und mir die Entscheidung überließ, entweder mit ihr oder mit euch zu gehen.“
Es ist fast völlig still. Lediglich ein paar Grillen zirpen und irgendwo ruft ein Käuzchen sein ‚komm-mit - komm-mit‘‚.
Etienne weiß jetzt nicht, was er sagen soll. Er hat so viele Fragen und bereits während des Vortrags, den die Frau mit den feuerroten Haaren nur einmal von einer kurzen Pause um einen Schluck Wasser zu trinken gehalten hatte, war er sich albern und dumm vorgekommen.
Wie konnte er auch annehmen, dass ihn diese Frau mit Absicht in jene Falle gelockt hatte. Es wird Tage dauern, bis er diese Geschichte verarbeitet hat, denn ihre Schilderungen in den langsam gesprochenen Worten in einer Art des Lateinischen, wie er es so noch nie gehört hatte, waren zum Teil so detailliert, dass er meinte, mit dabei gewesen zu sein, als ihr Vater, der ehemalige Herzog von Lotharingen, an jenem Sommermorgen an jenem Reichshof aufbrach. Und wie sie ständig betont hatte, von dem alten Volk abzustammen, von jenen Menschen, für die die römische Sprache die wichtigste Sprache im täglichen Gebrauch war. Etienne muss an jenen Abend denken, bevor er von der Motte hatte aufbrechen müssen. Jenes Gespräch mit Durovic, der ihm gemeinsam mit seiner Mutter erklärt hatte, dass er von einer Seite seiner Vorfahren von einer der wichtigsten römischen Familien abstammen würde, die ihren Ursprung ein paar Meilen südlich von Rom hätten, von der anderen Seite aus einem altpersischen Herrscherhaus und von wieder einer anderen Seite von gallischen Fürsten, die hier bereits gelebt hätten, als die Römer noch nicht existierten. Auch lange Zeit vor irgendwelchen Christen oder Muselmanen, die das Frankenreich von Hispanien her ständig bedrohen.
„Entschuldigt bitte, dass ich euch mehr oder weniger beschuldigte, mich in diese Situation gebracht zu haben. Es ist nur so, dass sich manches so erklären ließ. Ich wurde ja bereits seit meiner Ankunft in der Abtei merkwürdig behandelt und schikaniert und ab dem Tag eurer Ankunft schienen sich die Ereignisse zu beschleunigen.“
„Ach ja, hätte vergessen fast. Ihr erinnert an Benediktiner Frater?“
„Aber ja, natürlich. Diesen Vater … wie hieß der doch gleich? Hmm, ich komme jetzt nicht drauf, aber mir fällt der Name sicherlich wieder ein. Was ist mit dem?“
„Nun, ich sag credere numquam damals auch wegen Benediktiner. Habe gehabt Benediktiner bei Fragerei in Saint Dionysii. War in Auftrag von Bischof Albertus und hat gefragt viel unangenehm Ding. Hat mitgebracht garstig Frau, wo hat … nun, hat geprüft ob ich Virgo, verstehe? Hat gedrohe mit Feuer und hat gefrage nach Geschichte aus Evangelie von Johannis und Marcus. War zufrieden, ich geantwortet und Berthilda auch sicher zufrieden, weil eigentlich hat nur wenig viel Ahnung von Christus.“
Wenig viel Ahnung… auch eine Möglichkeit, um zu erklären, dass Berthilda vermutlich wirklich eine heidnische Kräuterfrau ist. Etwas rauscht über ihre Köpfe hinweg und kurz darauf quiekt nur wenige Schritte entfernt eine Maus einen verzweifelten Todesquieker. Eine Eule hat offenbar ihr Nachtmahl gefangen.
„Lasst uns zumindest versuchen, ein wenig Schlaf zu finden, denn ich bin zu verwirrt, um noch einen klaren Gedanken zu fassen, Sybilla.“
Er rückt sich die abgebrochenen Äste so, dass der Untergrund halbwegs weich ist und er die Striemen auf dem Rücken nicht zu sehr spürt. Er kaut noch auf einem Stück Weidenzweig herum, an dessen bitteren Geschmack er sich inzwischen sogar fast gewöhnt hat, als ihm noch eine Bemerkung einfällt, die Sybilla heute Abend gemacht hatte. ‚Habeo amore captus‘ Wenn sie es in ihrem merkwürdigen Fränkisch gesagt hätte, würde es sich vermutlich wie ‚habe Liebe gefangen‘ anhören. Hatte er sich auch verliebt? Hat er sich auch die Liebe eingefangen wie einen Schnupfen oder wie ein Fieber?
Sie ist nicht nur keine Schönheit. Es ist vielmehr so, dass die Menschen bei ihrem Anblick ihren Kopf angewidert abwenden oder, wenn Platz genug ist, die Straßenseite wechseln. Er hat es in den letzten Tagen oft bemerkt und aus diesem Grund trägt sie die Kapuze ihres Mantels meistens tief über die Stirn gezogen, denn ihr ist dieses Verhalten schließlich auch nicht entgangen.
Nein, sie ist wirklich keine Schönheit! Aber sie ist trotzdem eine besondere Persönlichkeit und er kann sich tatsächlich dieses Bild vorstellen, wie sie sich als neunjähriges Mädchen nackt und blutig geschlagen weigert, ihre Familie zu verraten. Diese Dreckschweine! Ein neunjähriges Mädchen zu foltern, damit die ihre Familie verrät, die dann vor ihren Augen getötet werden.
Weitere Einzelheiten ihrer Geschichte beginnen sich in seinem Gedächtnis zu formen und erinnert sich wieder an den Anfang, als sie sagte ‚ich wurde im Jahr des Herrn 944 an einem 18. Martius auf dem Curtis zu Cosla geboren‘ ihm fällt wieder ein, dass er sagen wollte ‚Der 18. Martius ist auch der Tag meiner Geburt!‘ aber er hatte sie weiter erzählen lassen und ihre Geschichte hatte ihn gefangen.
In der Dunkelheit tastet er nach ihrer Hand und zuckt erschrocken zurück, als er diese früher fühlt, als er sie erwartet hat. Er tastet erneut und nun ist die Hand viel weiter weg als zuvor. Was ist das jetzt? Hatte sie zur gleichen Zeit die gleiche Idee? Er spürt eine Bewegung an seinem Handgelenk. Ein leichtes streichen über die Härchen, nicht mehr. Er verdreht seinen Arm soweit es geht und hält plötzlich ihre deutlich kleinere Hand in seiner. Ihre Finger klammern sich in die Zwischenräume seiner Finger und so liegen sie, bis eine Stimme zu hören ist, die sich weiter unten in Richtung des Uferweges befinden muss. Er öffnet die Augen und bemerkt einen schwachen Lichtschimmer.
Ist das nun ein Zufall oder nicht?
„Das Zufall oder ist kein, Herr Etienne?“ es ist eher gehaucht und so antwortet er genauso leise „Credere numquam, Frau Sybilla.“
Hatte er nicht eben noch an die Menschen gedacht, die bei dem Anblick von Sybilla ihren Blick abgewendet hatten? Und vorgestern, dieser Wagen, der von einem Schiffsanleger mit Bauholz beladen in Richtung auf den Weg eingebogen war und der Wind Sybillas Kapuze erfasst und ihr vom Kopf geweht hatte. Der angewiderte Blick des alten Mannes auf dem Kutschbock und das Kreuz, dass der geschlagen hatte….
Für einen oder mehrere Verfolger ist es sicherlich ein Leichtes gewesen, ihre Spur aufzunehmen und Etienne ist lediglich erstaunt, dass die nicht in der Nähe der Ille de la Motte auf sie beiden warten. Die müssten noch nicht einmal nach ihnen suchen. Sie liegen nun beide bewegungslos auf dem Bauch und blicken hinunter in Richtung der Seine. Es sind mindestens drei Männer, denn es sind auch drei Fackeln zu sehen.
Eine etwas lautere Stimme ist jetzt zu hören „Die müssen hier irgendwo sein, denn bis zu uns sind die gar nicht gekommen. Die müssen sich irgendwo verstecken, verdammte Scheiße.“
Etwas an der Stimme kommt Etienne bekannt vor und es dauert einen Moment, bis ihm plötzlich klar wird, wer da unten so laut spricht und vor allem versteht er, warum die das tun. Der Sprecher ist Frederic Colbert und die wollen sie einschüchtern und somit aus ihrem Versteck treiben. Warum ist Colbert so versessen darauf, ihn schon wieder zu quälen oder gar zu töten? Was hat er dem angetan, dass der so hinter ihm her ist? Hatte Colbert nicht bereits seine Befriedigung, als er vergewaltigt wurde? Die Stimmen und die Fackeln scheinen jetzt den Hang herauf zu kommen und die unterhalten sich jetzt so laut miteinander, dass kein Zweifel an deren Absicht bestehen kann. Es soll eine Treibjagd werden.
„Pssst Sybilla! Verhaltet euch jetzt ganz still und verkriecht euch hier bei unserem Gepäck. Ich werde euch mit den Zweigen zudecken, damit euch niemand finden kann.“
„Was bei allen Heiligen habt vor?“
„Ich will hinter die kommen. Das ist unsere einzige Chance, denn wenn die uns hier einkreisen, sind wir so gut wie tot.“
„Aber ihr habt keine Waffe!“
„Ich habe sogar drei Waffen, Sybilla. Das Fischmesserchen, die Dunkelheit und wenn mein Vorhaben gelingt, die Überraschung. Außerdem gibt es etwas, dass ich euch über mich noch nicht gesagt habe. Aber das erkläre ich euch später. Jetzt legt euch bitte hier in die Mulde.“
Etienne gibt sich in der Dunkelheit redlich Mühe, Sybilla mit den Ästen und Zweigen zu verstecken und dabei noch leise zu bleiben. Er ist sich völlig sicher, welche Aufgabe jene Männer mit den Fackeln und der lauten Stimme haben. Die sind lediglich die Treiber, die das ‚Wild‘ aus der Deckung scheuchen sollen, damit die Jäger mit ihren Bögen, Speeren und Lanzen eine erfolgreiche Jagd haben. Bereits als kleiner Junge hatte er seinen Vater bei den Treibjagden als Treiber begleitet. Mit einer lauten Klapper hatte er teilnehmen müssen und ihm hatten die Tiere leid getan, die ohne jede Möglichkeit zur Flucht den Jägern zugetrieben worden waren. Und dann ist da ja auch noch der Tod seines Vaters auf jener unsäglichen Treibjagd, bei der er mit dem Bolzen beschossen worden war…. Ja, auch er hat seine Treibjagd-Erfahrungen.
Er geht vorsichtig zwischen den Bäumen nach unten und bevor er mit seiner Sandale irgendwo fest auftritt, tastet er, ob er vielleicht auf einen morschen Ast treten könnte. So dauert das zwar, aber er hat es nicht eilig, denn die kommen schließlich auf ihn zu. Vor ihm raschelt jetzt etwas und das ist sicherlich kein Wild. Er geht bis zum nächsten Baum, nimmt das Fischmesser in die rechte Hand, so dass die Klinge in der Faust nach unten zeigt und geht dort in die Hocke. Da! Das Rascheln ist jetzt so nah, dass er jetzt auch das schwere Atmen hören kann. Natürlich! Die sind ja jetzt den Hang hinaufgegangen! Wenn die eine schwere Ausrüstung tragen, haben die jetzt bereits etwas geleistet. Aus seiner hockenden Position sieht er jetzt den Mann, der von hinten von einer Fackel angeleuchtet wird, an sich vorbei gehen. Etienne atmet ein, schnellt hoch und sticht mit dem Messerchen in die linke Seite der Kehle und zieht das Messer mit einem Ruck nach rechts. Nein, das ist keine der Lehren von Meister Conrad. Das ist von Livianes Vater Osgard, der mit seinem Vater den einen oder anderen Feldzug mitgemacht und überlebt hatte.
Der Mann geht gurgelnd in die Knie und Etienne fängt ihn auf, damit er nicht noch mehr Lärm macht. Der Mann trägt ein Kettenhemd und Etienne ist froh, dem Mann an die Kehle gegangen zu sein. Etienne tastet den sterbenden Krieger nach Waffen ab und nimmt sich ein langes Schwert, wie es die Franken und die Nordmänner gleichermaßen verwenden und einen drei handbreit langen Dolch. Sein kleines Messerchen kommt wieder zurück an die Schnur, die er anstatt eines Gürtels verwendet. Einer der Fackelträger nähert sich jetzt etwas versetzt den Hang herauf und Etienne drückt dem sterbenden Krieger jetzt dessen eigenen Dolch tief in den Hals, bis der sich nicht mehr rührt. Seine Hände zittern ein wenig und sein Puls rast. Als er auf seinen Atem achten will bemerkt er, dass er beinahe wie ein Hund hechelt. Er achtet jetzt auf seinen Atem und beginnt damit das Glaubensbekenntnis zu rezitieren.
Der Fackelträger in seiner Nähe ruft jetzt „Und, hat schon jemand etwas bemerkt?“ und macht mit seinen Füßen einen Lärm, dass sich Etienne kaum Mühe geben muss, um den Mann zu überraschen.
„Wo ist die Geschwindigkeit einer Klinge am größten Etienne?“
„Ähh … wie meint ihr das, Meister Conrad?“
„Nun mein Junge, überlege dir einmal, wo die Wucht, mit der eine Klinge auftrifft, am Größten ist. Am Heft oder der Klingenspitze?“
Vorne an der Spitze natürlich, hatte er vor fünf Jahren intuitiv geantwortet und der Meister hatte ihm demonstriert, was er mit der Frage bezweckte. Um einem Gegner mit einem Hieb ein Körperteil abzutrennen, bedarf es viel Kraft und vor allem eines guten und langen Schwertes, das mit Wucht geführt werden muss. Der Schlag muss im vorderen Drittel der Klinge treffen, um ein Maximum an Wirkung erzielen zu können.
„… denn was glaubst du, warum die Schwerter immer länger werden, mein Junge. Es ist nicht nur wegen der Reichweite, sondern auch wegen der Durchschlagskraft….“
Meister Conrad wäre stolz auf ihn, wenn er jetzt diesen Schlag gesehen hätte. Noch bevor der kopflose Körper zusammensackt, nimmt Etienne die Fackel an sich und leise spricht er weiter das Bekenntnis zum christlichen Glauben. Weil die beiden anderen Fackelträger jeweils links und rechts von ihm gehen und als Treiber fungieren, werden die vermutlich ebenfalls vor sich mindestens einen ‚Jäger‘ haben. Er nähert sich nun mit seiner Fackel ihrem Versteck und hat eine waghalsige Idee.
Leise sagt er „Sybilla, ich brauche eure Hilfe! Könnt ihr euer Versteck verlassen und die Fackel tragen?“
„Etienne? Etienne, ihr seid verletzt!“
„Nein, keine Sorge. Es ist nicht mein Blut. Bitte, traut ihr euch zu, mit der Fackel bergauf zu gehen?“
„Gebt mir Fackelding und ich werde Glück versuchen. Habt ihr Waffe für mich?“
„Nehmt den Dolch und geht voran, damit wir nicht auffallen. Egal was passiert: ihr geht weiter, versteht ihr?“
„Ja Etienne.“
„Also, was tut ihr?“
„Ich habe verstehe. Gehe weiter.“
„Bettet eurer Gracia Regina um euch zu beruhigen.“
Laut ruft er jetzt, seine Stimme so gut es geht verstellend „Habt ihr schon jemand aufgescheucht?“ … und wartet erst gar nicht die Antwort ab. Er schlägt jetzt einen Bogen nach links und gelangt tatsächlich in den Rücken des nächsten Fackelträgers, der durch das Rascheln im Laub hinter ihm aufmerksam gemacht, mit der Fackel herumwirbelt. Etienne duckt sich schnell, um dann nach oben zu schnellen und zuzuschlagen. Dieser Schlag geht zu tief und trifft auf den Kragen des Mannes und der Fackelträger geht lediglich in die Knie. Hier wäre der lange Dolch nicht schlecht gewesen, doch das kleine Messerchen wird zum Retter in der Not. Es gelingt ihm, den Mann mit einem schnellen Stich in den Hals zu töten. Die Fackel landet allerdings auf dem Boden und erlischt beinahe
„Was ist Guynard?“
„Scheiße! Bin gestolpert.“ Vor Aufregung atmet er jetzt wieder schneller und muss sich erst beruhigen. Vor sich sieht er jetzt etwas glitzern und er erkennt, dass sein Vordermann offenbar zurückkommt.
„Verflucht, hast du dir was getan, oder was?“
Etienne hüstelt etwas und mit rauer, schmerzverzerrter Stimme sagt er „Ich habe mir den verdammten Fuß verstaucht. Kannst du mir mal helfen?“
„Mann! Du bist echt zu nichts zu gebrauchen. Eigentlich sollte ich dich …“
Es interessiert Etienne nicht, was der eigentlich sollte. Gurgelnd bricht der Mann zusammen und greift mit beiden Händen an die breite Wunde, die Etiennes Schwert in seinen Hals geschlagen hat. Das interessanteste an dem Mann ist allerdings der Bogen, den der griffbereit in der Hand trug und nun fallen gelassen hat. Etienne ist aber leider eher ein mittelmäßiger Bogenschütze und so lässt er den Bogen liegen, bildet mit den Händen einen Trichter und ruft stattdessen in die Richtung des Flusses „Hierher! Hier sind sie. Ich hab die Frau erwischt. Hierher!“
Etienne hofft, dass seine etwas verstellte Stimme dadurch, dass er nun in einen andere Richtung gerufen hat, nicht erkannt wird.
„Wer hat gerufen, wer ist das?“
„Ich bin’s, Guynard.“ Etienne erkennt die Stimme von Colbert direkt wieder und so wie sich das anhört, kommt der jetzt von schräg oberhalb jener Position, an der sich der rechte Fackelträger befindet.
„Wo ist Guillem?“
Etienne steckt jetzt die Fackel in den Boden und schlägt mit seinem Schwert gegen das Schwert, das der tote Fackelträger umklammert, dass Funken schlagen. Wieder und wieder schlägt er so, dass das Schwert nicht aus der Hand des Toten geschlagen wird, sondern lediglich für Kampfgeräusche sorgt. Er erkennt jetzt, dass sich die Fackel von ganz rechts jetzt schräg seiner Position nähert, nimmt sich ein weiteres Schwert und den Dolch des Toten und zieht sich aus dem Lichtkreis der Fackeln zurück. Er bindet den Dolch an die Schnur um seine Hüfte und mit beiden Schwertern in den Händen geht er hinter einem Baum in Deckung. Sybilla hat seine Anweisung offenbar missachtet, denn dort, wo sie sich mit ihrer Fackel befinden sollte, wendet sich diese Fackel ebenfalls abwärts. Nun, vielleicht ist das auch nicht schlecht. So verrät sie sich wenigstens nicht.
Äste krachen und vor irgendwoher weiter oben hört er einen leisen Fluch. Ein Mann hastet ohne Fackel durch den dunklen Wald und entweder hat der die Sehkraft einer Eule oder ist einfach nur leichtsinnig. Etienne geht in einem leichten Kreis außerhalb des Fackelscheines seiner Fackel dem Mann entgegen, der jetzt deutlich zu hören ist. Der Mann flucht erneut und ein Scheppern ist zu hören, als ob Blech an einen Baum geschlagen wurde. Ist der jetzt tatsächlich an einen Baum gelaufen? Auch der andere Fackelträger hat den Schlag gehört und ruft „Frederic? Ist alles in Ordnung?“ Als Antwort hört Etienne jetzt ein Stöhnen und weil sich das Licht der anderen Fackel schnell wackelnd nähert, vermutet er, dass der andere Fackelträger dem offenbar gestürzten Frederic Colbert zu Hilfe kommen will.
Etienne stößt mit seinem Fuß an einen der unzähligen Äste auf dem Waldboden und hat plötzlich eine Idee. Er nimmt den Ast, der etwas dünner als sein Unterarm ist, und wirft diesen in die Richtung von Frederic Colbert.
„Hier bin ich Philipe. Hier drüben!“
„Wo ist der verfluchte Mistkerl?“
„Woher soll … warte Philipe. Die Fackel dort drüben! Das ist nicht Robert! Hol dir den Mistkerl, oder vielleicht ist es ja auch diese hässliche Schlampe mit der verbrannten Fresse.“
Etienne wird es jetzt Angst und Bange um Sybilla. Genau diese Situation hat er vermeiden wollen.
Er eilt jetzt jenem Philipe hinterher, dessen Stimme er als die des Custus erkannt hat. Dessen Fackel sorgt wenigstens für ausreichend Sicht für ihn und als er einen armlangen Ast sieht, der sich für seine Absicht eigenen könnte, bückt er sich schnell und wirft den Ast in die Richtung des fackeltragenden Mannes. Der Wurf ist gut und der Mann stolpert über den Ast, der ihm zwischen die Beine gerät. Die Fackel fällt zu Boden und der Mann kann einen Sturz gerade noch verhindern.
„Hinter dir Philipe! Pass auf!“ Der Ruf Colberts lässt den Mann vor ihm umdrehen und Etienne zielt und wirft das rechte Schwert mit aller Kraft. Das Schwert dreht sich surrend zweimal um die Längsachse und dringt bis zur Mitte in den ungeschützten Hals des Custus ein. Etienne bleibt keine Zeit, denn noch immer ist ein Gegner unterwegs und Colbert ist ein hinterhältiger Mistkerl. Das weiß Etienne nur zu gut. Er wirft mit einem Ast in die Richtung, in der er Colbert vermutet und ist überrascht, dass der tatsächlich reagiert. Ein erschreckter Ausruf gibt ihm zumindest die Richtung an. Etienne nähert sich vorsichtig, denn einer der Männer hatte schließlich einen Bogen. Ein Bogen oder eine Armbrust würde auch zu Frederic Colbert passen.
Die Dämmerung setzt ein und allmählich wird es heller im Wald und Etienne kann inzwischen sogar einzelne Äste vor seinen Sandalen erkennen. Er nimmt einen weiteren Ast auf und wirft ihn wieder in die gleiche Richtung. Ein brechender Ast von weiter links lässt ihn zusammenschrecken und im gleichen Moment spürt er einen beißenden Schmerz im rechten Oberschenkel.
Colbert hat mit ihm gespielt, das wird Etienne jetzt klar. Der Armbrustbolzen hat ihn nur am Oberschenkel gestreift und eine blutende Wunde gerissen. Colbert kann ihn vermutlich gegen den heller werdenden Himmel hinter sich besser sehen, als er Colbert sehen kann, der sich irgendwo unterhalb befindet. Ein weiterer Bolzen saust haarscharf an seinem Kopf vorbei und Etienne hat den Eindruck, dass sich Colbert einschießt. Er tritt hinter dem Baum, hinter dem er jetzt steht, kurz hervor und zieht sich sofort zurück. Er spürt den Lufthauch des vorbeifliegenden Bolzens und nutzt den Moment, den Colbert braucht um zu spannen und einen neuen Bolzen aufzulegen und springt jetzt in einem großen Satz hinter dem Baum hervor. Er läuft jetzt in einem Bogen in die Richtung, in der er Colbert vermutet.
Feste Bundschuhe wären jetzt besser, als seine Sandalen, aber es muss auch so gehen. Ein Bolzen schlägt unmittelbar vor ihm in den Stamm einer Buche und Etienne schlägt einen Haken wie ein Hase, um dann hinter einem anderen Baum stehen zu bleiben. Etienne bückt sich, um wieder nach einem Ast oder einem Stein zu suchen, den er werfen kann und dabei kann er Colbert nun erkennen. Der steht etwa zehn Schritte entfernt und richtet seine gespannte Armbrust in die Richtung, in der Etienne nun sein müsste, wenn er nicht stehen geblieben wäre. Nun haben sie beinahe die gleichen Chancen, was die Lichtverhältnisse angeht. Etienne bückt sich vorsichtig und tastet unter dem Laub nach ein paar kleinen handlichen Steinen und wirft aus der Deckung heraus einen der drei kleinen Steine etwas weiter runter, als Colbert zielt. Die Armbrust ruckt herum und entlässt einen Bolzen, der in der Dunkelheit dort unten verschwindet. Etienne wirft den zweiten Stein so weit er kann und nun dreht ihm Colbert beinahe den Rücken zu, hält aber den Bolzen dieses Mal zurück.
So leise wie Etienne kann, nähert er sich dem Mann bis auf gut sechs Schritte, der ihn aus welchen Gründen, die er nicht versteht, als seinen Feind betrachtet. Bevor Colbert sich wieder in seine Richtung umdreht, wirft Etienne den dritten Stein in die gleiche Richtung wie zuvor und jetzt lässt Colbert den Bolzen los. Leise fluchend spannt der mit großer Übung und viel Kraft die Armbrust und nimmt einen weiteren Bolzen von jenen auf, die er vor sich in den Boden gesteckt hat und legt wieder an. Etienne hat die Zeit genutzt, um sich jetzt auf vier Schritte zu nähern und hinter dem letzten Baum in Deckung zu gehen. Er bückt sich vorsichtig und seine Hände ertasten wieder ein paar Steinchen unter dem alten Laub. Dieses Mal wirft er in die Richtung schräg gegenüber und wie erwartet, wendet ihm Colbert nun vollends den Rücken zu, hält den Bolzen aber noch auf der Armbrust. Etienne steht nun da und könnte mit einem Wurf in den Rücken seinen Gegner überwältigen und er hört die Stimmen von Osgard und Meister Conrad in seinem Kopf, die ihn vor Mitleid mit dem Gegner im Kampf warnen.
Etienne tritt mit erhobenem Schwert hinter dem Baum hervor und inzwischen spielt es kaum noch eine Rolle, wo er sich im Wald aufhalten würde, denn die Dämmerung ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass die Sicht im Wald so gut ist als ob er vom Vollmond hell erleuchtet würde. Er erkennt, dass auch der ein Jahr jüngere Mann ein Schuppenhemd aus Eisenblättchen trägt und ein Wurf in den Rücken wahrscheinlich sowieso erfolglos bleiben würde. Er möchte den jüngeren Mann die Frage stellen, was der Grund für den Hass ist, mit dem dieser ihn verfolgt und so tritt er einen weiteren Schritt heran und sagt laut „So sehen wir uns also wieder Colbert.“
Schneller, als es Etienne vermutet hatte, ruckt Colbert herum und der Bolzen, der die Armbrust verlässt, hätte ihn um ein Haar getroffen. Etienne lässt seinem Gegner jetzt keine Zeit, einen neuen Bolzen aufzulegen und mit einem Hieb schlägt er Colbert die Armbrust aus der Hand. Colbert zieht jetzt sein Schwert und geht in einer fließenden Bewegung in Angriffsposition, um auch gleich den ersten Schlag in Etiennes Richtung zu führen.
Wer hätte das gedacht, dass dieser Arsch offenbar eine Ausbildung im Schwertkampf absolviert hat. Etienne bleibt nichts anderes übrig, als zu reagieren und wird von Colbert Schlag um Schlag zurückgedrängt. Etienne hat zunächst gar keine Zeit, um sich zu ordnen. Schließlich gelingt es ihm, einem wuchtig geführten Schlag auszuweichen, ohne den parieren zu müssen und setzt nun seinerseits nach und ihm gelingt ein Schlag an das linke Knie Colberts, das dabei fast durchtrennt wird, aber auch Colbert gelingt noch ein Treffer, der einen tiefen Schnitt auf seinem linken Oberarm hinterlässt. Etienne ächzt vor Schmerz und Colbert schreit seinerseits seinen Schmerz und sein Entsetzen laut in den neuen Tag. Etienne setzt jetzt nach und es gelingt ihm, den rechten Unterarm Colberts zu treffen. Schwert, Hand und ein Teil des Armes fliegen noch ein paar Schritte weiter und Colberts Schrei wird lauter und gellender. Etienne ruckt mit ausgestrecktem Schwert herum, als er ein Rascheln hinter sich hört und fast hätte er Sybilla getötet, die mit großen Augen und offenem Mund hinter ihn getreten ist.
Etienne wendet sich wieder Colbert zu, während er Sybilla anschreit „Verdammt! Ich hätte euch um ein Haar getötet! Was habt ihr euch dabei gedacht, Sybilla!“
Colbert sitzt nun vor ihm und versucht mit seiner linken Hand die Blutung an der rechten Hand zu unterbinden, während ihn sein Blut an seinem linken Bein in einem Strom verlässt und den Waldboden glänzend dunkelrot färbt.
Etienne löst die Schnur von seiner Hüfte und bindet diese um den Oberschenkel des Mannes, der ihn eben noch töten wollte und dreht die Kordel mit einem Stück Holz so fest, dass der Blutfluss langsam endet.
„Weißt du Colbert, das hättest du dir alles ersparen können, wenn du uns in Ruhe gelassen hättest.“
„Quatsch mich nicht an, du verfluchter Mistkerl. Was weißt du schon!“
„Stimmt. Was weiß ich schon. Ich habe tatsächlich keine Ahnung, warum du mir nachstellst und warum mit dir mindestens zwei der Väter aus Saint-Germain hinter uns her waren. Ich habe echt keine Ahnung aber vielleicht kannst du mir ja sagen, was euch dazu getrieben hat.“
Der Angriff kommt zwar überraschend, aber Etienne hat genug Zeit, um zu reagieren, denn Colbert muss mit seiner linken Hand zuerst einmal seinen blutenden Armstumpf loslassen, bevor er sich den langen Dolch aus dem Gürtel ziehen kann. Es ist eher ein Reflex von Etienne, der ihn mit dem Dolch, den er zuvor mit der Schnur an seine Hüfte gebunden hatte, in die Richtung der ungeschützten Kehle von Colbert stechen lässt. Colberts linke Hand sinkt nun kraftlos herunter und der Dolch gleitet ihm aus der Hand. Etienne schüttelt mit dem Kopf und sagt „Warum? Warum musstest du das jetzt tun, du Idiot.“
„Du hast ihn gekannt gut?“
Etienne kniet noch immer am Boden und Sybillas Hände legen sich links und rechts auf seine Schultern. Weil Etienne nicht antwortet, kniet sie sich neben ihn und kann jetzt die Tränen erkennen, die über Etiennes Gesicht laufen.
„Ich habe heute Nacht sechs Menschen getötet, Sybilla. Ich habe sechs Leben genommen.“
„Und uns gerettet Leben. Nicht vergessen! Wir nicht eingeladen die zu komme, Este?“
Etienne beruhigt sich allmählich und sein Blick geht zu Sybilla, die rechts neben ihm kniet. Gegen das Licht des heller werdenden Himmels sieht er nur ihre linke Gesichtshälfte und ihre Haare, die wie wirr nach allen Seiten abstehen.
Sie ist eigentlich eine hübsche Frau…
„Na kommt Sybilla, lasst uns einmal die Toten durchsuchen. Vielleicht finden wir auch einen Hinweis darauf, was die antrieb und gute Waffen und gute Kleidung kann man auch zu Geld machen, oder?“
„Schnell ihr euer … Consternatio? … wie heißt richtig?“
„Ihr meint, dass ich meine Bestürzung schnell überwunden habe? Ja, vermutlich … Aber es hilft uns beiden auch nicht weiter, wenn wir hier sitzen bleiben und ihr habt Recht damit, wenn ihr sagt, dass die es ja schließlich waren, die uns wie Wild bei einer Treibjagd aufscheuchen und töten wollten. Wir sollten uns aber zunächst dort unten am Hang umsehen, denn die sind ganz sicher mit Pferden gekommen und die müssen schließlich ja irgendwo geblieben sein und vielleicht gibt es da auch noch jemand, der auf die Pferde aufpasst, nicht wahr?“
Tatsächlich finden sie unten an der Straße acht gesattelte Pferde an ein Seil gebunden, dass man zwischen zwei Bäume gespannt hat. Von einem Wächter ist nichts zu sehen, was aber nichts heißen muss. Etienne und Sybilla stehen hinter zwei Eichen und versuchen beide zu erkennen, wo sich der eine Wächter aufhält, denn weil nur eines der acht Pferde einen Packsattel trägt, fällt es ihnen leicht, den Schluss daraus zu ziehen, dass es noch einen siebten Mann geben muss. Die Rechnung ist einfach.
Etienne versucht es wieder mit einem Stock, den er in die Richtung der Pferde wirft, die daraufhin unruhig werden und an den Zügeln zerren, mit denen sie an das Seil gebunden wurden. Etienne schüttelt mit dem Kopf und sagt sich, dass jemand, der so mit Pferden umgeht, ohnehin kein guter Mensch sein kann.
Vom Ufer des Flusses kommt jetzt durch das Schilf ein junger Mann, der beruhigend auf die Pferde einredet. Etienne ist sich sicher, dass er das Gesicht des höchstens 14 oder 15-jährigen schon mal gesehen hat, kann sich aber nicht erinnern, wo und bei welcher Gelegenheit das gewesen sein könnte. Weil der Junge unbewaffnet zu sein scheint, verlässt Etienne seine Deckung und rennt nun die letzten Schritte aus dem Wald heraus in die Richtung des jungen Mannes, der ihn jetzt kommen sieht und seinerseits in die Richtung der Pferde eilt. Sie treffen beinahe gemeinsam bei den Pferden ein und Etienne ruft „Halt ein! Ich tue dir nichts, wenn du dich jetzt ergibst.“
„Das so passen dir! Jeg vil hellere dø med et sværd i hånden, for at give mig.“
Was ist denn das für eine Sprache?
„Ich habe zwar keine Ahnung, was du da sagst, aber ich gehe davon aus, dass du kämpfen willst.“ Etienne nähert sich dem jungen Mann mit den beiden Schwertern, die er mitgenommen hat. Sybilla, die meinte, als Kind schon mal mit einem Bogen geschossen zu haben, hatte vergeblich versucht, den einen Bogen zu spannen, der heil geblieben war und diesen wieder weggelegt und stattdessen nur ihren Dolch mitgenommen. Mit diesem Dolch in der erhobenen Hand tritt sie zwischen den Bäumen hervor und ruft „Deine Begleiter alle tot und du auch sterben, wenn du dich auf Kampf einlassen. Das ist willst du?“
Der Mann blickt jetzt sichtlich irritiert zwischen Sybilla und Etienne hin und her und bückt sich dann, um eine langstielige Kampfaxt und ein Schwert aufzunehmen.
„Idiota! Weglege Waffe.“
„Sybilla nein! Bleibt stehen, um Gottes Willen.“
Der junge Mann setzt in Sybillas Richtung zum Wurf mit der Axt an ruft „For mine forfædre!“ und wendet sich blitzschnell Etienne zu, der sein rechtes Schwert erhoben hat, um den Hieb zu parieren und im letzten Moment nach unten zieht und dem gegnerischen Hieb um Haaresbreite ausweicht. Etienne spürt den Luftzug der Klinge des Jungen und er spürt den Schnitt, den die Spitze in seine Schulter ritzt, bevor sie auf das zweite Schwert trifft, dass Etienne eher lose in der linken Hand gehalten hatte und das ihm durch den Aufprall aus der Hand geschlagen wird. Etiennes Klinge wiederum hat den jungen Mann tief in die Seite getroffen und steckt in dessen Körper fest. Er lässt das Schwert los und bückt sich nach der zweiten Klinge, um mit dieser den zweiten Schlag des jungen Mannes zu blocken, der offenbar von der Wunde in seiner Seite unbeeindruckt ist. Mit einem lauten Schrei holt der junge Mann, den Etienne wegen der Sprache für einen der Nordmänner hält, erneut zu einem Schlag aus, als der von einem Ast auf den Kopf getroffen, zusammenbricht. Sybilla steht hinter dem Mann und hält den unterarmdicken Ast noch immer wie einen Prügel umklammert und fragt „Warum ist so verrückt, unbedingt sterbe will?“
Etienne zuckt mit den Schultern und verzieht das Gesicht, denn das ist heute Morgen die zweite Verletzung an der linken Schulter. „Ich habe keine Ahnung Sybilla. Danke, dass du diesen Verrückten gebändigt hast. Komm, lass uns hier zusammenräumen und die Pferde in den Wald führen. Dann kümmern wir uns um den Helden hier und später solltest du dir auch einmal meine Wunden ansehen.“
„Wunden? Welch Wunden Etienne?“
„Später Liebes!“ Es ist ihm einfach so herausgerutscht. Liebes…
Er wendet sich den Pferden zu und nimmt die paarweise mit in den Wald, um die dann auch dort an jenem Seil anzubinden, das zuvor bereits zwischen den Bäumen gespannt war. Er macht sich jedoch die Mühe und lockert die Sattelgurte und schnallt die Gebisse aus den Halftern, damit sich die Pferde nicht noch mehr verletzen, denn ein Pferd hat bereits einen blutigen Riss im Maulwinkel. 

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Die Sonne steht schon fast im Zenit, als sie endlich aufbrechen. Sie haben gemeinsam die toten Männer oben im Wald durchsucht und dabei festgestellt, dass unter den Toten neben dem Custus Philipe auch noch Vater Robert, der Novizenmeister, und einer der beiden Brüder war, die Etienne vom Krankenhaus zum Karzer und dann zum Haus des Abtes gezerrt hatten.
Während sich dann Sybilla um den schwer verletzten Nordmann gekümmert hatte, zog Etienne die Toten in eine Reihe, nahm denen das von deren Ausrüstung, was er für sich und Sybilla behalten wollte und bedeckte die dann dürftig mit Ästen und Steinen. Er sprach noch ein Gebet für die Seelen der Männer und befahl sie der Gnade Gottes, bevor er zu Sybilla ging. Sie saß weinend vor dem jungen Nordmann, der trotz ihrer Bemühungen wegen der Bauchwunde gestorben war und gemeinsam gruben sie mit der Axt und einem Schwert eine Mulde, in die sie ihn legten und mit Erde und ein paar Steinen bedeckten. Sie hatten kaum miteinander gesprochen und als Etienne drängte, aufzubrechen, nickte sie nur. Etienne hatte die Pferde umgepackt, um nicht aufzufallen und keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Die Sättel von drei Pferden hatte er einem der anderen Pferde noch aufgelegt und abgedeckt, so dass es aussieht, als ob das Pferd eine Last tragen würde; das Packpferd hatte ebenfalls einen weiteren Sattel zusätzlich als Last zu den Sachen bekommen, die sie mitzunehmen gedachten und Sybilla, die Etienne versichert hatte, reiten zu können, führt das Packpferd, während Etienne die anderen fünf Pferde an dem langen Strick hinter sich herzieht, an den die Pferde zuvor angebunden waren. Sie sehen nun fast wie Händler mit zwei Packpferden und vier ledigen Pferden aus und fallen dadurch hoffentlich nicht so auf, wie sie bisher als Fußgänger aufgefallen waren.
Sie reiten in einem zügigen Schritt stumm nebeneinander und gegen die neunten Stunde des Tages beziehungsweise der dritten Stunde des Nachmittags fragt Etienne schließlich „Was ist Sybilla? Was quält euch so?“
„Ach … er in meine Arm ist gestorben. Das ist schlimm, eh.“
„Er hätte euch ohne Zögern mit der Axt getötet, wenn ihr der Axt nicht ausgewichen wärt. Er hätte mich ohne Zögern getötet, wenn ihr ihm nicht den Ast auf den Kopf geschlagen hättet. Der kannte offenbar nur kämpfen und sterben und ich frage mich vielmehr, was der Grund für die Anwesenheit des Jungen war. Drei Brüder aus Saint Germain, ein ehemaliger Novize aus Saint Germain, zwei Männer, die sicherlich keine Krieger waren, aber mit Waffen umzugehen verstanden und einen wohlhabenden Eindruck machten und dann dieser Junge. Es ist ein Rätsel, Sybilla.“
„Junge Mann hat schon mal gesehen. Ich bin sicher. Ja ist Rätsel.“
„Wollt ihr eine Rast machen, Sybilla? Wir haben etwas zu essen und zu trinken und können den Pferden die Möglichkeit geben, etwas Gras zu fressen.“
„Ich überrascht ihr nicht sagen umgekehrt. Erst Pferde Gras fressen und dann wir essen und trinken.“ Sie lacht ein wenig dabei und Etienne ist erleichtert, dass sie sich etwas zu erholen scheint.
„Ihr Pferde liebt, nicht wahr?“
„Ja, ich liebe Pferde Sybilla. Ich liebe Pferde und bevor wir heute Nacht von diesen Männern aufgeschreckt wurden, habe ich über drei Worte nachgedacht, die ihr in jener verhängnisvollen Nacht vor …“ er muss überlegen, wieviel Zeit inzwischen vergangen ist und kopfschüttelnd stellt er fest, dass inzwischen fünf Tage und Nächte zwischen jenem Ereignis im Krankenhaus und dem nächtlichen Überfall liegen…
„… ihr in jener Nacht vor fünf Tagen habt ihr drei Worte gesagt, Sybilla. Ich dachte heute Nacht darüber nach und ich finde, ihr habt eine Antwort verdient. Aber die möchte ich euch erst geben, wenn ich mir meiner Gefühle sicher bin, denn ihr gehört nicht zu den Frauen, mit denen man leichtfertig einfach einmal für ein paar schöne Stunden im Heu verschwindet, wenn ihr wisst, was ich meine.“
Sie erreichen eine Biegung der Seine und eine Wiese erstreckt sich links vor ihnen bis zum anderen Ende der Biegung. Ein Schäfer treibt bei ihrer Ankunft ein paar Schafe zusammen und blickt ihnen neugierig nach, als sie mit den Pferden über die Wiese zum Waldrand reiten und den Pferden die Möglichkeit geben, das üppige Gras am Waldrand zu fressen.
„Oh je. Glaube, ich bald nicht mehr kann sitzen, Herr Etienne. Hier alles rot ist und wund.“
Sie zeigt dabei in die Gegend des verlängerten Rückgrats und Etienne lacht laut auf. Natürlich! Sie sagte, sie könne reiten, was ja auch offenbar zutrifft, aber wie mag es erst bei ihr aussehen, wenn selbst sein reiterprobter Hintern, der seit vier Jahren auf keinem Pferderücken mehr gesessen hat, etwas drückt und zwickt.
„Wenn ihr noch bis zum Abend durchhaltet, dann seid ihr erlöst, denn dann sollten wir die Ille de la Motte erreicht haben und dann verspreche ich euch ein weiches Bett und etwas Warmes zu essen.“
„Dann sollten aufbrechen, bevor noch verlier Lust, ruiniere Podex und ihr noch mehr lache mich über. Außerdem habe gesehen Wolken?“
„Na gut, lasst uns aufbrechen und uns ein wenig sputen, ich werde euch zuvor aber noch die Riemen eurer Steigbügel kürzen.“
Er kümmert sich um die Lederriemen, mit denen die beiden kastenförmigen Steigbügel am Sattel befestigt sind und mit ihrem Armmaß stellt er diese ein. Dann macht er die Pferde fertig, hilft ihr wieder in den Sattel und kurz darauf sind sie bereits hinter der Flussbiegung verschwunden.
Sie traben jetzt häufiger und als Etienne sicher ist, dass die Last auf den Packpferden nicht herunterfallen wird, fragt er Sybilla „Traut ihr euch zu, eine Strecke zu galoppieren, Sybilla?“
„Wenn wir dadurch früher Ziel erreichen…. Aber wie ist mit Führpferden? Werden so einfach galoppieren?“
„Darum werde ich mich kümmern. Gebt mir bitte euren Strick, damit ich die jetzt koppeln kann.“
Er muss dazu noch nicht einmal absteigen und nach anfänglichen Schwierigkeiten galoppieren sie dann eine Weile, um dann wieder eine Strecke im Schritt zu gehen und dann wieder einen längeren Abschnitt zu galoppieren.
Viel früher, als ursprünglich gedacht, erreichen sie die Ille de la Motte und von weitem erkennt Etienne bereits das breitere Ende der Halbinsel mit den hohen Pappeln, die das kleine Dorf jener Leute umgeben, die als Unfreie leben und für die seine Familie die Verantwortung trägt. Sein Herz schlägt schneller, denn es ist die Vorfreude, die gewohnte Umgebung wiederzusehen und obwohl der Gedanke an Valentin seine Freude etwas trübt, denkt er an seine Mutter und die Geschwister, die schließlich nicht so wie Valentin sind. Dann muss er an jene Aussage von Irmgardis denken. ‚Das Grab unserer Kleinen‘ … Das waren ihre Worte und seine Stimmung ist mit einem Mal dahin. Wie oft hatte er in den letzten vier Jahren an Irmela gedacht und vor allem, wie oft hatte er von ihr geträumt! Wie oft war es vorgekommen, dass nach so einem Traum sein Laken feucht war…. Verheiratet mit einem Schleppkahnfahrer…. Valentin ist echt ein Idiot!
Sie reiten jetzt bereits auf der Höhe des Dorfes und Etiennes Augen suchen die Hütten der Menschen, die dort seit vielen Generationen lebten und für seine Familie arbeiteten, aber seine Augen finden die vertrauten Umrisse der Hütten nicht, die man doch zwischen Weiden, Haselsträuchern und vor allem der dichten Eschen und den hohen Pappeln erkennen müsste. Sagte Irmgardis nicht etwas von Veränderungen?
Er kann nun deutlich in den hohen Ästen der Büsche am Ufer Reste von Treibholz erkennen und anderes Schwemmgut, dass von den Dörflern immer aus den Hecken geholt wird, weil es eine willkommene Ergänzung zu den Zuteilungen an Brennholz ist. Warum scheint sich hier niemand dafür zu interessieren? Auf den zweiten Blick fällt ihm auf, dass dieses Schwemmgut wirklich sehr hoch in den Ästen hängt und eine Gänsehaut überzieht seine Arme. Barmherziger Gott! Das sind doch sicherlich zwölf Fuß oder mehr! So hoch war die Seine oder der Sequana, wie der Fluss hier noch immer heißt, noch nie gewesen. Kleinere Überschwemmungen hatte es ja schon immer gegeben, aber so was!? Ihn beschleicht ein mulmiges Gefühl, als er sein Pferd antreibt, um zu der Verbindung zur Ille de la Motte zu reiten.
„Etienne, warum seid ihr so still?“
„Nicht jetzt, Sybilla. Bitte gebt mir einen Moment, denn hier stimmt etwas nicht.“
Er zieht sein Schwert, um sich besser zu fühlen und als er zum Verbindungsweg abwendet sieht er es, oder vielmehr sieht er es nicht.



© Hartmut Emrich MMXVI